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Ri N 7: COLLECTION.
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RR Tab. I.
% Pavo Criftatus, le Poon. Der Pfauenhahn. (1) Die Pfauenhenne. (2) Der Doppelſporn. (3) Um mit der Ordnung von Vögeln, die wir jetzt zu beſchreiben anfangen, naͤher bekannt zu werden, haben wir nicht nöthig, in menſchenleeren, afrika⸗ niſchen Wuͤſten, unter einem brennenden Himmel, in dicken Waͤldern, an Seeen und Savannen, oder auf Gebirgen und Klippen herumzuirren. Nein, nur in unfre Huͤhnerhoͤfe dürfen wir unſre Leſer führen, Sie werden da Geſchoͤpfe finden, die die Schönheit ihres Gefieders, ihr mannigfaltiger Nutzen, und ihre natuͤrlichen Anlagen zur haͤuslichen Selaverey dem Menſchen ſo werth machten, daß er ſie mit Ver⸗ gnuͤgen als Hausgenoſſen aufnahm. Alle diejenigen Voͤgel, die in die Ordnung der huͤhnerartigen oder Hausvoͤgel (Gallinæ) Vögel II. Theil. A gehd⸗
2 Der Pfau.
9 0 haben einen erhabnen Schnabel, der von der Wurzel bis an die halben Naſenldcher mit einer fleiſchigen Haut überzogen iſt, und deſſen obere Raͤn⸗ der über die untern hinausragen. Die Meiſten ha⸗ ben drey, am erſten Gelenke verbundnen Vorderzehen und eine Hinterzehe, zu der noch bey einigen Maͤnn⸗ chen ein Sporn kommt. Ihre Fluͤgel find kurz, ihr Schwanz hat mehr als 12 Federn, und ihre Nahrung beſteht in Körnern, die fie im Kropfe einweichen, ſo wie auch aus Inſecten und Gewuͤrmen. Gern waͤlzen fie ſich im Sande. Ihre Neſter find kunſt⸗ los. Ein Maͤnnchen hat mehrere Weiber und eine zahlreiche Nachkommenſchaft. Ihr betraͤchtlicher Nutze fuͤr uns, ihre wohlſchmeckenden Eyer, ihr zum Theil vortreffliches Fleiſch, ihre Federn, ihre An⸗ haͤnglichkeit an den Menſchen, haben ſie eben ſo all⸗ gemein zu Hausthieren gemacht, als gewiſſe wies derkaͤuende Thiere unter den vierfuͤßigen.
Soll die Schönheit allein den Rang unter un⸗ ſerm Hausgefluͤgel beſtimmen, ſo gebuͤhrt unlaͤug⸗ bar dem Pfauen der Allererſte, ja auch die andern Ordnungen wuͤrden ſchwerlich ein Geſchoͤpf aufzu⸗ weiſen haben, das ihm denſelben ſtreitig machen koͤnnte. 3 prächtige Federn, ein an⸗
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Der Pfau. l ſehnlicher ſchlanker Wuchs, eine edle Stellung, ein zuweilen ſtolzer Gang, und ſchoͤne Verhaͤltniſſe aller Theile, machen dieſes Meiſter ſtuͤck der Natur zum vorzuͤglichſten Schmucke unſerer Huͤhnerhpfe, in de⸗ nen er auch den Herrn ſpielt. Vier Arten faßt dieſe Gattung in ſich, die alle vorwaͤrts liegende Kopffedern, einen ziemlich ſtarken gewoͤlbten Schna⸗ bel, weite Naſenlöcher, und lange Deckfedern am. Schwanze mit praͤchtigen Flecken oder Augen haben. Der gemeine Pfauenhahn (I) hat an jedem Fuße einen ſtarken Sporn, zwey andere Pfauenarten aber ihrer zwey, und eine gar keinen. Auf dem Kopfe desſelben prangt ein beweglicher Federbuſch, der das Thier ziert, ohne es zu belaͤſtigen. Er beſteht aus 24 nur an der Spitze baͤrtigen Federchen, von gruͤnlichem Goldglauze. Das ganze Gefieder des Hahnes vereinigt in Abſicht der Farben alles, was die Blumen Buntes, der Regenbogen Majeſtaͤti⸗ ſches, die Juwelen Funkelndes haben. Eine Farbe geht in die andere über, ſchmilzt mit ihr unmerklich zuſammen, und macht ein harmoniſches Gemaͤlde, das keine Beſchreibung erreichen kann Wie aus. einem Stuͤcke Sapphier iſt der Kopf, der Hals und die — geformt. Einen weißen und ſchwarzen Fle⸗
* | cken
4 Der Pfau. cken bemerkt man um die Augen, fo wie einen gel⸗ ben an den Fluͤgelſpitzen. Die Fluͤgel und der Ruͤ⸗ cken ſind von gemeinerer Farbe, braͤunlich, grau, ſchwarzgeſleckt; aber die 4 Fuß langen Deckfedern des Schwanzes, die der Vogel willkuͤrlich wie ein Rad aufftellen kann, haben an ihrem Ende pracht⸗ volle, bunte Sonnen, mit vielerley Kreiſen, in denen ſich der Strahl der Sonne tauſendfaͤltig ſpiegelt, und unbeſchreiblich ſchoͤne Spielungen hervorbringt. Zur Zeit der Liebe iſt der Hahn ſchoͤner, feuriger und lebhafter als ſonſt. Er ſcheint, um die Gunſt der Henne zu gewinnen, ſich im volleſten Glanze zu zeigen, und alle ſeine Schaͤtze auszukramen. Jetzt | ift in feinem Gange mehr Stolz, in feinen Bewe⸗ gungen mehr Anſtand; heller funkeln feine Farben, und ſein ſonſt widerliches Gekreiſche iſt jetzt ein ſanftes Murmeln, das, wenn auch nicht uns, doch ſeiner Henne (2) ganz wohl gefallen mag. Dieſe iſt zwar bey Weitem nicht fo ſchoͤn als der Hahn, und nicht nur kleiner, ſondern auch von gemeiner braͤun⸗ licher und grauer Farbe, mit weißer Kehle; aber doch ſo verliebt, daß ſie ſich oft im Staube waͤlzt und dann Windeyer zur Welt bringt. Um Oſtern iſt gewöhnlich die Begattungszeit. Der Hahn nimmt ſeine
Der Pfau. 5
feine 6 Hennen auf ſich, liebt fie leidenſchaftlich und kaͤmpft auch um ihren Beſitz. Doch mag dieß wohl eher von denen gelten, die ein gemaͤßigter Himmel und haͤusliche Gefangenſchaft noch nicht abgekaͤhlt hat, in der fie ſich auch mit weniger Hennen begnuͤ⸗ gen. Acht bis zwölf Eyer legt jede Henne. Sie ſucht dazu einen verborgnen Ort, und verbirgt ſie vor ihrem Manne, deſſen Zudringlichkeiten ſie in ih⸗
rem muͤtterlichen Geſchaͤfte ſtoͤren wuͤrden. Im Un⸗ muth würde er die Eyer, als Hinderniſſe feines Um⸗ ganges mit der Henne, zertreten. Sie ſind von braungelber, zuweilen weißlicher Farbe mit ſchmu⸗ tzigen Puncten, oben zugeſpitzt, unten kolbig. Da die Pfauenhenne im Bruͤten eben kein Muſter von Emſigkeit iſt, ſo uͤderlaͤßt man ihre Eyer lieber der fleißi⸗ gern Truthenne, wenigſtens muß man jener einen ſtil⸗ len Ort und ihr Futter in die Naͤhe geben, ſonſt ſteht ſie auf, und laͤßt die Eyer kalt werden. In einem Monate fuͤhrt die Mutter ihre Kleinen ins Freye, die im Anfange das gar nicht verſprechen, was ſie mit der Zeit werden. Denn erſt im dritten Jahre bekom⸗ men ſie den Prachtſchweif. Man fuͤttert ſie mit Amei⸗ ſeneyern, Gerſtenmehl, Brodkrumen, Gruͤtze, Brey, auch kleinen Heuſchrecken, die ſie ſehr lieben. Erſt wenn A 3 im
6 | Der Pfau.
im Zten Monate der Federbuſch zum Vorſchein kommt, erkennt ſie der Hahn, der ſie zuvor immer steckte, für feine wahren Kinder. Die Mutter trägt fie auf ihrem Ruͤcken auf Zweige, und lehrt fie herunter huͤpfen, bis fie ſelbſt fliegen konnen. Vom dritten Jahre ihres Lebens an ſtiften ſie ſelbſt Familien. Sie leben 25 Jahre. Andere ſchreiben ihnen ein weit hoͤheres Alter zu.
Im Auguſt verliert der Hahn ſeine groͤßte Zier⸗ de, den Schweif. Er iſt dann nledergeſchlagen, und ſcheint ſich verſtecken zu wollen. Es iſt das um fo wahrſcheinlicher, da er in der That eitel iſt, und oft, bloß durch Lobſpruͤche und Bewunderung gereizt, fein ſchoͤnes Rad ſchlaͤgt, ſobald er aber Kaltſinn merkt, ſeine Schaͤtze wieder einpackt. Der Fruͤhling bringt ihm ſeinen Putz und ſeinen Stolz wieder. Obgleich die Schwere der Pfauen und die Laͤnge des Schweifs ihnen das Fliegen erſchwert, ſo ſetzen ſie ſich doch ſehr gern auf Bäume und Dächer. Ihr Geſchrey iſt ein abſcheuliches Kreiſchen, das man ſehr weit hört, und den Aus ſpruch, der von manchen Gecken gleichfalls gilt, ſehr wahr macht: ut placeat, taceat, (Er muß ſchweigen, wenn er gefallen will). So wenig wir dieſes Geſchrey, das eine nahe Aenderung
des
Der Pfau. 7
des Wetters andeuten fol, ſchoͤn finden koͤnnen; fo muͤßen wir doch geſtehen, daß uns noch kaum etwas Alberneres vorgekommen ſey, als die Verſichrung: es ſey ein ſchamvolles Seufzen des Pfaues beym An⸗ blick ſeiner haͤßlichen Fuͤße. Faſt ſo laͤcherlich, als der Glaube, es bedeute den Tod eines Nachbaren, oder der Wahn, der Pfau trage ein Stuͤck Leinwur⸗ zel unter den Flaͤgeln, um ſich vor Bezauberung zu verwahren. So viel uns bekannt iſt, haben die Thiere, ihrem Herrn, dem Menſchen, die Ehre aber⸗ glaͤubiſch zu ſeyn, bisher noch allein gelaſſen. Man will an den Pfauen eine befondere Vorliebe zu den Tauben und Truthuͤhnern bemerkt haben; ja es ſoll ſich einmal einer uͤber den Tod einer jungen Perſon, die er ſehr liebte, zu Tode gegraͤmt haben. Sein Gang iſt etwas ſchleichend. Nicht uͤbel iſt daher das Sprichwort, er habe die Federn von einem Engel, die Stimme von einem Teufel, den Gang von einem Diebe. So ſchoͤn und eitel der Pfau auch iſt, ſo fordert er doch weder eine leckerhafte Koſt, noch eine zierliche Wobnung. Einige Getreidekörner für den Hunger, und ein Zweig oder eine Huͤhnerſtange zur Ruhe, das iſt alles, was er braucht. Die Laͤuſe plagen ihn ſehr; oft kratzt daher einer dem andern, bie⸗
*
8 Der Pfau.
biethet auch wohl dem Menſchen ſeinen Kopf dar,
um ſich dieſe Gefaͤlligkeit zu erbitten. Seine Reine lichkeit, vermoͤge deren er feinen Koth ſorgfaͤltig verſcharrt, hat ihm dem Vorwurf des Neides zu⸗ gezogen. Er mißgonne den Menſchen, fagte man, die großen Heilkraͤfte, die in dieſem Kothe laͤgen. Doch wir wollen unſere Leſer mit den Wunderkraͤf⸗ ten, die faſt alle Pfauentheile, ſelbſt der Rauch vers brannter Federn haben ſollen, nicht belaͤſtigen.
Oſtindien, gerade das Land, dem die Natur ihre koſtbarſten Schaͤtze, funkelnde Edelſteine und gewuͤrzreiche Pflanzen gab, iſt auch das Vaterland dieſer fo prächtigen Vogel. Hier leben fie wild in ungeheurer Menge. Weil fie beym Anbllcke eines Jaͤgers in unzugaͤngliche Gebuͤſche fliehen, fo jagt man ſie nur bey Nacht. Mit einer Fahne, auf der Pfauen gemalt und brennende Lichter befeſtiget ſind, naͤhert man ſich dem Baume, auf dem welche ſitzen. Neugierig ſtreckt der Pfau den Hals nach dem Ge⸗ maͤlde, zugleich aber auch nach der Schlinge aus, die da angebracht iſt.
Schoͤnheit und Stolz haben dieſen Vogel der Juno geheiliget. Sein Nugen iſt nicht groß. Nur das Fleiſch der Jungen iſt genießbar. Sonſt pflegte
man
Der Pfau. | 9 man bey feyerlichen Gaſtmahlen einen Pfauen, in ſeiner vollen Pracht, als Schaugerichte, auf die Tafel zu ſtellen. Vitellius und Heliogabal ließen ungeheure Schuͤßeln von Pfauenhirn, oder Pfauen⸗ zungen zurichten. Zwar waten ſie unſchmackhaft, aber doch erreichten jene Thoren ihren Zweck, die Schätze des Staates auf die unbeſonnenſte Art zu verſchleudern. Aus den Federn macht man Flie⸗ genwedel, Schirme, Kraͤnze fuͤr Dichter, Peit⸗ ſchen. Selbſt Zeuge hat man daraus verfertiget. Papſt Paul III. ſchenkte Pipin einen Mantel von Pfauenfedern.
In China dienen die Pfauenfedern dem Frauen⸗ zimmer zu einem vorzuͤglichen Kopfputze. Aber ei⸗ nen weit wichtigern Werth hat in jenem Reiche das Tragen eines Pfauenſchwanzes bey dem maͤnnlichen Geſchlechte. Sterne und Ordensbaͤnder konnen bey uns kaum die Wuͤrde und Auszeichnung unter dem Volke verſchaffen, als der Pfauenſchwanz einem chi⸗ neſiſchen Hofcavalier. Hievon ſah man erſt vor eis nem Jahre (1793) einen entſcheidenden Beweis. Als Lord Macartney, der mit einem glaͤnzenden Gefolge nach China gekommen war, um gewiſſe Handlungsvortheile fuͤr die engliſche Nation zu er⸗
Voͤgel II. Theil. B lan⸗
10 Der Doppelſporn.
langen, dem Kaiſer vorgeſtellt werden ſollte, ſo for⸗ derte er: ein chineſiſcher Großer, von eben dem Ran⸗ ge, den er in England haͤtte, muͤßte dem Bildniſſe des Königs von England eben die Ehrfurchts bezeu⸗ gungen erweiſen, die von ihm nach chineſiſcher Sitte vor dem Kaiſer gefordert wurden. Einer der fünf erſten Miniſter bewilligte dieß, ohne es gehdrig zu überlegen, Zur Strafe für dieſes Majeſtaͤts⸗-Ver⸗ brechen wurde er im Range mehrere Grade zuruͤck⸗ geſetzt, und mußte, anftatt des Pfauenſchwanzes, einen Kraͤhenſchwanz tragen. Se. Majeſtaͤt von China machten hiebey die nicht uͤble Bemerkung, es ſey doch ſeltſam, ſo weit herzukommen, und ſeine Geſchaͤfte mit Etikette: Streitigkeiten anzufangen. Ohnehin wurde der ſo koſtſpieligen em all ihr Geſuch rund abgeſchlagen.
Nur Spielarten ſind der weiße und der bunte Pfau. Aber eine eigne Art iſt der Doppelſporn (Pfaufaſan, P. Bicalcaratus, Eyperounier 3) in China. Seine Schoͤnheit macht ihn der Gattung, zu der er gehört, ganz würdig. Ein Federbuſch auf dem Kopfe und ein gedoppelter Sporn am Fuße find dem Männchen eigen. Die Hauptfarbe des
Gefieders iſt ein ziemlich gemeines Braun. Aber f die
Tab. II.
Die Trappe. 11
die Fluͤgel und der Ruͤcken haben runde blaue Spie⸗ gel, der Schwanz aber goldgelbe ovale, mit den koſt⸗ barſten Spielungen ins Blaue, Gruͤne und Purpur, ſo daß dieſer Vogel vollkommen das Anſehen hat, als waͤre er mit Juwelen beſetzt. Die Chineſer, oh⸗ nehin große Freunde des Gefluͤgels, halten ihn ſehr gern zum Schmuck ihrer Gärten und Höfe
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Tab. II. Die große Trappe.
Otis Tarda, C Outarde. (4)
Der Trappenzwerg.
Otis Tetrax, la petite Outarde. (5) Ein kurzer, kegelfoͤrmiger Schnabel, deſſen obere Hälfte gewölbt iſt, eyrunde Naſenloͤcher, eine zuge⸗ ſpitzte, etwas gezaͤhnelte Zunge und Lauffuͤße find das Eigenthum der neun Trappen⸗Arten. Ihrer nackten Kniee wegen, rechnete man ſie ſonſt unter die Sumpfodͤgel. Jetzt aber hat man fie mit Recht unter die Huͤhnerartigen verwieſen. N
Unlaͤugbar der groͤßte Landvogel der gemaͤßigten alten Welt iſt die große Trappe (Trappgans, ö 332. Acker⸗
12 Die Trappe.
Ackergans 4), die in der Hoͤhe den waͤlſchen Hahn noch uͤbertrifft. Ihr Kopf und Hals ſind aſchgrau. An beyden Seiten und von der Mitte der untern Kinnlade hängt ein fingerlanger, weißer Knebelbart. Im Zorn kann ſie dieſen und die langen Federn, wel⸗ che die Scheitel bedecken, ſtraͤuben, und ſich ein etwas bedeutenderes Anſehen geben. Der Ruͤcken iſt roſtfarbig mit ſchwarzen Querſtreifen, der Un⸗ terleib weiß, die laͤngſten Schwungfedern ſchwarz, die Dunen roſenfarbig. An einigen Arten will man das Sonderbare bemerkt haben, daß gewiſſe Federn oben und unten Flaum haben, und alſo der Bart in der Mitte zwiſchen Flaum ſteht. Der Schnabel und die dreyzehigen Fuͤße ſind graulich. Statt der Hinterzehe beſitzt die Trappe einen hars ten Hügel, von der Große einer Nuß. Den Schwanz, der aus 20 Ruderfedern beſteht, kann der Hahn etwas ausbreiten. Nur halb ſo groß iſt ſeine Henne. So ſchwer dieſe Voͤgel ſind, ſo koͤnnen ſie doch ziemlich hoch fliegen und weite Reiſen machen. Das Auffliegen aber koſtet ihnen Muͤhe. Sie hoͤ⸗
ren und ſehen ſehr ſcharf. Die Trappe iſt aͤußerſt menſchenſcheu und vorſichtig. Sie ſcheint ihre Staͤrke gar nicht zu ken⸗ nen
Die Trappe. 13
nen und denkt daher nie auf Vertheidigung gegen ihre Feinde. Auch in der weiteſten Entfernung er⸗ greift ſie, ſobald ſich der Menſch ſehen laͤßt, ſo ſchleunig die Flucht, als waͤre er ihr ſchon auf dem Nacken. Das geringſte Neue und Ungewohnte macht dem ſchuͤchternen Thiere Sorgen, und laͤßt es auf ſeine Rettung denken. Inzwiſchen hat die Na⸗ tur für die Sicherheit der Trappen eben nicht ſtief⸗ muͤtterlich geſorgt, und ihnen ſcharfe Sinnen, dauer⸗ hafte Fluͤgel und treffliche Lauffuͤße gegeben, mit denen ſie ſich ſo ſchnell aus dem Staube machen, daß es ſelbſt dem Windhund ſauer wird, ſie einzuhohlen. Der Fluͤgel bedienen ſie ſich zur Flucht weit ſeltner als der Fuͤße. Sie haben aber alle dieſe Mittel zu ihrer Rettung ſehr noͤthig, und oft nuͤtzen auch dieſe ihnen nichts, weil ſie die hohe Ehre genießen, zur hohen Jagd zu gehoͤren, bey der es immer etwas ſchnell hergeht. In dieſer Schule iſt ihnen vermuth⸗ lich der unuͤberwindliche Abſcheu vor Hunden einge⸗ praͤgt worden. Sie ſehen und fliehen iſt eins. Zum Pferde haben ſie weit mehr Zutrauen, gewiß darum, weil der gute Ackergaul ſich wenig um ſie bekuͤmmert, und ihnen manches Mal in ſeinem Miſte halbverdaute Körner zurüͤcklaͤßt. Aber eben dieſes Zutrauen zu B 3 Pfer⸗
14 Die Trappe.
Pferden wußte man zum Verderben der Trappen anzuwenden. Auf einem Wagen in Stroh gehuͤllt nähert ſich ihnen der Jaͤger. In Straßburg fängt man ſie in Netzen, in die ſie durch eine ausgeſtopfte Trappe und einen Krautskopf, der nebenbey liegt, gelockt werden. Was Aelian von der Trappe er⸗ zaͤhlt, ſcheint ſie doch gar zu dumm zu machen. Der liſtige Fuchs ſoll naͤhmlich ſich auf die Erde legen, mit in die Hoͤhe gerichtetem Schwanze die Bewe⸗ gungen eines Vogelhalſes nachaͤffen, und dadurch die Trappe in ſeine Klauen locken. Ob unſre Leſer hier über die Klugheit des Fuchſes, über die Dumme heit der Trappe, oder uͤber die Leichtglaͤubigkeit des Erzaͤhlers mehr erſtaunen wollen, daruͤber ſollen ſie die freye Wahl haben.
Auf weitlaͤuftigen Feldern trifft man die Trap⸗ pen in ganz Europa herdenweiſe an. Ihre Nah⸗ rung iſt Getreide, dem ſie ſehr ſchaͤdlich ſind. Doch freſſen ſie auch gruͤne Saat, Kohl, Gewuͤrme, In⸗ ſecten, ſogar Heu. Auch Metalle und Steine, die größer als eine Nuß find, verſchlucken fie oft, wie der Strauß. Im Winter geht es ihnen nicht ſelten ſo hart, daß ſie zu Baumrinden ihre Zuflucht neh⸗ men muͤſſen. Regenwaſſer iſt ihr Trank, Andre Gewaͤſſer vermeiden ſie. um
Die Trappe. 15
Um die Begattungszeit, im Maͤrz und April, iſt der Hahn ganz ſtolz, und ſucht ſich ſeinem Weibe in vollem Glanze zu zeigen. Er bruͤſtet ſich mit ſei⸗ ner Krauſe, ſchlaͤgt mit dem Schwanze ein Rad, und wagt auch wohl mit dem Nebenbuhler einen Kampf auf Leben und Tod. Mit dem Neſte macht ſich die Trapphenne keine große Muͤhe. Sie ſcharrt ein Loch in die Erde, legt 2 — 3 braun gruͤne, dun⸗ kel gefleckte große Eyer, und bruͤtet einen Monat daruͤber. Daß ſie aber die Eyer, bey einer Gefahr, unter die Flügel nehmen, und damit flüchten kön⸗ ne, iſt unbegreiflich. Wie die Haushenne fuͤhrt fie ihre Jungen, die man zaͤhmen und als Hauss voͤgel aufziehen kann. Noch jung ſind ſie eine recht ſchmackhafte Speiſe. Das Fleiſch der Alten hingegen iſt hart, ſchwarz, und, ohne eine beſon⸗ dere Zubereitung, gar nicht genießbar. Die Eyer ſollen ſehr gut ſchmecken. Mit den Federſpulen kann man ſchreiben. Die Fiſcher befeſtigen ſie gern an ihre Angeln, weil die Fiſche die ſchwarzen Puncte an den Schaͤften fuͤr Fliegen anſehen und dann leichter anbeiſſen ſollen.
Nur ſo groß als ein Faſan iſt der Trappen⸗ zwerg (5), der das ſuͤdliche Europa bewohnt. Er ö hat
16 Der Trappenzwerg.
hat weder die langen Bart⸗ noch Kopffedern der gro⸗ ßen Trappe. Seine Scheitel iſt ſchwarz mit roſt⸗ farbigen Strichen; die Schlaͤfen und Kehle roͤthlich weiß und ſchwarz gefleckt; der Hals ſchwarz, und bey dem Männchen mit zwey weißen Halöbändern geziert; der roſtfarbige Rüden dunkelbraun geſtri⸗ chelt; die Schultern, die Fluͤgeldeckfedern, die Fluͤ⸗ gelraͤnder, ſo wie auch der Unterleib weiß; der Schwanz in der Mitte ſchwarz, übrigens aber ſchwarz und weiß gefleckt.
Im April kommen die Trappenzwerge in großen Scharen in ihrem Sommeraufenthalte an. Steinige, mit Klee und Luzerne befäte Aecker find ihnen am Liebſten. Im Junius legt das Weibchen, deren mehrere ſich mit Einem Manne begnügen, 3 —s glänzend grüne Eyer auf die bloße Erde hin. So liſtig und argwoͤhniſch die Trappenzwerge auch ſind, ſo weiß man doch in Frankreich, vermit⸗ telſt ausgeſtopfter Weibchen, die Haͤhne zu fangen. Ihre Verſchlagenheit hat ſie auch an mehreren Orten zum Sprichworte gemacht. Sobald ſie irgend eine Gefahr zu vermuthen Urſache haben, ſo machen ſie ſich geſchwind aus dem Staube, und fliegen ganz nahe an der Erde hin zwey bis drey Hundert Schritte.
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7
Das waͤlſche Huhn. 17
Laſſen ſie ſich dann auch nieder, ſo laufen ſie, wenn ſich Jemand naͤhert, pfeilſchnell weiter, ſo daß es faſt unmdglich iſt, fie einzuhohlen.
Fleiſch und Eyer ſind von vortrefflichem Ge⸗ ſchmacke. Jenes will man ſogar dem Birkhahne vorziehen. Ein trauriger Vorzug fuͤr einen Vogel, deſſen Gefahren dadurch ſtuͤndlich vermehrt werden!
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Tab. III. Das waͤlſche Huhn.
Meleagris Gallopavo, Je Dindon. Der Hahn (o). Die Henne (7).
Der Napol.
penelope Satyra, le Fuiſan cornu. (8)
Wuten die waͤlſchen Huͤhner (Puter, Kaleku⸗ ter, Indian, Truthuhn, Kuhnhahn) auf unſern Huͤh⸗ nerhoͤfen nicht fo gemein, als fie wirklich find, wir wuͤrden fie gewiß als aͤußerſt ſonderbate Geſchoͤpfe anſtaunen, wenn etwa ein Thierfuͤhrer fie in unfre Gegenden braͤchte. Ihre Geſtalt und ihre Sitten haben ſo viel Eignes, daß nur der gewohnte Anblick Voͤgel II. Theil. 0 uns
18 Das waͤlſche Huhn.
uns gleichgiltig gegen ſie machen konnte. Ihren Beſitz verdanken wir der Entdeckung von Amerika, und fie find ſicher nicht das Schlechteſte, was die Europaͤer da gehohn haben. In großen Herden von 200 — 300 leben ſie daſelbſt, zumal auf den Ans tillen, wild, werden weit größer und ſchwerer als bey uns, und ſehen meiſtens ſchwarz aus. Ihre Nahrung find Eicheln, ihr Aufenthalt hohe Bäume, Mit dummer Ruhe ſehen ſie zu, wenn man einen nach dem andern aus ihrer Mitte wegſchießt. Die Mexikaner nennen den Hahn Hucxolotl, die Henne Cihuatotolin, woraus ſich unſre Leſer einen kleinen Begriff von den ſonderbaren Benennungen in dieſer Sprache machen konnen. In England wurden fie im J. 1524 und in Deutſchland 1530 einheimiſch gemacht. Ob ſie gleich jetzt faſt uͤberall zahm zu haben ſind, ſo laſſen doch einige beguͤterte Perſonen in England aus Liebhaberey zuweilen wilde kom— men, die in den Thiergaͤrten bald angewoͤhnen. Der ſchwammige Fleiſchlappen am Kopfe, und die
faltige Haut an der Kehle ſind der Charakter der
Truthuhn⸗Gattung, die nur Eine Art, die Unſrige, hat, bey welcher freylich die haͤusliche Sclaverey
manches Farbenſpiel hervorbringt. Son⸗
Das wälfhe Huhn. 19:
Sonderbar geſtaltet ift das waͤlſche Huhn. In der Größe übertrifft es die Gans. Ziemlich klein. iſt, den übrigen Verhaͤltniſſen nach, der Kopf. Ihn bedeckt, ſtatt der Federn, eine rothe und blauliche, druͤſenartige Fleiſchhaut, und uͤber der Wurzel des Deerichnabels ſitzt ein Fleiſchzapfen, den das waͤl⸗ ſche Huhn ungemein verlaͤngern und ganz welk uͤber · den Schnabel herabhaͤngen laſſen kann. Koͤnnte es ihn nicht verkürzen, fo wuͤrde es dadurch im Freſſen ſehr gehindert werden. Auch unter dem Schnabel am Halſe herunter haͤngt ein rother fleiſchiger Bart, wozu noch am Unterhalſe des Hahnes ein Buͤſchel ſchwarzer, harter Haare, wie eine Pferde-Maͤhne, koͤmmt. Dieſe Haare erſcheinen erſt im zweyten Jahre und ſind bey einem Vogel ein ungemein merk⸗ wuͤrdiger-Umſtand. Das Gefieder der waͤlſchen Suͤhner iſt verſchieden. Man findet weiße, ſchwar⸗ ze, geſcheckte, weiß und gelbroͤthliche und graue. Der Schwanz iſt in gewiſſer Ruͤckſicht gedoppelt. Nur mit den 18 obern Ruderfedern, die den Buͤrzel umgeben, ſchlaͤgt der Hahn ſein Rad. Auch hat nur er den Sporn am Fuße. Kleiner und ſanftmuͤ⸗ thiger iſt die Zenne (7), ihr Geſchrey ein pipender Klageton, ihr Gang ſchlelchend und demuͤthig. Sie C2 ſenkt
20 Das waͤlſche Huhn.
ſenkt haͤufig den Kopf, und zieht oft den Hals ein⸗ waͤrts. Von weit blaͤſſerer Farbe, als bey dem Hahne, ſind ihre Fleiſchlappen. Ueberhaupt gehen die waͤlſchen Huͤhner, wenn ſie nicht in einer leiden⸗ ſchaftlichen Bewegung ſind, nur langſam und ihr Flug iſt ſchwer und unbehilflich, daher dieſe Gat⸗ tung keinen Welttheil bevoͤlkern konnte, wo Mens ſchenhaͤnde ſie nicht hinbrachten.
Im ruhigen Zuſtande iſt der hautige Kopf und Halsſchmuck des Hahnes bleich und welk. Sobald er aber gereizt wird, oder wenn die Leidenſchaft der Liebe in ihm erwacht, dann werden jene Haͤute roͤther und ſchwellen auf. Sein ſonſt faſt eben ſo demuͤthig ſchleichender Gang, wie der Henne ihrer, gewinnt ein ſtolzes Anſehen, die Federn ſtraͤuben ſich; der Schwanz bildet ein Rad, die Fluͤgel ſtreifen rau⸗ ſchend an der Erde hin, und er macht wunderliche Spruͤnge. Ueberzeugt, alle ſeine Schoͤnheiten jetzt ausgekramt zu haben, geht er jetzt, eitel wie ein Stutzer, naͤhert ſich bald, bald entfernt er ſich wie⸗ der, und laͤßt ein dumpfes Kullern hoͤren, das er aber plotzlich mit einem hellen, durchdringenden Schrey unterbricht. Eben ſolche leidenſchaftliche Bewegungen bemerkt man an ihm, wenn er rothes
a Tuch
Das waͤlſche Huhn. 2
Tuch erblickt. Er wird zuweilen ſo wuͤthend, daß er auf den rothen Gegenſtand zufaͤhrt und unbarm⸗ herzig um ſich beißt. Unerklaͤrlich iſt es immer, warum gerade dieß einen ſo widrigen Eindruck auf ihn macht. Inzwiſchen iſt dieſe Laune ihm nicht allein eigen. Auch unter den Saͤugethieren ſehen wir hievon ein Beyſpiel am Nashorn. Toller konute es in dieſem Stuͤcke kein waͤlſcher Hahn machen, als der, der einſt im Marienburger Thiergarten lebte: aber ſinnreicher laͤßt ſich auch kaum etwas denken, als das Mittel, wodurch der Auffeher allen rothge⸗ kleideten Herren Ruhe ſchaffte. Er nahm den Hahn, diruͤckte ihm Hals und Schnabel gegen das Pflaſter, und zog über Stirn und Schnabel einen dicken, ge⸗ raden Strich mit Kreide, etwa zehn Zoll lang. Starr blickte nun der Hahn auf den weißen Strich, waͤhnte vermuthlich, es liege ihm ein Balken auf der Naſe, der ihn aufzuſtehen verhinderte, und ließ allen Rothrocken Ruhe, da er immer in jener Stellung blieb. Man kann einem guten Hahne 6— 10 Hennen geben. Aber nur zwey Jahre kann er ſeinem Amte mit gutem Erfolge vorſtehen. Hat er darin aus⸗ gedient, ſo iſt er noch zum Bruͤten brauchbar. Will man das, ſo rauft man ihm die Federn am 1 Unter⸗
22 Das waͤlſche Huhn.
Unterleibe aus, peitſcht die nackte Stelle mit Neſ⸗ ſeln, und reibt ſie mit Branntwein und Pfeffer; hle⸗ durch wird er ſo ſehr wie eine Henne aufs Bruͤten erpicht. Vermuthlich empfindet er an der kahlen Stelle nun ein Jucken, das ihm das Liegen auf den Eyern lindert. Auch berauſcht man ihn, damit er im Taumel ſich auf die Eyer ſetze. Hat er die Brut vollendet, ſo fuͤhrt er die Kuͤchlein, ſchuͤtzt und fuͤttert ſie, ſo treu, als eine Mutter. Zuweilen gibt es, wenn mehrere waͤlſche Haͤhne in Einem Huͤhnerhofe ſind, Kaͤmpfe, aber weder ſo blutige noch ſo hartnaͤ⸗ ckige, als beym Haushahne, der wohl ſogar den waͤl⸗ ſchen im Reſpect zu erhalten weiß, wenn er, wie zuweilen geſchieht, ſich mit den Haushennen zu ges mein machen will. Die Emſigkeit der waͤlſchen Henne im Bruͤten macht, daß man ihr auch an⸗ dere Eyer, von Faſanen, Pfauen, Enten u. d. g. gibt. Auch ſie kann man durch jene ſchon angefuͤhr— ten Mittel recht bruͤtluſtig machen. Bey einer gro⸗ ßen Zucht uͤberlaͤßt man Einer Henne die ausge⸗ kommnen Eyer von zwey Bruten, um die Haͤlfte der Hennen noch ein Mal zu benuͤtzen und zu ſetzen. Sie legt 20, auch mehr Eyer, die etwas groͤßer als Huͤhnereyer und mit gelbroͤthlichen Flecken bezeichnet
ſind.
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5 Das waͤlſche Huhn. 23
find, Ihre Güte kann man daran erkennen, wenn ſie in lauem Waſſer ſogleich unterſinken. Mehr als 15 — 17 läßt man ihr nicht, denn mehr kann fie nicht wohl bedecken. In einem ruhigen, trocknen Winkel bruͤtet ſie ſo unverdroſſen fort, daß man ſie oft zum Freſſen und Saufen wegheben muß, ja oft ſogar 2 Bruten hintereinander vollendet, ohne ſich dazwiſchen zu erheben. Sie wuͤrde, wenn man ſie nicht zur Nah⸗ rung nöthigte, vor Fleiß ſterben. Den Hahn muß man von ihr abhalten, denn gern laͤßt er ſeinen Zorn uͤber die Abweſenheit ſeines Weibes an den Eyern aus. Vom 26 Tage muß man fleißig nachſehen, um die Jungen, ſobald ſie zum Vorſchein kommen, wegzunehmen und in warme Tuͤcher zu huͤllen. Als ein ſehr gutes Mittel, dieſe zarten, ſchwachbefieder⸗ ten Geſchoͤpfe abzuhaͤrten, raͤth ein erfahrner Lands wirth, fie am erſten Tage einen Augenblick in kal tes Brunnenwaſſer zu tauchen, ihnen ein Vfeffere korn in den Hals zu ſtecken, und ſie ihrer Mutter wie⸗ der zu geben. Den erſten Tag ihres Lebens muͤſſen ſie faſten. Nach Verfluß desſelben bekommen ſie gehackte Eyer, auf die man in einigen Tagen klein⸗ geſchnittne Zwiebel und gekochte Erbſen folgen laͤßt. Bey zunehmender Staͤrke treibt man ſie an heitern Tagen
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1 Das waͤlſche Huhn.
Tagen ins Gras, wo fie Grasſpitzen, Inſecten und Gewuͤrme zu ſich nehmen. Dreymal des Tages fuͤt⸗ tert man ſie mit Brodkrumen, Hirſe, Schafgar⸗ ben, Neſſeln u. d. und waͤſcht ihre empfindlichen Fuͤße mit Branntwein, damit die Neſſeln ſie nicht verletzen. Friſches Waſſer muͤßen ſie immer haben. Große Hitze und Kaͤlte, Thau und Regen ſind ihnen ſchaͤdlich, und bittre Mandeln, und der Same des rothen Fingerhut⸗Krautes wahres Gift. So zaͤrt⸗ lich ſie in der Jugend ſind, zumal wenn ſie zu ſehr verzaͤrtelt werden; ſo dauerhaft und ſtark werden ſie | mit ihren reifern Jahren, fo daß fie auch die kaͤl⸗ teſten Winternaͤchte im Freyen zubringen konnen. Mit Wein und Waͤrme kann man ihnen, wenn ſie kraͤnkeln, begegnen. Treu fuͤhrt die Mutter ihre Jungen, warnt ſie beym Anblick eines Raubvogels, einen ſichern Ort zu ſuchen, und verkuͤndet ihnen, ſobald er wieder weg iſt, mit einer ganz andern Stimme, daß ſie ohne Sorgen ſich wieder um ſie verſammeln konnen. Erſt nach 6 — 8 Wochen bes kommen die Jungen die druͤſigen Fleiſchknoten am Kopfe und am Halſe. Sie ſind dann unpaß, und muͤßen mit Wein geſtaͤrkt und vor Kaͤlte und Naͤſſe ſorgfaͤltiger als ſonſt bewahrt werden. Im Grunde
ſind
Der Napol. 25
find die waͤlſchen Hühner fchüchtern und lenkſam. Auch der Schatten eines Steckens iſt hinreichend, eine Herde im Zaum zu halten. Doch wiſſen ſie gegen Marder und andere Raͤuber ſich muthig genug zu vertheidſgen.
Von der Vortrefflichkeit ihres Fleiſches duͤrfen wir nichts ſagen. Sie iſt zu allgemein bekannt. Zur Maſtung ſind in neuern Zeiten Wallnuͤſſe als ein vor⸗ treffliches Mittel empfohlen worden. Wo dieſe haͤu⸗ fig und wohlfeil find, mag es angehen. Aus den Federn verfertigen die Wilden ſchöͤne Fächer.
Von vorzuͤglicher Schoͤnheit iſt der Napol, oder das gehoͤrnte Truthuhn, aus Bengalen. Doch iſt er nicht, wie man etwa denken koͤnnte, eine Art waͤlſches Huhn, ſondern vielmehr ein Mitglied der aus 6 Arten beſtehenden Penelopegattung, die alle einen an der Wurzel nackten Schnabel, einen mit Federn bedeckten Kopf, eine nackte Kehle und einen Schwanz von 12 Federn haben. Wirklich ſonderbar ſieht unſer Napol (8) aus. Blaue, walzenfoͤrmige, etwas vorwaͤrts gebogne Hörner, eine ſchwarze Larve, unter dem Schnabel eine ſchwarze haarige, und an den Seiten eine blaue und gelbe Halskrauſe mit meh⸗ rern Falten, ein ſchoͤn rother Ober⸗ und Vorderleib,
Voͤgel II. Theil. D und
26 Der Curaſſo.
und ein brauner Hinter- und Unterleib, das Ganze wie beſaͤet mit weißen, ſchwarz eingefaßten Perlen, die an den vordern Theilen ganz rund, nach hinten zu aber laͤnglich und thraͤnenformig find, und Sporen an den weißlichen Fuͤßen, das iſts, was dieſen Vogel gleich für den erſten Anblick vor allen andern aus; zeichnet. Es iſt zu vermuthen, daß er ſeine Krauſe, bey leidenſchaftlichen Aufwallungen aufblaſen kann. Ueber ſeine Lebensart, Sitten, Nahrunz und Fort⸗ pflanzung ſind noch immer naͤhere Nachrichten zu wuͤnſchen, als wir bis jetzt noch nicht beſitzen.
Tab. IV.
Der Curaſſo.
Crax Alector, /e Hoco de la Guiane. Der Hahn (9). Die Henne (10).
e e e Crax Pauxi, e Nerre de Cayenne. (11) | Die Natur iſt unerſchoͤpflich, ihre Kinder auszu⸗ zeichnen, und faſt jedem eine eigne Ausſteuer zu geben. Kaum bewunderten wir am waͤlſchen Hahne die ſon⸗
derbare Bekleidung ſeines Kopfs und Halſes, erſtaun⸗ ene. ten
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7
Der Curaſſo. 27
ten über die blauen Hoͤrner des Napols; als ſchon wieder eine Sonderbarkeit, bey einer neuen Gattung von der Ordnung der huͤhnerartigen Voͤgel, unſre Aufmerkſamkeit auf ſich zieht. Wir ſehen naͤhmlich die Hoko's, an denen uns eine Wachshaut an dem Ober⸗ und Unterſchnabel, wie wir bey den Adlern und Falken bemerkten, und uͤberdieß noch ein Birnformi⸗ ger Hoͤcker, der von der Wurzel des Schnabels fidy erhebt, auffaͤllt. Dieß ſowohl, als auch die vorwaͤrts liegenden Kopffedern und der ziemlich anſehnliche Schwanz machen den Charakter der HSokogattung aus, die aber in Abſicht auf ihre Eigenſchaften noch nicht ſo genau bearbeitet iſt, als es der Freund der Naturgeſchichte wuͤnſchen mochte. Sie hat drey oder vielleicht mehr Arten; denn es iſt noch nicht von je⸗ der ausgemacht, ob die Abaͤnderungen, die man in der Form des Schnabels und in den Farben des Ge⸗ fieders wahrnimmt. zufällige oder bleibende Veraͤnde⸗ rungen ſeyen. Daher auch die Menge von Nahmen, f Indianiſcher, Guianiſcher, Peruaniſcher Hahn, Mitu⸗ poranga u. a. m., mit deren Regiſter wir uns den
Platz nicht wegnehmen wollen. Der Curaſſo kommt dem waͤlſchen Huhn in der Größe ziemlich nahe. Sehr merlwuͤrdig iſt an ihm D 2 ein
28 Der Curaſſo. N
ein ſchwarzer, zuweilen ſchwarz und weißer Feder⸗ buſch, der ſich von der Schnabelwurzel bis uͤber den Hinterkopf erſtreckt. Die Federn haben vorwaͤrts ge⸗ kruͤmmte Spitzen, und man will bemerkt haben, daß die Baͤrte von mehrern bis an die Haͤlfte ihres Schaf⸗ tes in einer Art von haͤutigen Scheide ſtecken. Will⸗ kuͤrlich kann der Vogel ſeinen Kopfſchmuck aufrichten und ſinken laſſen. Der Schnabel iſt etwas ſtaͤrker, als ihn die uͤbrigen Huͤhnerarten zu haben pflegen. Er iſt vorn grau; von der Mitte bis an die Wurzel nahe an die Augen hin umgibt ihn oben und unten eine ſchoͤne gelbe Wachshaut, uͤber der ſich bey dem Hahne ein Hocker von eben dieſer Farbe befindet. Das Ge⸗ fieder des Hahnes (9) iſt ſchwarz, nur bemerkt man am Unterleibe und der Schwanzſpitze einige weiße Stellen. Die Henne (10) aber hat eine braunrothe Farbe und einen weißgefleckten Hals. Ihr Feder⸗ buſch iſt weiß und ſchwarz, und gibt ihr, zumal wann ihn das Thier, wie in der Abbildung, aufrichtet, ein ſtolzes Anſehen. Ihr Schnabel iſt ganz grau ohne
Hoͤcker, der Schwanz ſchwarz, die Fuͤße braͤunlich. In den Waͤldern und Gebirgen des mittaͤglichen Amerika iſt der Curaſſo in großer Menge anzutreffen. Aber auch im noͤrdlichen findet man ihn hie und da. Er
Der Curaſſo. 20
Er verraͤth nicht das geringſte Mißtrauen gegen ſeine Feinde, und es mag ein Fallſtrick noch ſo plump ſeyn, den Curaſſo zu betruͤgen iſt er immer fein genug. Ueberhaupt bemerkt man an den Vögeln und auch an andern Thieren fehr deutlich, wann fie ſchon durch eine Reihe vieljaͤhriger Erfahrungen den Menſchen als ihren gefaͤhrlichſten Gegner kennen gelernt haben. Ein großer Theil der Geſchoͤpfe ſcheint von Natur Liebe und Zutrauen zu dem Menſchen zu haben. Nur erſt die Gefangenſchaft und der Tod, womit der Menſch die Liebe vergalt, hat ſie ſchuͤchterner und vorſichti⸗ ger gemacht. So ſcheint auch wirklich der Curaſſo den Menſchen noch nicht hinlaͤnglich zu kennen. Von Vorſichtigkeit, Sorge fuͤr ſeine Sicherheit, ſchleuni⸗ ger Flucht weiß er nichts. Mehrere hintereinander aus Einem Trupp Curaſſos kann man ſchießen, und mit aller Gemaͤchlichkeit immer wieder ſeine Flinte laden, ohne daß der Anblick der getoͤdteten Geſell⸗ ſchafter den Eindruck auf ſie machte, daß die Uebrigen ihr Heil in der Flucht ſuchten. Als ob der Curaſſo es fuͤhlte, daß er in der Freyheit ſich nicht recht fort⸗ helfen konne, und einer Stuͤtze beduͤrfe, begibt er ſich oft freywillig in den Schutz der Menſchen. Er läßt ſich gar leicht zaͤhmen, und lebt auf dem Huͤhnerhofe D 3 mit
30 Der Pauri. mit dem Hausgefluͤgel in Friede und Eintracht. Ent⸗ fernt er ſich unter Tages auch noch ſo weit, ſo kommt er dennoch Abends gewiß wieder zu Hauſe „und klopft an die Thuͤre, um eingelaſſen zu werden. Er zupft das Geſinde an den Kleidern, wenn es ihn etwa mit dem Futter vergeſſen hat. Seinem Herrn bezeigt er, wenn er ihn eine Weile nicht geſehen hat, über das Wiederſehen die lebhafteſte Freude. Ueberhaupt iſt ſeine Anhaͤnglichkeit an den Menſchen unverkennbar. Der Curaſſo hat einen gravitätiſchen und lang⸗ ſamen Gang. Er gehoͤrt unter die ſchwerfliegenden Vogel, und kann weder weite Reifen machen, noch beſonders hoch fliegen. In der Freyheit naͤhrt er ſich mit Fruͤchten. Im zahmen Zuſtande gibt man ihm Getreide, Brod u. d. Hier ereignet ſich auch bey dieſer Vogelart, was faſt bey allen Thieren, die als Hausthiere leben, geſchieht, daß ſie mannigfalti⸗ gere Farben bekommen. Auf Baͤumen ſitzt er gern, und pflegt gemeiniglich daſelbſt die Nächte hinzu⸗ bringen. Sein Fleiſch iſt weiß und etwas trocken. ö Wenn es eine Weile aufbewahrt wird, ſo gibt es eine wohlſchmeckende Speiſe. Der große, blaue Hoͤcker uͤber der Stirn und Schuabelwurzel gibt dem Pauxi (Cusco, Steinvogel von
Der Pauxi. 31
von Cayenne 11) ein ſeltſames Anſehen. Auch er gehoͤrt in die Hoko⸗Gattung. Weil der birnfoͤr⸗ mige Auswuchs mit einer amerikaniſchen Nuß, mit Nahmen Cusco, Aehnlichkeit hat, ſo erhielt der Vogel auch die Benennung Cusco, ſo wie ihm die Haͤrte desſelben den Nahmen Steinvogel erwarb. Denn dieſe ſonderbare Kugel iſt nicht etwa ein mel: cher Fleiſchklumpen, ſondern ein ſchwammartliges, knochiges Gewebe, das ſo hart, wie ein markiger Knochen, iſt. Ein kurzer Stiel, ſo dick wie ein Schwanenkiel, verbindet ſie mit dem Stirnbein. Obgleich dieſes Gewaͤchs ſehr hart iſt, ſo iſt es doch ſo leicht wie eine Feder, und belaͤſtiget den Vogel nicht im Geringſten. Die blaue Wachshaut des übrigens rothen Schnabels uͤberzieht dieſen ſonder⸗ baren Helm, deſſen Zweck und Nutzen fuͤr den Vo⸗ gel noch nicht bekannt iſt. Der Schnabel iſt eiuiger Maßen wie ein Papageyenſchnabel gekruͤmmt. Das ſchoͤne Schwarz des Gefieders ſpielt mit einem blauen und purpurfarbigen Wiederſchein. Die Füße haben eine dunkle Fleiſchfarbe und ſchwarze Klauen an den vier Zehen. Der Bauch und die Schwanz⸗ ſpitze ſind weiß. Die Henne iſt an den Stellen braun, wo der Hahn ſchwarz if, g Der
32 Der Pauri. Der Daupi iſt bey Weitem nicht ſo haͤufig,
als der Curaſſo. Obgleich Edwards dieſen faſt
in allen engliſchen Thiergaͤrten antraf, ſo hat er doch mehr nicht, als einen einzigen Pauxi zu Ge⸗ ſicht bekommen. Er ſcheint ſich in unbekannten, von Menſchen entfernten Gegenden aufzuhalten. Sein Vaterland iſt Neuſpanien.
Der Pauxi iſt eben ſo dumm, als der Curaſſo, und kann, gleich ihm, mit leichter Muͤhe gezaͤhmt werden. An ihm kann auch der elendeſte Schuͤtze fein Meiſterſtuͤck machen. Denn, wenn man auch ein, zwey, auch mehrere Male fehlt, ſo bleibt er gut⸗ willig ſitzen, bis man endlich ihn trifft, oder weil es ihm ſelbſt zu lange wird, nun fortfliegt. Bey dem allem laͤßt er ſich aber doch nicht anruͤhren. Auf Bäumen hält er ſich gewöhnlich auf. Seine Eyer legt er auf die bloße Erde, und fuͤhrt, wie die Brut⸗ henne, ſeine junge Familie, bis ſie ſich ſelbſt ernaͤhren und ferthelfen kann. Im zarten Alter beſteht ihre Nahrung in Inſecten. Erſt, wenn ſie ſtaͤrker werden, freſſen ſie Fruͤchte, Getreide und alles, womit ſonſt das Hausgefluͤgel ſeinen Hunger zu ſtillen pflegt.
Von ſeinen uͤbrigen Sitten und Gewohnheiten laͤßt ſich darum nichts ſagen, weil er noch zu wenig
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Das Haushuhn. 33
beobachtet iſt. Zwar könnte man fragen, wozu er; nuͤtze? warum ihn die Natur hervorgebracht habe? Inzwiſchen iſt ja das ſchon ein ihrer wuͤrdiger Zweck, mit einer Gattung mehr die Erde zu bevoͤlkern. Und wer kann wiffen, wie manches in den weit ent⸗ kennen amerikaniſchen Wäldern lebende Geſchoͤpf der⸗ eiuſt noch, wie das waͤlſche Huhn, bey uns einheimiſch werden, und, bald durch den Wohlgeſchmack ſeines Fleiſches uns erfreuen, hald durch die Annehmlichkeit ſeiner Sitten uns vergnuͤgen wird?
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Tab. v. VI. vn. Das Haushuhn.“
Phaſianus Gallus, le Cog commun. Der wilde Stammhahn (12). Der Haus⸗ hahn (13). Die gehaubte Haushenne (14).
Der Engliſche Hahn (15). Die Engliſche Henne (16) Der Kluthahn (17). Der Kruphahn (13). Die Kruphenne (19). Die ſtraubige Henne (26). Der rauch⸗ fußige Hahn (21). So gemein auch das Haushuhn iſt, fo Hifi nicht nur in den Hühnerhofen der Großen, ſondern auch in Voͤgel II. Theil. E den
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34 Das Haushuhn.
den Huͤtten der Armen die ſo nuͤtzlichen und fleißigen Hennen angetroffen werden; ſo hoffen wir dennoch, auch von dieſen Vögeln manches anzufuͤhren, was der Aufmerkſamkeit unſrer verehrten Leſer nicht ganz unwerth ſeyn wird. Ohnehin können Thiere Jahre lang unter unſern Augen leben, ohne daß wir ihre Natur und Sitten ganz kennen lernen. Denn nicht ihre Naͤhe, ſondern nur eine aufmerkſame und anhaltende Beobachtung macht uns mit ihnen hinlaͤnglich bekannt. f
Eigentlich machen unſre Haushuͤhner feine für ſich beſtehende Gattung aus. Sie gehören vielmehr in das aus 10 Arten und einer Menge Abarten beſtehende Geſchlecht der Safanen. Das, was alle Mitglieder dieſer merkwuͤrdigen, und fuͤr uns aͤußerſt nuͤtzlichen Gattung gemein haben, iſt: ein kurzer, ſtarker Schnabel, eine nackte und glatte Wangenhaut, und Fuͤße, die bey dem maͤnn⸗ lichen Geſchlechte groͤßtentheils mit Sporen vers ſehen ſind.
Von Aſien aus haben ſich die Haushuͤhner, dieſe nuͤtzlichen Vogel, faſt über die ganze Erde verbreitet. Ihre urſpruͤngliche Wildheit iſt durch die allgemeine Aufnahme, die ſie in allen Haͤuſern fanden, in etwas
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Das Haushuhn. 85 35
ſanftere Sitten uͤbergegangen. Dampier war der Erſte, der den wilden Stammhahn (12) in Ju⸗ dien auf Pulo Condor entdeckt hat. Seine Farbe iſt ein Gemiſche von rothbraun, grau, gelb und gruͤn, und an den Spitzen der Hals- und Fluͤgelfe⸗ dern bemerkt man flache, hornichte Blaͤttchen. Er iſt nicht fo groß, als der Haushahn gewoͤhnlich wird, der nie Nahrungsmangel hat, was bey den in der Freyheit lebenden doch zuweilen der Fall iſt. Auf Baͤumen iſt ſein Aufenthalt. Vergleicht man den wilden Stammhahn mit unſerm zahmen Gefluͤ⸗ gel, das in der ganzen alten Welt und ſogar auf den Sädſee⸗Inſuln gegenwärtig in Menge lebt, nach Amerika aber erſt durch die Spanier verſetzt worden iſt; ſo ſieht man, welchen Einfluß das haͤusliche Leben nach und nach auf die Geſchoͤpfe hat. Doch iſt er bey Vögeln bey Weitem nicht fp- auffallend, als bey einigen Saͤugethieren.
Ein anſehnlicher Kamm von hochrother Farbe, und zwey ſolche Lappen am Untertheil des Schna⸗ bels ſchmuͤcken den Haushahn und feine Henne. Doch finden ſich in der Form und Grdͤße derſelben ungemein viele Verſchiedenheiten, wie z. B. die Vers gleichung des Haushahnes (13) mit dem engli⸗
in E 2 | ſchen
30 Dias Haushuhn.
ſchen Hahne (15) augenſcheinlich zeigt. Die Nas ſe befindet ſich an den beyden Seiten des Oberſchna⸗ bels, die Ohren an den Seiten des Kopfes und un⸗ ter letztern gemeiniglich ein weißes Haͤurſchen. Die Süße find vier⸗ zuweilen, wie bey unſerm Rruphah⸗ ne (18), fuͤufzehig, doch fo, daß immer nur drey vorwärts ſtehen. Der Schwanz, den aber auch nicht alle gleich haben, beſteht aus 14 Ruderfedern, von denen bey dem Hahne die beyden mittelſten um viel länger als die Uebrigen find. Statt ausgebrei⸗ tet zu ſeyn, iſt der Schwanz zuſammen gedruͤckt und in der Mitte wie in zwey Abtheilungen geſpalten. Er iſt bald ſchoͤn gebogen, bald gerade aufſtehend, bald buſchig, bald ganz kurz. Scharfe Sporen ſind zwar nur dem Hahne gewoͤhnlich eigen; doch hat man auch ſchon mit Sporen bewaffnete Hennen ge⸗ ſehen. Das Gefieder der Haushuͤhner iſt von un⸗ endlicher Verſchiedenheit, von der gemeinſten bis zur ſeltenſten Farbe; von alltaͤglichem Braun oder Schwarz bis zum Glanze des Goldes, des Silbers und der Perlen. Unter den innerlichen Theilen der Haushuͤhner verdient ihr Magen beſonders aus⸗ gezeichnet zu werden. Er iſt von jo außeror dentli⸗ 8 daß ſie eine glaͤſerne Kugel, in we⸗ niger
Das Haushuhn. 37 niger als 4 Stunden, zu Staub reiben, und eine ble⸗ cherne Rohre platt drucken könen. Sie feinen beſtändig ein dringendes Bebrfuiß zu fühlen, die Leere desſelben entweder mit kleinen Kieſelſteinen, oder auch mit Gras, auszufuͤllen. Nur die Hen⸗ nen, nicht aber die Haͤhne, picken gern Kalk. Allein dieß hat einen ganz andern Grund, als jenen beſtaͤndigen Hunger. Ihr Inſtinct ſcheint ihnen zu ſagen, daß in ihrem Leibe etwas vorgehe, wozu fie - kalkartige Materie "bedürfen. Da naͤhmlich die Schale ihrer Eyer aus Kalk beſteht, ſo muͤſſen fie ſich damit verſehen. Die Natur wußte dleſes Ver⸗ langen, auf eine uns freylich unbegreifliche Art, fo ſtark in ſie zu legen, daß ſie zuweilen von ihren eig⸗ nen Eyern die Schale freſſen, um nicht e zu ſeyn, Windeyer zu legen. /
Der SHaushahn iſt ein ſtolzer, ann gel. Sein Gang iſt langſam und ernſthaft, wenn nicht eine Leidenſchaft ihn beſchleunfgt. Er fliegt nur ſelten und nicht ohne Anſtrengung. Seine Stimme iſt ſcharf und durchgreifend, und ertoͤnt bey Nacht und bey Tage. Man will bemerkt haben, daß er regelmaͤßig Nachts um 10, um 12, und um 2 Uhr kraͤhe. Nur dann ſoll er, fo ſagt die Legende, eine Aus⸗ 99028 E 3 nahme
38 Das Haushuhn. N nahme machen, wenn eine Hexe uͤber das Haus fliegt. Ein Umſtand, den er freylich nicht unauge⸗ zeigt laſſen kaun. Er verkuͤndet den nahen Anbruch der Morgenröthe und iſt die Uhr des Wanderers und des Landmannes. Der Hahnenruf weckt oft den nichts Beſorgenden, deſſen Eigenthum von Dieben bedrohet wird; erquickt den Kranken, der ſich ſchlaflos auf ſeinem Lager winden muß, durch die Hoffnung des nahen Tages, und ermuntert den flei⸗ ßigen Hauswirth und ſein Geſinde aus dem tiefen Schlummer. Bey den Letztern gilt er auch als ein Wetterprophet. Oft wiederhohltes Kraͤhen ſoll eine nahe Aenderung der Witterung anzeigen. Auch die Senne kann kraͤhen, doch bey Weitem nicht ſo ſtark als der Hahn. Zuweilen kraͤhen ſogar ganz kleine, neugebohrne Haͤhne. Man macht daraus die ſeltſamſten Schluͤſſe. Als Joachim der II. Churfuͤrſt von Brandenburg, im J. 1532 gegen die Tuͤrken zu Felde zog, kraͤhten 2 junge Haͤhne, die erſt 2 Tage alt waren. Jetzt war das Ungluͤck der armen Tuͤr⸗ ken entſchieden. Sie wurden natürlich geſchlagen — was freylich auch geſchehen ſeyn wuͤrde, wenn jene geſchwiegen haͤtten. Um Futter zu ſuchen, ſcharren die Haushuͤhner in der Erde und verſchlingen eine Menge
Das Haushuhn. 39
Menge kleiner Kieſelſteinchen. Körner und die ih⸗ nen ſo geſunden Regenwuͤrmer ſind ihre gewöhnliche, Gerſte ihre liebſte Nahrung. Auch Brod, ges hacktes Fleiſch und Gras freſſen ſie. Wenn ſie trin⸗ ken, fo ſchöpfen fie erſt mit dem Schnabel das Waſ⸗ fer wie mit einem Löffel, heben ihn dann in die Ho⸗ he, und laſſen es ſo die Kehle hinunter laufen. Sie ſchlafen auf einem Fuße ſtehend, den Kopf unter den Fluͤgel derjenigen Seite geſteckt, auf welcher ſie den Fuß aufheben. Daher iſt auch gewöhnlich der Schenkel, der gemeiniglich den ganzen Körper zu tragen hat, etwas fleiſchiger, als der andere, der weniger geuͤbt wird.
Ein feuriges Auge, ein ſchlanker anſehnlicher Wuchs, ein ſtolzer Gang und lebhafte Bewegungen find die Eigenſchaften, auf die man bey dem Haus⸗ hahne ſehen muß, durch den man ſeinen Huͤhnerhof zu bevölkern wuͤnſcht. Er iſt ſo wild und ſtuͤrmiſch in ſeiner Liebe, daß er, in Ermanglung einer Henne, ſelbſt des Grolles, den er ſonſt gegen andere Haͤhne hegt, zu vergeſſen ſcheint, und ſie als Hennen be⸗ handelt. Dieſe unnatuͤrliche Paarung muͤſſen ſchon die Alten bemerkt haben, denn Plutarch gedenkt eines Geſetzes, das fo aus ſchweifende Zaͤhne zum
| Tode
49 Das Haushuhtk | Tode verurtheilte. Ein Geſetz, wobey der, der es gab, gewiß weiter dachte, als für den erſten Anz blick ſcheint. Der Haus hahn iſt der wahre Schutz⸗ und Schirmvogt feiner Hennen. Er begleitet ſie, nimmt ſich muthig ihrer an, ruft ihnen herbey, wenn er einen guten Biſſen findet, und theilt denſelben zum dftern redlich mit ihnen. Mit ſichtbarer Bes haglichkeit ſteht er in ihrem Kreiſe, wenn fie freſſen. Strenger kann man die Alleinherrſchaft nicht behaup⸗ ten, und eiferſuͤchtiger iſt kein Sultan iu feinem Has rem, als er. Wie jener, hat auch der Haushahn feine Favorithennen, mit denen er ſich vorzüglich viel zu ſchaffen macht. Sobald er einen Nebenbuhler er⸗ blickt, fo rennt er mit funkelnden Augen und ſich em⸗ porſtraͤubenden Federn auf ihn los, Zorn und Eifer⸗ ſucht befluͤgeln ſeine ſonſt abgemeſſenen Schritte. Jetzt fängt ein Kampf auf Tod und Leben an. Dieß verſteht ſich freylich nur von jungen Haͤhuen, die noch im vollen Gefühl ihrer Kraft ſind. Die alten, halb abgelebten, die man oft auf unſern Huͤhnerhd⸗ fen das Gnadenbrod freſſen laͤßt, vertragen ſich leich⸗ ter mit einem andern Hahne, und ſind zuweilen froh, eine Stuͤtze an ihm zu haben. Unlaͤugbar iſt der Zaushahn eins der ſtreitbarſten, muthvolleſten Thiere,
*
Das Haushuhn. 41 Thiere, das lieber ſterben als Unterjochung und Ab⸗ haͤngigkeit von einem andern Hahne erdulden will. Seine angeborne Streitluſt und Eiferſucht hat man durch Kunſt zu verſtaͤrken, und aus den Hahnen⸗ kaͤmpfen ein Schauſpiel fuͤr geſittete und ungeſittete Nationen zu machen gewußt. Ja man ſuchte ſogar, durch den Anblick von Hahnengefechten, den Keim der Tapferkeit und des Heroismus im Menſchen zu entwickeln. Um, kurz vor einem Angriffe der Perſer, feine Armee recht muthig zu machen, ließ Themi⸗ ſtocles vor ihren Augen Haͤhne kaͤmpfen. „Seht „ hier die Wuth, rief er, mit denen dieſe bloß um die
„Ehre des Sieges ſtreiten; und ihr wolltet fuͤr euren
„Heerd, fuͤr eure Weiber und Kinder, fuͤr die Graͤ⸗ „ber eurer Vaͤter weniger thun?“ Wirklich be⸗
geiſterte dieß die Soldaten ſo ſehr, daß ſie — wie
Haͤhne kaͤmpften und den Sieg erfochten. Ein feyer⸗ licher Hahnenkampf erneuerte in Athen alle Jahre das Andenken an dieſen Vorgang. Schon in den
N aͤlteſten Zeiten waren die Haͤhne von Rhodus, Chal⸗
cis, Pergamus und Tanagra wegen ihres Muthes ſehr beruͤhmt, und die Kaͤmpfe derſelben ein belieb⸗ tes Schauſpiel; und noch heutiges Tages werden ſie in China, Ceilon, auf den Philippinen, den Sun⸗
Voͤgel II. Theil. F dai⸗
42 Das Haushuhn. daiſchen Inſuln, im Dariſchen Meerbuſen und vor⸗ zuͤglich in England für etwas aͤußerſt Angenehmes angeſehen. Alles verſammelt ſich, alles nimmt Parthey, der fuͤr dieſen, der andere fuͤr jenen Kaͤm⸗ pfer; man wagt die ausſchweifendſten Werten, um dem Schauſpiele noch mehr Intereſſe zu geben, und ſetzt nicht ſelten ſeine Ehre, ſeine Ruhe und das Gluͤck einer Familie auf den Schuabelhieb eines Hahnes. Jung und Alt draͤngt ſich in England in die Buden, in deren Mitte der Kampfplatz mit Raſen be⸗ deckt iſt. Sorgfaͤltiger als mancher junge Herr wer⸗ den die Streithaͤhne erzogen, und man gibt ſich alle Mühe, ihre Leidenſchaften recht feurig zu ma⸗ chen. Einige Tage vor dem Kampfe, wozu man ihre natuͤrlichen Waffen mit ſilbernen auch ſtaͤhlernen Sporen vermehrt, fuͤttert man fie mit in engliſch Bier getunktem, gerdſteten Brode. Die Vegierde, mit der die Zuſchauer ihre Augen auf die Kaͤmpfer haften, damit kein Hieb, kein Stich, keine Wen⸗ dung ihnen entgehe; die Wuth der Haͤhne ſelbſt, die die Gegenwart ſo vieler Zeugen noch mehr anzufa⸗ chen ſcheint; das Freudengeſchrey derer, die ihre Wette gewinnen; die Fluͤche der Verlierenden, und das Hohngelaͤchter, unter dem der, der die Wette f nicht
Das Haushuhn. 42
nicht bezahlen kann, von der Budendecke herab, zu der ihn die Glaubiger in einem Korbe hinaufziehen, accordiren muß, das alles zuſammen macht in der That ein Schauſpiel, das in ſeiner Art einzig iſt. In Siam gehdren dieſe Kämpfe zu den größten Na⸗ tionalfeſten. Zwar predigen die Talapoins oder Prleſter ſehr eifrig dagegen, aber es hilft nichts. Umſonſt geben ſie vor, daß die Freunde ſolcher Kaͤm⸗ pfe ſich in jenem Leben mit eiſernen Staͤben herum⸗ ſchmeißen muͤſſen; umſonſt verſichern fie, wer an fo grauſamen Luſtbarkeiten Freude faͤnde, verrathe eine niedrige Denkungsart, man hört fie und geht —
in Indien wie bey uns — zum Hahnenkampfe. Der Anblick ihres eignen Bildes im Spiegel ſcheint den Kampfhaͤhnen Muth und Vertrauen auf ihre Waffen einzuflößen, und fie zum Angriffe zu reizen. Laͤßt man ſie nun auf einander, ſo ſtreifen erſt die Kaͤmpfer mit gefunkelten Flügeln rauſchendam Erdboden hin, ſtraͤuben die Halsfedern, daß ſie ei⸗ nen Kragen bilden, und ſpringen und flattern dann ſo aufeinander los, daß ſie bald mit den Schnaͤbeln, bald mit den Klauen und Sporen ſich die gewaltig⸗ ſten Stöße verſetzen. Auch die Augenblicke, die ſie zur Erhohlung noͤthig haben, bleiben ſie in einer - 52 wehr⸗
44 Das Haushuhn.
wehrhaften Stellung. Sie treten einige Schritte zuruͤck, ſenken den Hals gegen die Erde und ſehen mit funkelnden Augen unverwandt auf einander. Der Kampf wird nun erneuert, und gemeiniglich im⸗ mer wiederhohlt, bis einer von beyden auf dem Schlachtfelde bleibt. Der Sieger verkuͤndigt nun kraͤhend ſeinen Sieg und geht im Gefuͤhl ſeiner über: legnen Tapferkeit mit ſichtbarem Stolze herum. Iſt der Ueberwundene nicht todt, ſo ſucht er beſchaͤmt einen Schlupfwinkel, um dem uͤbermuͤthigen Hohn⸗ gelaͤchter ſeines Siegers zu entgehen.
So eiferſuͤchtig und unvertraͤglich aber faſt alle Haushaͤhne gegen einander ſind, ſo beweist doch | eine fehr merkwürdige Geſchichte die Möglichkeit vertraͤglicher und liebreicher Geſinnungen, felbft un⸗ ter Hähnen, Zu Cheſter wollte man unter zwey beruͤhmten Kaͤmpfern den tapferern kennen lernen, und ließ ſie, was bisher noch nie geſchehen war, auf einander, da ſie ſonſt nur mit andern Haͤhnen gekaͤmpft und immer geſiegt hatten. Alles nahm an dem Schauſpiele Theil, das man ſich im Voraus als eins der blutigſten und hartnaͤckigſten vorſtellte. Doch, ſtatt zu kaͤmpfen, ſahen ſie ſich friedfertig an. Man wirft ihnen Koͤrner vor, um den Neid rege zu
machen.
Das Haushuhn. 45
machen. Sie verzehren ſie in bruͤderlicher Eintracht. Durch Eiferſucht will man jetzt die Gemuͤther tren⸗ nen, und läßt eine Henne in den Kreis. Umſonſt; wechſelsweiſe befriedigen ſie eintraͤchtig ihre Triebe. Jetzt faͤrdt ihnen der Eigenthuͤmer die Federn, da⸗ mit ſie ſich nicht kennen ſollen. Aber auch die ver⸗ änderten Kleider ſibren die Harmonie nicht im Ges ringſten. Fuͤr jeden der zwey Herzensfreunde wird nun ein andrer Hahn herbey gebracht. Mit Wuth fallen ſie uͤber dieſe her, und beweiſen, daß nicht Muthloſigkeit fie fo friedlich mache. Im Augen⸗ blicke der hoͤchſten Erbitterung nimmt man die zwey fremden Haͤhne weg, in der Meinung, nun wuͤrden doch wohl die beyden Freunde, in der Blindheit der Leidenſchaft, ihre Waffen gegen einander kehren. Fruchtlos war auch dieſer Verſuch. Sie blieben dle alten friedfertigen Haͤhne, die kein noch fo erfinde⸗ riſcher Witz ihres Herrn gegen einander reizen konnte. Gewiß machen ſolche Spiele der Menſchheit wenig Ehre. Es iſt traurig, daß man die Leiden eines Thieres jemals zu einem angenehmen Schauſpiele machen konnte. Muß man denn Geſchoͤpfen Qua⸗ len verurſachen, um ſich zu freuen? Hat die Natur nicht ſonſt Freuden genug? Mund! d F 3 Die
\ 46 Das Haushuhn. Die Senne bedarf des Fahnes nicht um Eyer
zu legen, aber ſie bedarf ſeiner, wenn ſie fruchtbar ſeyn ſollen. Auch eine vom Hahne 20 Tage ent⸗ fernte Henne kann noch fruchtbare Eyer legen. So lauge dauert jene Wirkung. Unter den Eyern findet ſich manche Sonderbarkeit, die dem Aberglau⸗ ben und der Unwiſſenheit viel zu thun machte. Wenn zwey Eyer ſich zu gleicher Zeit vom Eyerſtocke los⸗ machen, und mit einander den Eyergang durchlau⸗ fen, wo die kalkartige Huͤlle, die wir die Schale nen⸗ nen, eutſteht, und dieſe nun beyde umſchließt, fo gibt es ein Ey mit zwey Dottern. Fehlt es an jenem kalkartigen Stoffe, ſo gibts Sliegeyer, die gar keine, oder Windeyer, die nur eine ſchwache Scha⸗ le haben. Findet ein Ey in ſeinem Wachsthume ein Hinderniß, und geräth in den Kreis eines an⸗ dern Eyes, das nun ordentlich zunimmt, ſo kann ein Ey im Eye entſtehen, wie man ſchon dfters fand. Eben ſo mag es zugegangen ſeyn, daß man ſchon zuweilen eine Stecknadel oder auch andere fremde Kdiper in Eyern entdeckte. Daß man aber im Jahre 1681, während der Zeit, als ein Comet und eine Sonnenfinſterniß, zwey Dinge, deren eins ſchon gewiſſe Kopfe ſchwindelnd machen kann, ſicht⸗
f bar
Das Haushuhn. 47
bar war, auf den Eyern einer Henne die Sonne und
Sterne bemerkt haben will, oder daß einmal ein
Dotter wie ein Menſchenkopf ausgeſehen, ja daß man ſogar in einem Eye 2, ſage zwey, kleine Igel
gefunden habe; das ſcheint erdichtet zu ſeyn, wenn
wir auch noch zur Noth die 1642 vom 12. Jul. bis
zum 20. Sept. in Ulm von fünf Hennen gelegten und
mit etwas Sonnen aͤhnlichen Flecken bezeichneten fuͤnf Eyer gelten laſſen wollen. Auch in der Form der Huͤh⸗
nereyer ſpielt die Natur oft ſonderbar. Sie ſind bald klein bald groß, bald kugelrund bald birnfoͤrmig,
zuweilen wehl gar wie ein halber Mond, oder auch
mit einem kleinen Stiele verſehen. Auch hellleuch⸗
tende will man ſchon geſehen haben. Die beruͤch⸗
tigten Hahneneyer, aus denen der Aberglaube einen
Baſilisk zitternd erwartete, ſind nichts anders, als
Eyer von kranken, alten Hennen. Die vertrockneten
Bänder in denfelben, die freylich ſchlangenfoͤrmige
Kruͤmmungen haben, ſah die Dummheit für Schlan
gen an. | Um die Mauſerzeit, gegen den Winter hin,
wo die ausfallenden Federn oͤfters durch Federn von andern Farben erſetzt werden, legen die Hennen nicht. Gute Sennen legen im Fruͤhlinge und Som⸗
48 Das Haushuhn. Sommer alle Tage ihr Ey, und bezahlen damit ihr Futter. In Samogetien ſollen fie jeden Tag zwey, und einige Illyriſche Hennen wohl gar drey Ever legen. Die Waͤrme des Himmels traͤgt dazu viel bey. Will man die Eyer friſch erhalten, ſo darf man nur die Ausduͤnſtung derſelben verhindern. Dieß geſchieht am Beſten, wenn man ſie mit etwas Fett oder Talg beſtreicht, wodurch die kleinen Oeff⸗ nungen verſtopft werden. Die Hennen haben auch vorzuͤglich das Geſchaͤfte des Ausbruͤtens zu beſor⸗ gen, obgleich es nicht an Beyſpielen von Haͤhnen und Kapaunen fehlt, dle es gleichfalls uͤbernahmen, und fuͤr ihre Brut alles thaten, was eine zaͤrtliche Mutter nur immer thun kann. Mit freudigem Gacken kuͤndigt es die Henne an, wenn ſie ein Ey zur Welt gebracht hat. Hat ſie eine gewiſſe Anzahl gelegt, ſo erwacht der Bruͤtungstrieb mit zaͤrtlichem Glucken fo laut und heftig, daß fie auch über Eyern von bloßer Kreide figen würde, und ihre Hitze, wenn man fie nicht brüten laſſen will, durch Eintau⸗ chen in kaltes Waſſer geloͤſcht werden muß. Sie iſt ſo eifrig und emſig in dieſem Bruͤtgeſchaͤfte, als begriffe ſie die Wichtigkeit desſelben. Ganz junge Hennen ſind zu dieſer Arbeit zu flatterhaft, und ſo wie
Das Haushuhn. 40 wie ein Hahn in zwey Jahren erſchoͤpft iſt, fo wird auch die Henne nach vier Jahren zur Zucht untaug⸗ lich. Oft verheimlicht die Henne ihr Lager, und traͤgt auch wohl, wenn fie bemerkt zu werden bes ſorgt, das zum Legen reife Ey ſtundenlang mit fi ch herum. Hat man dieß zu vermuthen Urſache, ſo darf man ihr nur den Legedarm mit Salz einreiben, gleich eilt ſie fort und verraͤth ihr Neſt. Die Jens ne, die man bruͤten laſſen will, bekommt 11, 15 oder 17 Eyer; in ungerader Zahl, weil ſie ſich beſſer in einander legen; nicht mehr aber, weil ſie die⸗ ſelben ſonſt nicht bedecken kann. Wie die Entwick⸗ lung des Kuͤchleins im Eye allmaͤhlich vor ſich gehe, davon iſt bereits in der Einleitung zum erſten Theile geredet worden. Mit ungefaͤhr drey Wochen erdͤff⸗ net ſich der kleine Gefangne die Thuͤren ſeines Ker⸗ kers und begrüßt pipend die Welt. Daß durch Waͤr⸗ me vorzuͤglich die Entwicklung des Kuͤchleins im Eye vor ſich gehe, beweiſen die vielfaͤltigen kuͤnſtlichen Verſuche, Eyer auszubruͤten. Die Kaiſerinn Livia bruͤtete in ihrem Buſen ein Huͤhnerey aus, um zu er⸗ fahren, ob das Kind, mit dem ſie ſchwanger war, ein Knabe oder ein Maͤdchen werden wuͤrde. Zu⸗ faͤlliger Weiſe beſtaͤtigte der Ausgang ihren Aberglau⸗
Voͤgel II. Theil. G ben,
30 | Das Haushubld
ben. Ein anderes Frauenzimmer Asche in den Verſuch mit Diſtelſiuken⸗ Sun „und ſogar von einer Hündin ruͤhmt many, ſie ie habe Hühner ausgebruͤtet. In Aegypten darf man jährlich 92 Millionen Huͤh⸗ ner rechnen, die in den daſelbſt for gewöhnlichen Bruͤtofen auß gebruͤtet werden. Es verſteht ſich, daß die Waͤrme immer ſehr genau abgemeſſen, und der Wärme einer bruͤtenden Henne, naͤhmlich 33 Grade R. ſeyn muß, man mag ſich nun der Ofen, oder der Lampen, oder des erhitzten Miſtes zu dies ſem Geſchaͤfte bedienen. Wenn es der Raum er⸗ laubte, ſo waͤre es wirklich der Muͤhe werth, die kunſtreichen Einrichtungen, die man hiezu erſonnen! hat, näher zu beſchreiben. Die Bauern, die zu der Aegyptiſchen Bruͤtofen die Ever zutragen, erhaltene dafür den Korb, den ſie voll von Eyern brachten, mit Huͤhnern angefuͤllt. Der großere Raum, den diefit eianehmen, macht ungefähr den Handel gleich. In China hat man aͤhnliche Auſtalten zu Ausbruͤtung“ der Enteneyer. Freylich laſſen ſich in warmen Laͤn⸗ dern dieſe von den erxſten Tagen ihres Lebens an mut⸗ terloſen Geſchoͤpfe leichter aufziehen, als bey uns, wo erſt vom Aus kriechen des Kuͤchleins an, die Mühe, > Sorgfalt und Treue einer Mutter Bebärfniß für die 9 i Klei⸗
Das Haushuhn. SL Kleinen iſt. Will indeſſen doch Jemand bey uns einen Verſuch machen, der nehme einen Cylinder von Blech, der 1 Fuß weit und hoch'iſt. In dieſen muß ein anderer paſſen, der nur 9 Zell im Durch⸗ ſchnitte hat. In den Letztern thue er Spreu und Ever, und in den aͤußern, der ihn umſchließk, wär⸗ mes Waſſer, das vermittelſt einer unter der Maſchiue angebrachten Oehllampe immer in dem gehdrigen Grad der Waͤrme erhalten wird, den das im Waſſer haͤngende Thermometer angibt. In drey Wochen find die Kuͤchlein aus den Eyern * Nichts gleicht der Sorgfalt einer Gluckhenne fuͤr ihre Familie. Sie beſchaͤftigt ſich nur mit ihr, | verſagt ſich alles, um es ihren Kindern zu geben, ruft, ſo oft ſie etwas Genieß bares findet, ihnen her⸗ bey, ſchuͤtzt fie mit ihren Fluͤgeln, wirft ſich muthig dem Raubthiere und dem Hunde entgegen, und ſcheint mit der Verzweiflung zu ringen, wenn eins | ihrer Stiefkinder, ein Entchen, dem Triebe der Na⸗ tur folgend, ins Waſſer eilt. Die erſte Nahrung der Büchlein beſteht in hartgeſottnen Eyerdottern, angefeuchteten Brodkeumen, Hirſe, Hanfſamen u. d. Auch Fleiſch und Wuͤrmer lieben ſie. Caffeebohnen und 5 Mandeln find ihnen ſchaͤdlich. In unge⸗ G 2 faͤhr
52 Das Haushuhn.
‚fahr 15 Monaten haben fie ihr vollkommnes Wachs⸗ thum erreicht. Zu Fortpflanzung ihres Geſchlechts taugen fie aber ſchon früher. Ihr Alter konnten ſie auf 20 und mehr Jahre bringen, wenn nicht vie⸗ len Tauſenden, ja Millionen, die Menſchen es gar ſehr verkuͤrzten. Auch Krankheiten ſind ſie haͤu⸗
fig unterworfen. Bald quält fie der Pips, wenn die Druͤſen ſich verſtopfen, und die Zungenſpitze hart wird; bald haben ſie die Darre, wenn die Fettdruͤſe uͤber dem Schwanze ſich verhaͤrtet. Ein anderes Mal leiden ſie an der Verſtopfung, oder am Zip⸗
perlein, oder ſie bekommen ſteife Beine, oder einen
geſchwollnen Kropf. In der Mauſerzeit muͤſſen ſie
waͤrmer gehalten und ſorgfaͤltiger gefuͤttert werden. Man kann mit jedem Huhn den oben bey dem waͤl⸗ ſchen Hahne angefuͤhrten Verſuch machen, daß es
unbeweglich ſtille liegen bleibt, wenn man ihm ei⸗
nen dicken Strich mit Kreide vor den Schnabel zieht.
Nur muß man ihm den Kopf wohl niederdruͤcken
und auch, nachdem der Steich ſchon gemacht iſt, die Hand einige Minuten auf dem Kopfe laſſen. Die
ſes Gefuͤhl des Drucks, verbunden mit dem Anblick des Striches, uͤberredet das Thier, es liege ihm ein Balken auf dem Kopfe. Jetzt darf man ſich immer
weg⸗
Das Haushuhn. 53
wegbegeben, poltern, laͤrmen, wie man will, es bleibt liegen, bis ein ploͤtzlicher Stoß durch einen neuen Eindruck den Vorigen verdraͤngt.
Um die Huͤhner recht fett zu machen, verſchnei⸗ det man ſie. Die Schwelgerey hat uns das Kunſt⸗ ſtuͤck gelehrt, ganze Generationen auf einmal zu ver⸗ ſchlucken, und aus jungen Haͤhnen Rapaunen, und aus Hennen Poularden zu machen. Auch pflegt man wohl den Haͤhnen einen ihrer Speren wegzuſchneiden, und ihn an die Stelle des gleichfalls weggeſchnittnen Kammes gleichſam einzuimpfen, wo er dann fortwaͤchst. In der That ein gar arm⸗ ſeliges Kunſtſtuͤck. Der Kapaun mauſert ſich nicht mehr, ſeine Stimme iſt heiſer, und Haͤhne und Hen⸗ nen begegnen ihm mit ſichtbarer Verachtung. FR laßt er fih zum Bruͤten brauchen.
Ungemein auffallend find die Spielarten von ens baͤhnern, wovon wir jetzt einige der Merkwuͤr⸗ digſten kurzlich beſchreiben wollen. Am Leibe nicht beſonders groß, aber auf ziemlich hohen Fuͤßen ſchrei⸗ tet der engliſche Hahn (Ph. G. anglicus, le Coꝗ d' Angleterrèe 15) einher. Er iſt ein trefflicher Kaͤmpfer. Kamm und Federbuſch ſind nicht ſehr groß. Ueber der Naſe hat er rothe Fleiſchlnotchen,
G 3 und
und die Halsfedern find nicht fo lang und ſtruppig, als bey andern. Eine große, ſchoͤne Haube hat die engliſche Henne (16), die aber im Legen kein Mu⸗ ſter von Fleiß iſt. Doch find ihre Eyer deſto größer, Ueberhaupt aber gibt es gar viele mit Hauben ge⸗ zierte Huͤhnerarten, worunter man beſonders dieje⸗ nigen ſchaͤtzt, die wie unſre Bruthenne (14), einen ganz ſchwarzen Buſch, uͤbrigens aber vollkommen weißes Gefieder haben. Ganz ohne Schwanz iſt der Rluthahn (Ph. G. ecandatus, le Coq Jans crou- pion 17) und feine Henne. Die Einwohner von Virginien verſichern, daß auch die von auswärts hingebrachten Huͤhner bey ihnen den Schwanz ver⸗ lieren. Sie ſehen hinten wie ein runder Kloß aus. Ihre Schnaͤbel und Fuͤße ſind blaulich. Durch ſehr kurze Beine, die wie der Schnabel ſchoͤn gelb ſind, zeichnet ſich der Kruphahn (Ph. G. pumilio, le Cog nain 18) und feine Henne (19) aus. Man nennt ſie auch ungariſche Huͤhner. Sie ſind zwar klein, aber ſehr fett und fleißig im Legen und Bruͤten. Ganz verkehrt ſtehen am Struphuhne (bh. G. criſpus, le Cog Fri) die Federn, wie an der abge⸗ bildeten ſtraubigen Henne (20) ſichtbar iſt. Sie muͤſſen nothwendig fuͤr Kaͤlte und Waͤrme zu em⸗ pfind⸗
TH
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Das Haushuhn. 55
ꝓfindlich ſeyn, als daß ſie gute Zuchthuͤhner abgeben
koͤnnten. Ziemlich klein, aber ſchoͤn ſind die rauch⸗ fuͤßigen Huͤhner (Ph. G. puſillus, le Coq de Ban- tam 21), die auch die Japaniſchen genennet werden. Alle dieſe und andere Arten haben ſich nun freylich ſo untereinander vermiſcht, daß es ſelten iſt, ganz reine, von aͤchter, unvermiſchter Race zu ſehen. Es iſt das faſt der naͤhmliche Fall, wie bey einer Menge von Hunden. Noch muͤſſen wir attführen: das Wollhuhn, deſſen Federn ſo ſchlicht als die Haare eines Saͤugethieres ſind, und zu der Fabel ihrer Ab⸗ ſtammung von einer Henne und einem Caninchen Gelegenheit gegeben haben; das Paduaniſche, das doppelt fo groß, als die gewohnlichen, und das Mohrenhuhn, das ein wahrer Neger unter den Huͤhnern iſt, und Kamm, Backenlappen, ja vo. die Knochen ſchwatz haben ſoll.
Das zleiſch und die zu einer Menge Speiſen fd vortrefflichen Eyer haben uns die Huͤhner ſehr werth gemacht, auch iſt ihr Miſt ein guter Dünger, Junge Huͤhner, Kapaunen und Poularden ſind ih⸗ res Fleiſches wegen, aͤltere aber um der kraͤftigen Bruͤhe willen, die ſie geben, von nicht geringem Nu⸗ Ben, Aus den Eyerſchalen werden Pfeifenkoͤpfe,
u fal⸗
56 Das Haushuhn.
falſches Porcellan und Farben gemacht. Die Federn geben Betten, die freylich nicht die beſten ſind, aber doch den ihnen gemachten Vorwurf nicht ver⸗ dienen, man habe auf ihnen einen haͤrtern Todes kampf. Huͤhnerfedern, Eiderdunen und Stroh find dann wohl ganz gleich, und nur ein Thor kann jenes Vorgeben erſonnen haben. Denn Ruhe und Friede haben ihren Sitz nicht im apf * dern im Herzen.
Schon ſehr alt iſt die Gewohnheit, die Büldniſſe von Haͤhnen auf Kirchthuͤrme als Wetterfahnen zu ſetzen. Wenn man gewiſſen Leuten glauben will, die zu allem eine tief ausgedachte und weitgeſuchte Erklärung in Vereitſchaft haben, ſoll dieß eine nachdruͤckliche Aufforderung an die Geiſtlichkeit ſeyn, eben fo wachſam, als der frühe ſchon kraͤhende Hahn, fuͤrs Beſte der Gemeine zu ſorgen; eben ſo rein wie er, der den Staub von ſeinen Fluͤgeln abſchuͤttelt, zu wandeln; eben fo freygebig, wie er ſeine Huͤhner fuͤttert, die geiſtliche Speiſe mit⸗ zutheilen; eben fo muthig, wie er kaͤmpft, gegen den Suͤnder zu eifern. Kurz, eine ganze Paſto⸗ raltheologie ſoll der Sahn 1. der een ſpitze vortragen. 2 „0
Ein
| Das Haushuhn. 57
Ein ſonderbarer Gebrauch herrſcht bey den Ju⸗ den an ihrem Verſöhnungstage. Der Hausvater nimmt einen Hahn, ſpricht ein Gebeth und ſchlaͤgt ſich den Hahn dreymal um den Kopf mit den Wor⸗ ten: Dieſer Hahn ſey ſtatt meiner Suͤnden. Wie ich ihn nach Willkuͤr hin und her bewege, fo vera wandeln ſich die Engel, die mich verklagen, in Fuͤrbitter. Eine aͤhnliche Ceremonie wird von allen im Hauſe begangen. Am Ende werden — was noch das Beſte bey der Sache iſt, die Huͤhner ge⸗ ſchlachtet, und die Suͤnden, die ihnen aufgebuͤrdet worden, mit ihnen rein aufgezehret. |
Auſſer den ſchon beſchriebenen Hahnenkaͤmpfen, hat man noch andere Luſtbarkeiten auf Koſten dieſer armen Geſchoͤpfe erdacht. Hieher gehoͤrt das Hah⸗ nenſchlagen, eine gewoͤhnliche Bauernfreude an ih⸗ ren Hochzeitfeſten. Man bindet einen Hahn an ei⸗ nen Pfahl, und laͤßt nach der Reihe herum die Ge— ſellſchaft mit verbundnen Augen nach ihm ſchlagen. Wenn werden doch die Menſchen einſehen, daß die Rechte, die ihnen der Schoͤpfer uͤber die Thiere ein⸗ geraͤumt hat, ſich nicht weiter, als auf den vernuͤnfti⸗ gen Gebrauch derſelben erſtrecken, und daß ſolche Miß⸗ handlungen ein wahres Verbrechen n Nicht zu
Voͤgel II. Theil. H ge⸗
58 Das Haushuhn.
U
gedenken, das ſolche blutige Freuden gewiß einen nachtheiligen Einfluß auf die Denkungsart haben, und zur Grauſamkeit und Härte gewöhnen konnen. Domitian kannte keine größere Freude, als Fliegen zu ſpießen, und dieſe Geiſel der Fliegen wurde der grauſamſte Tyrann; und Karl IX. König von Frankreich, der aus feinen Fenftern auf die uns gluͤcklichen, ſich fluͤchtenden Hugenotten ſchoß, und mit Wolluſt den Verweſungsgeruch von der Leiche des ermordeten Coligni einzog, liebte die Jagd ſo ausſchweifend, daß er ſeine Haͤnde im Blute der erlegten Thiere zu waſchen pflegte. In dieſer Schule lernte dieſer von Natur wohlwollende Fuͤrſt — Blut zur Luſt vergießen.
Mit Recht hoffen wir, ſolcher Grauſamkeiten gegen die Thiere werden immer weniger werden. Erſt vor einem Jahre (1794) iſt in Ulm das bey dem jaͤhrlichen Fiſcherſtechen uͤbliche Martern einer Gans, die man an den Fuͤßen quer uͤber das Waſſer hieng, um ihr im Durchfahren den Hals abzureißen, gaͤnzlich abgeſchafft worden. Es ſey nun, daß die Weisheit der Obrigkeit, oder der Geſchmack eines geſitteten Publicums, oder die Menſchlichkeit der Fiſcherszunft dieſes bewirkt habe; ſo gereicht dieſe
Sache
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Der gemeine Faſan. 59
Sache immer zur wahren Ehre jener freyen Reichs⸗ ſtadt, deren jaͤhrliches Volksfeſt dadurch ſicher in den Augen aller Vernuͤnftigen gewonnen hat.
w— — een
Tab. VIII. & IX.
Der Faſan. | Phafianus, le Faifan. Der gemeine Faſan (22) und ſeine Henne (23) Der Goldfaſan (24) und ſeine Henne (25) Der Silberfaſan (26) und feine Henne (22) Der bunte Faſan. (28)
Bey Weitem nicht ſo faͤhig zu einem ruhigen haͤus⸗ lichen Leben, wie unfre Haushuͤhner, iſt der Faſan, ob er gleich mit ihnen zu einer Gattung gehört, Auch die ſorgfaͤltigſte Pflege und treueſte Wartung wird ihn nie dahin bringen, daß er gern in unſern Haͤuſern wohne. Er bleibt nur, weil er muß, iſt immer wild und unruhig, denkt bloß auf ſeine Frey⸗ heit, und ſtoͤrt auch wohl den Frieden und die Ruhe derer, die mit ihm einerley Loos der Gefangenſchaft theilen. Schenkt man ihm ſeine Freyheit wieder, ſo iſt vollends kein fo mißtrauiſches Gefchhpf als er.
H 2 Ueber⸗
69 Der gemeine Faſan.
Ueberall ahndet er Gefahr, und auch der Schatten
eines bewegten Baumzweiges verſcheucht ihn. Schon der Nahme des gemeinen Sefans (Col- chicus) verraͤth ſein Vaterland. Er haͤlt ſich beſon⸗ ders haufig am Fluße Phaſis, in den tuͤrkiſchen Pros vinzen Georgien und Mingrelien, auf. Von hier brach⸗ ten ihn die Argonauten, bey Gelegenheit ihrer Reiſe nach Colchis, nach Griechenland, und es iſt keine Frage, daß fie ſich hiedurch ein größeres Verdienſt erworben haben, als durch die Eroberung des goldnen Vließes, wenn auch gleich jene kein Drache be⸗ wachte. Von Griechenland aus haben ſich dieſe trefflichen Voͤgel faſt uͤberall, hier ſeltner, dort haͤu⸗ figer, verbreitet. Doch ſoll man in Schweden, Großbrittanien und in der Schweiz keine Faſanen wild finden. Die große Menge von Faſanen in Böhmen, die zu einem Handelszweige geworden ſind, ſoll, wie faſt nicht zu zweifeln iſt, noch immer eine wohlthaͤtige Folge von Herzog Friedrichs Groß⸗ muth ſeyn, der 200 Faſanen auf einmal die Frey⸗ heit ſchenkte, und ſie zu fangen oder zu toͤdten aufs ſtrengſte verboth, bis ſie ſich recht verbreitet haͤtten. Ein ſolches Capital eines Fürften iſt in der That auf teiche Zinſen angelegt, und die ſpaͤte Nachkommen⸗ ſchaft
%
Der gemeine Faſan. 61
ſchaft ſegnet noch den Mann, der ſein Land auf dieſe Art wahrhaft bereichert hat. Da, wo der Safan zu Lande hinkommen konnte, und ihm das Clima nicht zu kalt war, hat er ſich auch verbreitet. Allein einen Flug nach Amerika zu wagen, ſind ſeine Fluͤ⸗ gel zu kurz. Zwar findet man dort welche, aber nur ſolche, die zu Schiffe hingebracht worden find, So groß als der Haushahn, aber geſtreckter
und ſchlanker, iſt der gemeine Faſanenhahn (22). Jun feinem Gange und Anſtande hat er etwas von dem Stolz des Pfauen, mit dem er jedoch, fo ſchoͤn er auch iſt, nie um den Preis der Schönheit ſtreiten kann. Denn immer wird ihm der ſchoͤne Hals, die bewegliche Krone, das prachtvolle Rad fehlen. Seine Backen haben eine ſcharlachrothe, warzige, nackte Haut. Der Augenring iſt gelb, der etwas ge⸗ kruͤmmte Schnabel hornfarbig; der Oberleib braun, gelblichroth und weiß, Kopf und Hals ausgenom⸗ men, die praͤchtig ins Gruͤne, Blaue und Violette ſpielen. Unter den Ohren zeigen ſich um die Begat⸗ tungszeit goldgruͤne Federbuͤſchel, daher man bey einigen Schriftſtellern von gehdrnten Faſanen, von ſtehenden Ohren derſelben u. d. etwas finden kann. Der Unterleib iſt roͤthlich mit dunklern Flecken, die H 3 Fluͤ⸗
U
62 Der gemeine Faſan.
Fluͤgel ſind braͤunlich; die Schwungfedern gefleckt. Sein Schwanz, der aus 18 Ruderfedern beſteht, worunter die Mittelſten die laͤngſten find, iſt roͤth⸗ lichbraun mit Schwarz und Purpur. Die kleinere Henne (23) hat einen kuͤrzern, braun und ſchwarz geſprenkelten, was uͤberhaupt die herrſchende Farbe ihres Gefieders iſt. Ihre Bruſt iſt aſchgrau mit et⸗ i was roth, und ihre Stimme ſchwaͤcher. Nur fo lange die Federn in Verbindung unter einander ſte⸗ hen, haben ſie die angefuͤhrten Spielungen. Ein⸗ zeln ſehen ſie gemeiner aus. Die drey Vorderzehen der Faſanen, wozu noch die hintere und bey dem Hahne ein ganz kleiner Sporn kommt, ſind einiger Maßen durch eine Haut verbunden, und wirklich lleben ſie etwas feuchte Gegenden, ſo daß alſo die Natur durch die Beſchaffenheit der Füße ihrem Nas turell zu Huͤlfe kam. Ebne Waldungen find ihre Wohnung. Sie uͤbernachten auf den Gipfeln der Baͤume, und ſchlafen mit unter die Flügel geſlecktem Kopfe. Widrig iſt ihr Geſchrey, faſt wie der Pfauen ihres, und laut klatſchen die Haͤhne mit den Fluͤ⸗ geln, wodurch fie fich oft verrathen. Nicht ohne daß man fie dazu noͤthigt, fliegen ſie auf. Im Lau⸗ fe find fie ſchneller als die Hühner,
Die
Der gemeine Faſan. 63
Die Wildheit der Faſanen tft unbezwinglich. Wenn man ſie auch ſo weit gezaͤhmt hat, daß ſie auf ' einen Pfiff zur Fuͤtterung erſcheinen, fo iſt doch, ſo⸗ bald ihr Beduͤrfniß befriedigt iſt, ihr menſchenſcheues Weſen wieder da, und nie werden ſie gegen den, der ihnen wohlthut, zutraulich und zahm. Ihre Liebe zur Freyheit, die ihnen um keinen Preis feil iſt, iſt eben ſo groß als ihre Wuth, wenn ſie ſich nun ge⸗ fangen ſehen; eine Wuth, die ſie nicht ſelten an den unſchuldigen Mitgenoſſen ihres Schickſals durch grauſame Schnabelhiebe aus laſſen. Auch ſie ſelbſt untereinander haben keine Neigung zum geſellſchaft⸗ lichen Leben. In der Freyheit haͤlt ſich der Zahn nur zu Einer Henne. Der Menſch, der auch uͤber die Geſetze der Natur erhaben zu ſeyn glaubt, und ſie nach ſeinen Grillen aͤndert, hat fuͤr gut befunden, in Faſaner ien jedem Hahne ſieben Weiber zu ges ben. In einem dunkeln, verborgnen Winkel macht die Henne aus Stroh, Blaͤttern, und aͤhnlichen Ma⸗ terialien ihr Neſt. Sie iſt fo daran gewohnt, es ſelbſt zu verfertigen, daß, wenn ſich auch ein bereits fertiges Neſt ihr darbiethet, ſie es erſt zertruͤmmert, und dann ſich aus den Ruinen desſelben ein neues nach ihrer Weiſe baut. Nur Ein Mal im Jahre, we⸗
2 5 nig⸗
64 Der gemeine Faſan. nigſtens in unſern Gegenden, legt fie 12 20 fehr weiche, gruͤnlich graue Eper, deren Zahl einige noch beträchtlich vermehren, und bruͤtet 20 2g Ta⸗ ge daruͤber. In Faſanerien muß der große Umfang ihres Aufenthalts ſo viel moͤglich das Anſehen hä⸗ ben, als lebten die Faſanen in der Freyheit. Wohl⸗ gerüche lieben fie. ungemein. Man verſuͤßt ihnen durch einen Rauch von Anis, Kampfer, Weihrauch ie ihren Aufenthalt, und lockt auch wohl die Verflog⸗ nen dadurch zuruck. Die Haͤhne muͤßen mit ihren Weibern in beſondern Gehegen fo von andern Haͤh⸗ nen abgeſondert werden, daß ſie einander gar nicht ſehen. Sonſt fangen ſie an zu kaͤmpfen, oder übers laſſen ſich, auch beym bloßen Anblick eines Hahns, einer wuͤthenden Eiferſucht, die ſie in ihrem Berufe ſtört. Oft hegt man in Faſanenreichen Gegenden bloß Hennen, wo denn von Zeit zu Zeit wildlebende Haͤhne ſich einfinden und Beſuche abſtatten, die nicht ohne Nutzen find, Durch große Muͤhe hat man die ſtarke Abneigung des Faſanen vor unnatär⸗ licher Paarung zu uͤberwinden gewußt, und ihn zum ehelichen Umgange mit der Haushenne gendthigt, wovon man eine ſehr fd“. .adhafte, aber en bare Baſtardart erhielt. 1811 Da
Der gemeine Faſan. 65 Da, wo man die Faſanen in einem Walde hegt und fuͤttert, iſt der Verluſt der rechten Hand auf die Luͤſternheit, einen Faſanen zu toͤdten, geſetzt. In der That, ein furchtbarer Erſatz für einen ſolchen Vogel! In neuern Zeiten hätten die Faſanen faſt eine Empbdrung veranlaßt. Aus Liebe zu ihnen bes fahl Carl III. König von Spanien, alle Katzen auf der Inſul Procida, wo die königlichen Faſanen gehegt würden, zu toͤdten. Ein Privatmann konnte ſich nicht dazu eutſchließen, behielt feine Katze, und wurde deßwegen ansgepeitſcht, und auf die Galeeren geſchmiedet. Jetzt nahmen Ratten und Maͤuſe ſo uͤberhand, daß kein Kind in der Wiege mehr ſicher war. Das Volk empörte ſich, das Edict zu Gun⸗ ſten der Faſanen ward widerrufen, und die Katzen erhielten wieder den Zutritt auf Procida.
Die jungen Faſanen koͤnnen zwar, ſobald ſie die Eyer verlaſſen haben, laufen, muͤßen aber doch ſorgfaͤltig gewartet werden. Nach dem erſten Tage ihres Lebens, der ein Faſttag fiir ſie iſt, bekommen fie klein gehackte Eyer mit Neſſeln, Schafgarben und Ameiſeneyern. Vor Naͤſſe verwahrt man fie und gibt ihnen auch nichts zu ſaufen. Nach 6 Wo⸗ chen nehmen ſie das gewoͤhnliche Futter, Gerſte, Voͤgel II. Theil. J Wei⸗
66 | Der gemeine Faſan.
Weizen ꝛc. an. Oft quälen Wuͤrmer und Inſecten die Faſanen. Um ihnen Erleichterung zu verſchaf⸗ fen, raͤth man, einen kleinen Haufen feinen Sand, worin ſie ſich waͤlzen koͤnnen, in ihr Gehege zu thun. Der dritte Monat, wo die langen Schwanz⸗ federn zu treiben anfangen, ift für fie ein kritiſcher Zeitpunct. Daß fie ihr Alter nur auf 7 Jahre bringen, und die Querbaͤnder am Schwanze die Zahl ihrer Lebensjahre angeben ſollen, iſt N unerweislich.
Die Nahrung der Faſanen beſteht in Bü Pflanzen und Getreide, auch gewiſſen Inſecten, beſonders Ameiſeneyern, Heuſchrecken, Tauſendfuͤ⸗ ßen, Obſtwuͤrmern u. d. Selbſt Schnecken, ja Kroͤ⸗ ten freſſen ſie, und es iſt ſehr merkwuͤrdig, daß ſie keinen Froſch und keine Eidechſe anruͤhren. Kranke, wehrloſe Faſanen werden von ihren gefunden Bruͤ⸗ dern aufgefreſſen. Sogar Aas verſchmaͤhen ſie nicht ganz, doch mag dieß immer ein ſehr ſeltner Fall ſeyn. Ein Jaͤger war einmal Zeuge davon. Er ſah von ferne einen Haufen Kraͤhen, in deren Geſellſchaft ſich einige ihm fremdſcheinende Voͤgel befanden, an einem Aaſe gemeinſchaftlich freſſen. Er ſchoß auf Gerathewohl unter den Vogelhaufen und fand, als
er
Der Goldfaſan. 62
er näher hinzukam, mit Erſtaunen, daß er eben ſo viele Faſanen als Kraͤhen getoͤdtet habe.
Mit Schlingen, Huͤhnerhunden, Netzen und Schießgewehren ſtellt man ihnen nach. Der ſtolze, muthige Hahn ſtutzt den Huͤhnerhund an, als wollte er ihn fragen, was er da zu ſchaffen habe, und laͤßt dadurch dem Jaͤger volle Zeit, ihn recht zu faſſen. Die demuͤthigere Henne druͤckt ſich, im Gefuͤhl ihrer Ohnmacht, vor dem Hunde, wie das Rebhuhn, an die Erde. Auch mit Raubooͤgeln macht man Jagd auf ſie. Wie anderes Gefluͤgel werden die Saſanen gemaͤſtet. Ein junger gemaͤſteter Faſan iſt eine treffliche geſunde Speiſe. So wenig man Faſanen ſelten nennen kann, ſo ſind ſie doch nicht ſo haͤufig, daß ihr Preis nicht immer in einer betraͤchtlichen Hoͤhe ſich halten ſollte. Der an Unſinn aller Art ſo große Heliogabal fuͤtterte feine Löwen mit Faſanen. Nicht bloß der Menſch iſt ihrem Leben gefaͤhrlich. Habichte, Huͤhnergeyer, Fuͤchſe, Iltiſſe, Marder u. d. ſtellen ihnen haͤufig nach, und Kraͤhen und Aelſtern ſtehlen ihre Eyer.
Ein unbeſchreiblich praͤchtiges und reizendes Thier iſt der Goldfaſan (Ph. pictus, le Faiſan doré, der chineſiſche, dreyfarbige, rothe Faſan),
S
J 2 der
68 Der Goldfaſan. der den gemeinen Faſan, fo ſchön er auch iſt, ums endlich uͤbertrifft. Der gluͤcklichere Himmels ſtrich, den er bewohnt, hat ihm noch neue Reize geſchenkt. Doch hat ihn ſein buntes Kleid nicht fo ſtolz gemacht, daß er ſich ſeines Urſprungs ſchaͤmte. Im Gegen⸗ theil erkennt er die gemeinen Faſauen fuͤr ſeine Ge⸗ ſchwiſter, lebt friedlich mit ihnen, und erzeugt mit denſelben unfruchtbare Baſtarde, die ein ziemlich ge⸗ meines Gefieder und einzelne goldgelbe Federn auf dem Kopfe, als Denkzeichen ihrer Abkunft, haben. Der Goldfaſanhaͤhn (24) iſt etwas kleiner (*) als der gemeine, den Schwanz ausgenommen, der um ein betraͤchtliches laͤnger iſt. Auf ſeinem Kopfe prangt ein praͤchtiger, hochgelber Federbuſch, der wie ein Topas ſchimmert. In der Begattungszeit erhebt er ihn majeſtaͤtiſch, und dann ſieht er auch
(% Ni icht ohne Grund iſt diefet Umſtand in der
’ Zeichnung nicht beobachtet worden, um in dem Colorit des Gefieders nicht auf einen zu kleinen Naum eingeſchraͤnkt zu ſeyn. Ueberhaupt muͤßen
wir hier wiederhohlen, daß es nach unſerm Plane unmoglich ſey, bey allen Voͤgeln das wahre Ver⸗ haͤltniß ihrer Groͤße gegen einander zu beobach-
ten. Unſer W wie unſte Kupfertafeln haben gewiſſe
Der Goldfaſan. 60
noch ſchöͤner aus. Der Oberhals iſt dunkelgelb mit blauen Querflecken. Der Anfang des Ruͤckens iſt ſmaragdgruͤn mit ſchwarzen Streifen; der uͤbrige Theil des Ruͤckens goldgelb. Die Fluͤgel ſind braͤun⸗ lich roth, mit einer ſchoͤnen blauen Stelle an den kuͤrzern Schwungfedern. Ein reines, brennendes Scharlachroth bedeckt den ganzen Unterleib. Der lange Schweif ſcheint roͤthlich braun und ſchwarz in einander geſchmelzt. Die Augenringe, der Schna⸗ bel, die Fuͤße und die Klauen ſind gelb. Dieſer Reichthum von den edelſten und ſchoͤnſten Farben iſt in einer ſolchen Verbindung, daß das Ganze des Vogels wirklich unbeſchreiblich ſchoͤn iſt.
Die Goldfaſanenhenne (25) ſteht in Abſicht auf Schoͤnheit ſehr weit hinter ihrem Gatten. Ihre Farbe iſt ein Gemiſche von braun, gelb und grau.
| N Sehr | gewiſſe Schranken, die fi ſie nicht überſchreiten. dürs
fen. Wie könnte man auch ven unſern naturhi⸗ ſtoriſchen Wochenblaͤttern eine Vollkommenheit erwarten, die man den groͤßten und ſchoͤnſten Wer⸗
Ken zu geben faſt unmödalich fand? Und wie muͤß⸗
te wohl das Werk beſc haffen ſeyn, in dem der Strauß und der Zaunkönig, der Dronte und der
Colibri im richtigſten Verhaͤltniſſe gegen einander abgebildet waͤren?
70 Der Goldfaſan. Sehr merkwuͤrdig ift der Umſtand, daß in England zwey Goldfaͤſanenhennen ſich nach und nach von der gemeinen Farbe einer Schnepfe bis zum koſtbaren Gefieder eines Hahnes verſchoͤnert haben.
Bey weitem nicht ſo wild als die gemeinen Fa⸗ fanen find die Goldfafanen. Sie ſcheinen vielmehr viele Sanftmuth in ihren Sitten und Anhaͤnglichkeit an den Menſchen zu haben. Die Eper, die fie legen, ſind kleiner, als die von unſren Haushennen, und gelbroͤthlicher, als die gemeinen Faſaneneyer. Inzwiſchen muͤßen wir hier die Bemerkung hinzu fuͤgen, daß man gar oft von deuſelben Vogelarten Ener von verſchiednen Farben antrifft. So iſt wirk⸗ lich bey den Faſanen der Fall, daß zuweilen auch der gemeine gelbroͤthliche, und dann der Goldfaſan grauliche Eyer legt. Aehnliche Erfahrungen hat man ſchon bey Truthuͤhnern, Pfauen und andern Vögeln gemacht. Ob hieran ein kraͤnklicher Zuſtand, oder das Alter der Vögel, oder eine gewiſſe Art von Futter Schuld ſey, laͤßt ſich ſchwer entſcheiden. Wer will alle Geheimniſſe der Natur ergruͤnden?
So koſtbar dieſer Vogel iſt, fo leicht gewöhnt er ſich doch an unſer europaͤiſches Clima. Er iſt ſtark und dauerhaft, und erreicht auch fern von ſeiner
Heiz
Der Silberfaſan. 71
Heimath ein ziemliches Alter. China iſt ſein Va⸗ terland; aber man findet ihn jetzt in allen deut⸗ ſchen Menagerien, wo er zur Zierde gehalten wird. Gewiß ließe er ſich auch im Freyen einheimiſch machen, wenn man nicht den kindiſchen Muth⸗ willen derer beſorgen müßte, die kein Geſchoͤpf in der Freyheit ſehen konnen, ohne einen 10 zu fühlen; es zu zerſtöoren.
Auch der Silber faſan (Ph. Nycthemerus, le Faiſan blanc de la Chine, der ſchwarz und weiße chineſiſche Faſan,) verdiente um ſeines, wenn auch nicht mannigfaltigen, doch auszeichnend angenehmen Gefieders willen, die guͤnſtige Aufnahme, die er in den Gaͤrten der Reichen fand. Zwar iſt er bey wei⸗ tem nicht ſo bunt und ſchimmernd als der Vorige, aber doch immer ſchoͤn genug. Ein indigblauer Fe⸗ derbuſch prangt auf dem Kopfe des Süberfaſan⸗ hahns (26). Die Augen umgibt nicht nur die nackte, rothe, allen Faſanen gemeine Haut, ſondern es haͤngen auch anſehnliche Lappen von ihr herab. Der Oberleib, die Fluͤgel und der Schwanz find ſil⸗ berweiß. In jenem und den obern Fluͤgel⸗Deckfe⸗ dern bilden ſchwarze Federn runde Einfaſſungen; die Schwung⸗ und Ruderfedern aber haben ſchwarze
Quer⸗
12 Der Silberfaſan. Querſtreifen. Der ganze Unterleib, Hals Brust und Bauch find ſchwarz in Purpur und Indigblau ſpielend. Hie zu kommen noch gelbe Augenringe / ein eben ſolcher Schnabel, und rothe Fuͤße mit einem weißen Sporn. Weil ſein Oberleib ganz hell, und der Unterleib ganz dunkel iſt, ſo iſt der lateiniſche; oder vielmehr griechiſche Nahme Nyithemerus; Tag: und Nachtfaſan, ganz ſchicklich gewählt. Der Suberfaſanhahn iſt großer als der ges meine. Seine Ferme (er) iſd kleiner, und von roth⸗ brauner Farbe. Unter ihrer ruthen Wangenhaut befindet ſich eine weißliche Stelle. Am ſchnintzig weißen Unterleibe bemerkt man einige ſchwarze Streit: fen. Auf ihrem Kopfe iſt ein dunkelbrauner Feder⸗ buſch. Die Fuͤße haben elm helleres Roth ip bey dem Hahne ‚numsp maß W Wenn dieſe Hennen Junge haben, fo en Eifer, ſie zu beſchützen, ſie beynahe raſend. Solbſt ihr gewöhnlicher Pflegevater und Eruaͤhrer darf es nicht wagen, ohne mit einem Pruͤgel verſehen zu ſeyn, in ihre Wochenſtube zu kommen. Er ſetztꝛſich ſonſt der Gefahr aus, daß ihm die uͤbertrieben wach⸗ ſame Mutter auch durch den Stiefel ein Loch in den Fuß hackt, oder wohl gar ihm auf den Kopf fliegt, und
Der bunte Faſan. 73
und eine Wunde in die Stirne beybringt, die die ſtaͤrk⸗ ſte, ja gefaͤhrlichſte Verblutung nach ſich ziehen kann.
Auch der Silberfaſan iſt in China zu Hauſe, von wo aus er in mehrere Gegenden als Mitglied der Thiergaͤrten gebracht worden iſt, in denen er ſich auch fortpflanzt.
Eine große Seltenheit iſt der bunte Faſan (Ph. varius, le Faifan varie 28). Er hat ein ganz weißes Gefieder, in dem man aber alle Farben ande⸗ rer Faſanen, in zerſtreuten Flecken, entdeckt. Die⸗ fer Umſtand hat die Naturforſcher auf eine Vermu— thung gefuͤhrt, die die Wahrnehmung, daß gar ſo felten ein bunter Safan gefunden wird, zu beſtaͤti⸗ gen ſcheint. Es gibt in Flandern eine Art ganz weißer Faſanen, die aus mitternaͤchtlichen Laͤndern dahin kommen. Ihr weißes Kleid koͤnnte, wie das bey mehrern Thieren im Norden der Fall iſt, eine Folge der ſtrengen Kaͤlte ſeyn. Aus der Vermiſchung eines gemeinen Faſanes mit einem ſolchen weißen, fol nun der bunte Safan, als eine Baſtardart, ent⸗ ſtanden ſeyn. Er hat eine dicke Haube, ſehr nied⸗ liche Flecken und einen ziemlich langen Schwanz.
Eine andere Erfahrung kommt obiger Vermu⸗ thung, er ſey nur eine Baſtardart, ſehr zu Statten.
Vögel II. Theil. K Man
74 Der bunte Faſall. Man will am bunten Faſane bemeikt haben, daß er zur Fortpflanzung nur wenig tauge. Dieß hat man ſchon an gar vielen Baſtarden wahrgenom⸗ 5 men. Zu nicht geringem Schaden mußte dieß ſchon mancher Haus wirth erfahren. So ſollen z. B. die von Huͤhnern ausgebruͤteten Enten zwar gute, frucht bare Eyer legen, aber nie im Stande ſeyn, ſie aus⸗ zubruͤten. Andere behaupten, * die N tau⸗ gen nichts und ſeyen lauter. Narsden gedenkt in feiner Nesse eines 8 wuͤrdigen Sumatraiſchen Faſans, von außerordent⸗ licher Schoͤnheit, den die Eingebornen Cuh⸗Auh nennen. Es iſt bisher noch nicht gelungen, ihn als. Hausvogel lebendig zu erhalten. Noch nie uͤber⸗ lebte einer den Verluſt ſeiner Freyheit laͤnger als ei⸗ nen Monat. Er haſſet das Licht, und laͤßt ſeine Stimme nur an einem dunkeln Orte hoͤren. Sie ſoll ungemein klaͤglich und faſt wie fein Nahme klin⸗ gen. Er iſt großer als der gemeine Faſan. Sein Fleiſch fol aber eben fo ſchmecken. In Europa iſt aus ſehr begreiflichen Urſachen noch keins dieſer ſchoͤ⸗ nen Thiere geſehen worden, und wirds auch wohl nicht eher, als bis man Mittel findet, ſeinen unuͤber⸗ windlichen Abſcheu vor Einſperrung ihm abzugewoͤh⸗ nen, uud ihm das haͤus liche Joch erträglich zu machen. Tab.
NEE 75 ee Das Perlhuhn. Numida Meleagris, la Peintade.
’ Der Hahn. (29) Die Henne. (30) Das buſchige Perlhuhn.
Numida criftata, Ja Printade huppee. (31)
Mit allen Arten des Schmucks war die Natur ge⸗ gen ihre Kinder freygebig. Auch mit etwas den ſo ungemein geſchaͤtzten Perlen Aehnlichem, zierte ſie einige Voͤgel aus. Dieß Loos traf die Perlhuͤh⸗ ner, abermals eine nicht unbedeutende Gattung in der Ordnung der huͤhnerartigen oder Haus⸗ vogel s
Aus nicht mehr denn drey Arten, wenigſtens ſind bisher ihrer noch nicht mehrere entdeckt, beſteht die Perlhuͤhner⸗ Gattung, deren gemeinſchaftli⸗ cher Charakter ein kurzer, aber ſtarker Schnabel, mit einer warzigen Wachs haut, in der die Naſenld⸗ cher liegen, ein Helm auf dem Kopfe, ein etwas ſchwacher, nackter Hals, ein kurzer, abwaͤrts haͤn⸗ gender Schwanz, und ein mit perlartigen Tropfen beſaͤter Leib iſt. 2 ö | K 2 „Schon
76 Das Perlhuhn.
Schon den Römern und Griechen waren die Perlhuͤhner ſehr wohl bekannt. Allein in den traurigen und finſtern Zeiten, die auf die glänzenden Perloden jener Natlonen folgten, verſchwinden die Perlhuͤhner wieder ſo ganz, daß man bey den Schriftſtellern des Mittel- Alters auch keine Spur mehr von ihnen antrifft. Erſt von der Zeit an, da der Weg nach Indien um die afrikaniſchen Kuͤſten entdeckt wurde, leben ſie in Europa wieder auf, und werden allgemein bekannte Hausthiere, die aus ih⸗ rer Heimath, Afrika, nun in alle Welttheile, ſogar nach Amerika verſetzt werden. In St. Domingo, | wo fie die Europäer hinbrachten, findet man fie wild, und es iſt eine der Sonderbarkeiten, deren man in der Naturgeſchichte ſo viele wahrnimmt, daß die Perlhuͤhner, die doch als Zahme in jene Inſul gebracht werden, daſelbſt in der Freyheit ſo verwildern, daß ſie zum ſtillen, haͤuslichen Leben nun gar nicht mehr taugen. Wer daher in Amerika welche unter ſeinem Hausgefluͤgel zu haben wuͤnſcht, der laͤßt ſie aus Afrika kommen, obgleich er wildle⸗ bende genug in der Naͤhe hat. Faſt alle Nahmen der aftikaniſchen Länder find den Perlhuͤhnern beygelegt worden. Der Eine hieß ſie Numidiſch,
8 der
Das Perlhuhn. 77
der Andere Barbariſch, der Dritte Lybiſch, u. ſ. w. Einige Mahomedaner verkauften ſie ſonſt ſehr theuer an einfaͤltige Chriſten unter der Benennung: Huͤh⸗ ner von Jeruſalem. So wie ſie aber den Betrug merkten, ſo ſuchten ſich dieſe wieder einfaͤltige Tuͤr⸗ ken, und verhandelten ſie als Huͤhner von Mecca. Etwas groͤßer als der Haushahn iſt das gemei⸗
ne Perlhuhn. An beyden Seiten ſeines Schlun⸗ des hängen, bald größere, bald kleinere Fleiſchlap⸗ pen, doch ohne Kehlenfalten, Kopf und Hals find nackt, wie beym Truthahne, und haben eine Menge Borſten. Auf dem Kopfe befindet ſich ein knorpe⸗ liger, braͤunlicher Helm. Er ſoll eine vortreffliche Schutzwehr der etwas ſchwachen Hirnſchale ſeyn, da dieſe Vögel ſehr zaͤnkiſch und ftreitfüchtig find, Der Schnabel iſt röthlich, die kleine Ohröffnung ganz unbedeckt. Die Fußzehen haben halbe Schwimm⸗ haͤute, die bey der Vorliebe dieſer Voͤgel fuͤr mora⸗ ſtige Gegenden nichts weniger als zwecklos ſind. Ohne reich an ſchoͤnen Farben zu ſeyn, haben
die Perlhuͤhner doch ein auszeichnendes Gefieder. In einem bald mehr, bald minder blauen Grunde befinden ſich in einer regelmaͤßigen Ordnung weiße, rundliche Flecken, dle beynahe den Perlen gleichen. K 3 Sr
78 Das Perlhuhn.
So toi bie Fabellebre die Schweſtern Nreleagers aus Gram uͤber den Tod ihres Bruders, in Perlhuͤh⸗ ner verwandelt werden ließ; ſo fand ſie auch in je⸗ nen weißen Tropfen, auf dem Kleide dieſer Huͤhner,
Thränen, und man kann nicht laͤngnen, daß das
wenigſtens eben ſo wahrſcheinlich ſey, als andere mythologiſche Erzaͤhlungen gewoͤhulich find Nicht mit Unrecht nennt Martial das Perlhuhn dieſer
Flecken wegen das betröpfelte Huhn. Von der ur⸗
ſptuͤnglich dunklen Farbe haben die Perlhuͤhner im zahmen Zuſtande viel verloren, und jetzt iſt / beſon⸗ ders bey der Henne, ihrem Gefieder viel Weißes und Aſchgraues beygemiſcht. Alle Federn haben bis an die Haͤlfte Flaum. Auf dieſem liegt der Bart der vorſtehenden auf. Die Fleiſchbaͤrte am Schnabel
find bey dem Hahne (20) blau, an dem auch der |
untere Hals braͤunlich iſt, bey der Henne (30) roth. Letztere iſt immer von bleicherer Farbe. Die Fluͤgel der Perlhuͤhner find kurz, der Schwanz haͤngend, die Stellung immer etwas buckelſg. Allein dieß gilt auch bloß von der Stellung. Denn, wenn man ihnen die Federn ausrupft, ſo entdeckt man auch keine Spur von n een Ihre Fuͤße
m d braun. Die
n
Das Perſhuhch⸗ 70
2 Die Perlhuͤ hneul konnen laut und dürchdtin⸗ gend iſchrezen. Dies macht es etwas laͤſtig, ihrer mehteren den Aufenthalt in. feinen. Haufe zu ver⸗ ſtatten. Lieber wollen daher viele amerllaniſche Coloniſten auf ihre ſchmackhaften Eyer t unde ihr vortreffliches Fleiſch Verzicht thun, als einen fo ungeſtuͤmmen Schreyer in ihrer Nahe dulden Um der Juſecten, die ſie plagen, los zu werden, auch wohl aus Verliebtheit, waͤlzen fie fi, wie andere ſtaubſcharrende Vögel, (die Alten nannten gie pul- verdttices,) im Staube. Ihr Flug iſt, wie die Kuͤrze ihrer Flügel bey dem Gewicht ihres Kiaqpels vermuthen laͤßt, ſchwer und ſchlecht. Deſto beffer und fertiger aber konnen ſie laufen. Sie leben, um auszuruhen, etwas hohe Plaͤtze, und ſetzen ſich gern auf Baͤume, Manekn und Dächer: Ueber⸗ haupt bemerkt man das bey mehrern Boͤgeln, die von ihrem Flügeln außerft wenig Gebrauch machen, daß ſie dennoch an een Orten gein ihre Ruhe⸗ er haßen. u nen nenne ler 5 2
Körner, Inſecten rod 2 ie find ihre Nah⸗ ne Da fie im Aufſuchen derſelben eben nicht beſonders emſig ſind, ſo muß man fie, ſorgfaͤltiger eee fuͤttern, als andere Vogel, wenn fie 82 nicht
88 Das Perlhuhn. nicht allzumager werden ſollen. Bey einem Perl⸗ huhne bemerkte doch einmal einer ſo viel In⸗ ſtinct, daß es ein Stuͤck, das ihm fuͤr Eine Mahlzeit zu groß war, verſcharrte, und ſo fuͤr die n beſorgt war.
Das Perlhuhn iſt ein lebhaftes, e ene Geſchoͤpf. Es hat nicht uͤbel Luft, den gebiethen⸗ den Herrn auf dem Huͤhnerhofe zu ſpielen, fuͤrchtet auch den fo zornmuͤthigen Truthahn nicht, und ver⸗ ſetzt dieſem ſchwerfaͤlligen Thiere immer 20 Hiebe, bis es Einen empfaͤngt. Was Salluſt von Numi⸗ diſchen Reutern ſagt, ſie greifen ſtuͤrmiſch an, wen⸗ den, wenn fie Widerſtand finden, plotzlich den Ruͤ⸗ cken, ſitzen aber bald darauf ihrem Gegner, ehe er ſichs verſieht, wieder auf dem Nacken, das ſoll buch⸗ ſtaͤblich von den kampfluſtigen Numidiſchen oder Perlhuͤhnern gelten. Ob, wie einige vermuthen wollen, der Himmelsſtrich auf Huͤhner und Men⸗ ſchen einen fo vollkommen gleichen Einfluß haben, muͤßen wir dahingeſtellt ſeyn laſſen. Trotz dieſer ſcheinbaren Wildheit ſind ſie doch ungemein leicht zu zaͤhmen, und nehmen gleich in dem naͤhmlichen Au⸗ genblicke, als ſie gefangen werden, Nahrung an. Eine Bemerkung, die unſre Verwunderung uͤber das
Ver⸗
Das Perlhuhn. 81
Verwildern der Perlhühner, die nach St. Do⸗ mingo zahm gebracht und dort in Freyheit geſetzt werden, allerdings vermehren muß. Der Reiſende Brue bekam von einer Prinzeſſinn auf der Inſul Senegal zwey Perlhuͤhner zum Geſchenke, die ſo zahm waren, daß ſie mit ihm von Einem Teller aßen. Wenn er ihnen zuweilen die Erlaubniß gab, von ſeinem Schiffe einen Ausflug ans Ufer zu thun, ſo kamen ſie doch ordentlich, auf den Klang der Glocke, die das Schiffsvolk zum Mittag⸗ und Abende eſſen verſammelte, auf das Schiff zuruͤck. Der Hahn nimmt 6— 12 Kennen auf fi), Letztere legen 16 - 25 Eyer, ja, wenn man die friſchgelegten immer wieder wegnimmt, bis an hun⸗ dert. Sie ſind nicht ganz ſo groß, als die Eyer der Haushennen und haben harte Schalen. Man be⸗ merkt zwiſchen den Eyern der zahmen und der wil⸗ den Perlhuͤhner eine Verſchiedenheit. Die letztern haben dunkle Flecken; die erftern aber find anfangs hellroth, und bekommen, wenn ſie kalt ſind, die Farbe einer trocknen Roſe. Die Brutzeit waͤhrt 25 Tage. Ueber das Verhalten der Hennen gegen die Jungen ſind die Meinungen getheilt. Einige ſchrei⸗ ben ihnen eine außerordentliche Sorgfalt fuͤr ihr Be⸗ Voͤgel II. Theil. L fies,
1 Das Perlhuhn.
ſtes, andere aber eine ſeltene Gleichgiltigkeit zu. Der Zeitpunct, wenn die Jungen ihre Helme und ihre Baͤrte bekommen, iſt fuͤr ihr zartes Leben hoͤchſt gefaͤhrlich. Sie ſind alsdann ſehr krank und muͤßen forgfältig gewartet werden. Wenn man von Ju⸗ gend auf einen Perlhahn mit gemeinen Huͤhnern erzieht, ſo kann man eine Baſtardart bekommen. Aber nie wird dieſe andre, als durchſichtige, zur Zucht unbrauchbare Eyer legen. Die Natur erkennt ein ſolches Machwerk des menſchlichen Witzes und Taͤndelgeiſtes für unterſchobne Waare. Sie ver⸗ ſagt ihm Nachkommenſchaft, weil ſie fuͤr Mannig⸗ faltigkeit der Geſchoͤpfe hinlaͤnglich geſorgt zu en
ben err Das Fleiſch der jungen Perlhuͤhner iſt vor⸗ trefflich. Die wildlebenden auf St. Domingo ſollen im Wohlgeſchmack den Faſanen gleich kommen. Auch die Eper werden für eine ſehr angenehme Speiſe gehalten. Im alten Rom wurden dieſe Huͤhner, ihrer Seltenheit wegen, ſehr geſucht und theuer bezahlt. In Griechenland muͤßen ſie nicht ſo ſelten geweſen ſeyn, da ſie und eine Gans das gewoͤhnliche Armenopfer bey den Myſterien der
Iſis waren. Der
Das buſchige Perlhuhn. 83
Der Wohlgeſchmack ihres Fleiſches, und ihre Emſigkeit im Legen erregt den Wunſch, daß dieſe nuͤtzlichen Geſchöpfe aus den Menagerien reicher Leute, wo ſie doch nur zur Zierde gehalten werden, in die Meyerhöfe des Landwirths wandern, und da zum Nutzen gehalten werden moͤchten.
Nicht etwa nur eine Spielart, ſondern eine fuͤr fich beſtehende Art, iſt das buſchige Perlhuhn (31). Es iſt etwas kleiner als das gemeine. Kopf und Genicke, die beyde nackt ſind, haben eine dunkel⸗ blaue Farbe. Der Hals iſt blutroth. Auf dem Kopfe prangt eine dunkelſchwarze Krone. Der ganze Leib iſt ſchwarz mit blaulich weißen Flecken. Die Schwungfedern ſind ſchwarzbraun. Eigentliche Backenlappen hat dieſes Perlhuhn nicht, wohl aber eine Falte nach dem Schnabelwinkel zu. Der Schwanz iſt zugerundet, zuſammengedruͤckt, und etwas länger herabhaͤngend als am gemeinen. Der Schnabel iſt von braͤunlicher, die Fuͤße aber ſind von ſchwaͤrzlicher Farbe. Oſtindien iſt das Land, aus dem dieſer Vogel in die hollaͤndiſchen Thiergaͤr⸗ ten gebracht worden iſt. Ueber ſeine Sitten und Lebensart ſind noch keine auszeichnende Bemerkun⸗ gen bekannt gemacht worden.
T ab.
Tetrao Urogallus, /e grand Coq de Bruyere, Der Hahn. (32) Die Henne. (33)
Das Birkhuhn.
Tetrao Tetrix, le petit Cog de Bruyere, . Der Hahn. (34) Die Henne. (35)
Die waidhuͤhner „von denen wir jetzt einige naͤ⸗ her beſchreiben wollen, machen unlaͤugbar eine ſehr 3 wichtige Gattung aus, man mag nun auf die Zahl der Arten, deren nicht weniger als 67 ſind, oder auf die beträchtliche Größe einiger derſelben, oder auf den Nutzen, den ſie uns leiſten, Ruͤckſicht neh⸗ men. Alle haben einen nackten, warzigen Fleck uͤber den Augen mit einander gemein, und dieß iſt der in die Augen fallende Charakter, der dieſe Menge ſonſt freylich ſehr verſchiedner Voͤgel in den Syſte⸗ men der Naturgeſchichte zu Einer Gattung verbin⸗ det. Weil aber doch ſo viele Arten die Ueberſicht der ganzen Gattung erſchweren wuͤrden, ſo ſuchte man ſie wieder zu theilen, und fand ſich durch die „ daß einige nackte, andere aber be⸗
fiederte
* Ze
a K 4
Ben
IE
Das Auerhuhn. 85 ſiederte Fuͤße haben, hinlaͤnglich berechtiget, ſie als zwey Familien Einer Gattung zu betrachten, von
denen wir uns jetzt mit derjenigen zuerſt beſchaͤfti⸗
gen, deren Mitglieder an di n mit ar verſehen find;
Fiaſt ſo groß als ein Tilt iſt der Auer⸗ hahn (22). Sein Nahme ſcheint von feinem Auf⸗ enthalt in waldigen Gegenden herzukommen, die
ſönſt Auen (*) hießen. Die noͤrdlichen Gegenden
von Europa, Aſien und Amerika ſind ſeine Heimath.
In Deutſchland hat er ſeinen Wohnſitz beſonders im
Thuͤringer⸗ und im Schwarzwalde. Er kann mit ſeinen Fluͤgeln beynahe 4 Fuß klaftern, und hat eine Schwere von 12 — 15 Pfund. Sein Schnabel iſt ſtark, gekruͤmmt, ſchneidend und blaßgelb; ſein Kopf ſehr groß. Am Hinterkopfe und an der Kehle befinden ſich ſtarke Federbuͤſchel. Kopf, Hals und Ruͤcken ſind ſchwarz, grau und weiß geſprenkelt; die Bruſt iſt glaͤnzend ſchwarzgruͤn, die Deckfedern der Fluͤgel find braun mit wellenfoͤrmigen Linien. Am ee der Fluͤgel bemerkt man einen weißen
| L 3 | Fleck. ) Noch bis dieſe Stunde heißt ein gewiſſer, der
Reichsſtadt Augsburg angehdriger Wald die Stadtau.
—
86 Das Auerhuhn.
Fleck. Der Unterleib und der Schwanz iſt ſchwarz mit Weiß gemiſcht. Die ſtaͤmmigen Fuͤße haben eine Federbekleidung, und braune Zehen ohne eine Spur von einem Sporn. Bey den Auerhuͤhnern tritt der ſeltne Fall ein, daß die Zenne (33) bunter iſt als der Hahn. Sie iſt ſchoͤn rothbraun und ſchwarz geſprenkelt. Ihr Schnabel iſt ſchwaͤrzlich, der Unterleib citronengelb. Den rothen Fleck über dem Auge und die hochrothen Augenwimpern haben beyde gemein. Mit den 18 Ruderfedern des Schwan⸗ zes kann der Hahn ein Rad ſchlagen. Die Auer⸗ huͤhner haben eine kleine ſpitzige Zunge, die ſie, wenn fie geſchoſſen werden, plotzlich in die tiefe Gaumenhoͤhle zuruͤckziehen. Daher die Sage ent⸗ ſtanden ſeyn mag, ſie haben keine Zunge.
Sie lieben dicke, gebirgige Waͤlder in der Naͤhe von Baͤchen; daher fie auch Berg- und Waldhuͤhner heißen. Nie ziehen ſie von ihrem Aufenthaltsorte weg; denn die Natur hat ſie gegen Kaͤlte durch ein dickes Gefieder ſo wohlthaͤtig geſchuͤtzt, daß ſie auch an der Hudſousbay wohnen koͤnnen. Ihre Nah⸗ rung find Baumknoſpen, Tannenzapfen, Brom⸗ beeren, Blaͤtter und Bluͤthen von jungen Pflanzen. Auch Getreide freſſen ſie, ſcharren in der Erde, und
verſchlucken, wie alle Kornfreſſenden Vögel, Kieſel. Im
Das Auerhuhn. 87
Im Maͤrz und April tritt die Begattungs⸗ oder Falzzeit des Auerhahns ein, und im Junius mauſert er ſich ſchon. Am Liebſten falzt er da, wo es ehemals ſchon geſchehen iſt. In Revieren, wo Rothbuchen, Fichten und Kiefern ſtehen, in der Naͤhe von Bergen und rauſchenden Waldbaͤchen, ge⸗ gen Sonnenaufgang zu, laͤßt er ſich ſchon Morgens um 2 Uhr hören. Alles iſt dann bey ihm in ſicht⸗ barer Spannung. Er haͤlt den Hals ausgeſtreckt, ſtraͤubt die Scheitel- und Kehlenfedern, breitet den Schwanz faͤcherformig aus, und macht allerley Spruͤnge. Wie ein Beſeſſener ruft er unaufhörlich da Huͤtt, da Huͤt, geht dann in ein Zwitſchern di, dri, ri, ri, ritt uͤber, bis ihm endlich eine Henne, deren er mehrere hat, mit einem fteundli⸗ chen Kokkok die Einwilligung gibt, ſich ihr zu na⸗ hen. Er iſt um dieſe Zeit ſo in Entzuͤckung verloren, daß er des Gebrauches feiner Augen, Ohren und al⸗ ler Sorgfalt fuͤr ſeine Sicherheit ganz vergeſſen zu haben ſcheint, und ſehr leicht entweder geſchoſſen, oder von einem Raubvogel gepackt wird. Auch ein Fehlſchuß auf ihn kann ihn aus ſeinem Taumel nicht erwecken, und eben daher iſt die Vergleichung eines von einer Leidenſchaft verblendeten Menſchen mit
einem
38 Dias Auabubn⸗
einem Auerhahne ſehr treffend, die hie und da als Sprichwort üblich iſt. Man thut ſehr wall, die alten Auerhaͤhne wegzuſchießen, weil fie, weit und breit die jüngern Hahne, von denen doch für die Ber völkerung des Reviers mehr zu erwarten waͤre, verfolgen. Außer der Falzzeit find die Auerhaͤhne ſehr vorſichtig, hoͤren den leiſeſten Fußtritt eines Menſchen, ſehen ungemein gut in die Ferne, und N können daun. nicht ohne große Muͤhe und DAR lichkeit gefangen werden. f Die Henne legt au einen trocknen St, = Moos, am Fuße eines Baumes, 8 — 14 blaßroths gelbe, dunkelgelbgeſprenkelte Eyer, die etwas grd⸗ ßer als gemeine Huͤhnereyer ſind. So emſig und treu bruͤtet ſie vier Wochen uͤber ihrem Neſte, daß, wenn man ſie auf demſelben uͤberraſcht, manche ſich lieber mit der Hand fangen, als ihre Eyer im Stiche laſſen will. Zwingt ſie der Hunger, ſich etwas Futter zu ſuchen, was bey ihrem der Vielweiberey ergebnen Gatten, der ſich wenig um die Brut bekuͤm⸗ mert, immer der Fall iſt; ſo deckt fie forgfältig. ihr Neſt mit Blaͤttern zu, die ſie in dieſer Abſicht ſam⸗ melt. Sehr fertig laufen die Jungen, ſobald ſie aus den Eyern ſind, von deren Schalen zuweilen noch Stuͤcke
1
Das Auerhuhn. 89
Stuͤcke an ihnen kleben. Sie ſuchen dann Heidel⸗ beeren und Ameiſeneyer. Mit aller Sorgfalt und Wachſamkeit fuͤhrt die Mutter ihre Familie. Sie bleibt fo lange bey ihr, bis im naͤchſten Fruͤhjahre der Ruf der Natur und des Beduͤrfniſſes ſie trennt. Eine ſehr artige Bemerkung hat Günther mit eig⸗ nen Augen gemacht. Jagt man in den letzten drey Tagen, ehe die Jungen auskriechen, die Senne gewaltſam von ihren Eyern, ſo fangen die Eyer an, poſſierlich herumzurollen, in die Hoͤhe zu huͤpfen und einige Minuten lang Bewegungen zu machen. Was eine Neſſel wird, brennt bald; noch in ihrem Gefaͤngniſſe eingeſchloſſen, verrathen die Jungen ſchon die Wildheit, die ſie einſt unter den Bewoh⸗ nern des Waldes auszeichnen wird.
Das Fleiſch dieſer Vögel iſt, wenn es wohlge⸗ beitzt und geblaͤut wird, ſehr ſchmackhaft. Nach der Sprache der Weidmaͤnner hat der Auerhahn keinen Aufenthaltsort, ſondern einen Stand; er fliegt nicht, ſondern er ſteigt oder tritt auf einen Baum; er begattet ſich nicht, ſondern er falzt; und ſein Eingeweide, das aber Geſcheide heißt, wird nicht ausgenommen, ſondern aufgebrochen. Er gehört zur hohen Jagd, und wird bald geſchoſ⸗ Voͤgel II. Theil. M ſen,
90 Das Virkhuhn. ſen, bald aber auch mit E 5 Drath⸗ ſchlingen gefangen. 7 n Faſt eben dieſelbe Heimath, r de Vorige, hat das Birkhuhn, dem fein Aufenthalt in Birken⸗ waͤldern dieſen Nahmen gab. Es iſt um ein Be⸗ traͤchtliches kleiner. Sein gabelfoͤrmiger, aut waͤrtz halbrund gebogner Schwaͤnz macht den Hahn (34) für den erſten Anblick kenntlich. Er iſt ſchwarz ins Blauliche fallend, mit einem weißen Fleck auf den Fluͤgeln und am After. Mit zunehmenden Jahren wird das Blau immer ſichtbarer. Der Schnabel iſt ſchwaͤrzlich, am Fuße kein Sporn und uͤber dem Au⸗ ge der hochrothe Fleck. Die viel kleinere Henne (35) iſt rothbraun und ſchwarz gewellt, ihr Schwanz weit weniger gabelfoͤrmig. Beyde haben befiederte Fuͤße mit 4 Zehen. Die vordern verbindet bis zum erſten Gelenke eine etwas ausgezackte Haut. Die Fluͤgel ſind kurz und zu einem hohen Fluge unge⸗ ſchickt. Doch leiſten ſie darin immer noch mehr als der viel ſchwerere Auerhahn. |
Den Birkhuͤhnern ſchenkte die Natur 4 lich ſcharfe Sinnen, die ſie den Nachſtellungen der Jaͤger oft gluͤcklich entziehen. Ihre Nahrung bes ſteht in Blättern, Erlen: und Virkenzaͤpfchen, wovon
1 fie
Das Birkhuhn. 91
fie das Holz recht geſchickt abzuſchaͤlen wiſſen, Hei⸗ delbeeren und Himbeeren. Doch freſſen ſie auch Ge⸗ treide, Eicheln, Rinden u. d. m. Im Winter iſt freylich ihre Koſt magerer. Da muͤſſen ſie froh ſeyn, wenn fie Wachholder und andere Winterbeeren aus dem Schnee hervorſcharren können. Ja man hat ſogar die Vermuthung, daß fie die haͤrteſten Winter⸗ tage in einer Art von Erſtarrung unter dem Schnee zubringen. Sie wandern nie. Nicht leicht konnen fie ein anderes Clima als das nördliche ertragen. Wie haͤufig ſie in der Ukraine ſeyen, kann man dar⸗ aus ſchließen, daß ein Edelmann mit Einem Netz⸗ zuge 130 Paare fieng. Ihre Begattungszeit iſt in den erſten Monaten des Jahres. Die Haͤhne fangen damit an, daß ſie ſich förmliche Schlachten liefern, und die jungen, feigherzigen in die Flucht ſchlagen. Jetzt ſetzen ſich die nicht uͤberwundnen Kaͤmpfer auf Baumſtruͤnke und Zweige. Ihre Au⸗ gen funkeln, die Wimpern ſind aufgeſchwollen, die Federn geſtraͤubt, und der Schwanz, ſo weit ſichs thun laͤßt, ausgebreitet. Sie taumeln im Kreiſe herum und huͤpfen wie Vertuͤckte. Ihr ungeſt mmes Geſchrey Frau, Frau, denn ſo lautet es deutlich, ertönt auf eine halbe Meile weit, ſteigt von einer
M' 2 Terze
92 Das Birkhuhn. Terze zur andern, und wird zuweilen durch ein Gur⸗ geln begleitet. Auf eine ſo dringende Einladung antwortet die Henne nach ihrer Weiſe und kommt zum Hahne, deren jeder 2 — 3 hat. — In dickes Gebuͤſch, auch unter Heidekraut legt die Henne auf die bloße Erde 8 — 16 Eper, die kleiner und laͤnglicher, als die von Haushennen und roſtfarbig punctirt ſind. Wenn ſie weggehen muß, 4 fo verbirgt fie diefelben eben fo wie die Auerhenne. Sie bruͤtet 4 Wochen, und verliert waͤhrend der Brutzeit den Geruch. Bald nachdem die Jungen aus den Eyern find, huͤpfen fie und ſchlagen mit den Fluͤgeln. In ſechs Wochen fliegen ſie. In dieſem Alter werden ſie durch eine Lockpfeife, die aus dem Fluͤgelknochen eines Habichts verfertigt iſt, ins Garn und in Schuß gelockt. Selbſt die erfahr⸗ nere Mutter glaubt ein verirrtes Junges rufen zu hören, und kommt dem Werkzeug ihres Verderbens naͤher. In Curland, Lievland und Litthauen wer⸗ den die Birkhuͤhner auf eine eigne Art gefangen. In der Nähe des Taumelplatzes ihrer Liebe befeſtigt man auf einer Birke einen ausgeſtopften, oder bloß durch Kunſt gemachten Birkhahn. Dieſe Puppe nennt man dort Balban. Um ihn verſammelt ſich eine
Das Haſelhuhn. 93
eine Menge, und kaͤmpft mit ſolcher Unbeſonnenheit, daß man ſie lebendig fangen und zaͤhmen kann, wor inn ſich die Birkhuͤhner von den Auerhuͤhnern fehr unterſcheiden, die unbezaͤhmbar ſind. Auch außer der Falzzeit werden ſie mit Balbanen, in Netzen von Pechdrath und auf andere Arten gefangen, was wegen der Liſt, Vorſicht und dem Mißtrauen dieſer Vögel immer ſchwer ift, um ihres ſchmackhaften Fleiſches willen aber ſich wohl der Muͤhe lohnt.
| Tab. XII. \ Das Hafelbubn Tetrao Bonafia, Ia Gelinote. (36) Das Schneehuhn. Tetrao Lagopus, /e Lagopede. (37) Das Kragenhuhn. T. Umbellus, Je Cog de.Bruyere & fraife.(38) Der Schneemercur. I. Cupido, le Cog de Bois d Amerique. (30) Auch das Haſelhuhn hat unter den Waldhuͤh⸗ nern ſeine Stelle. Es gleicht einiger Maßen dem Rebhuhne, iſt aber größer, fo daß es dem Haushahne M 3 nahe
94 Das Haſelhuhn. nahe kommt. Der Aufenthalt in Haſelgeſtraͤuchen, deren Zaͤpfchen es ſehr liebt, hat ihm ſeinen Nah⸗ men gegeben. Doch verſchmaͤht es auch Beeren, Baumknoſpen und andere Dinge nicht. Bloß die ſchwarze Kehle unterſcheidet das Männchen von dem Weibchen; ſonſt haben beyde einen aſchgrauen Ruͤ⸗ cken, dunkelbraune und roͤthlich gefleckte Fluͤgel, ei⸗ nen grauen Schwanz mit weißen Enden und einem ſchwarzen Querbande, das nur durch die zwey brau⸗ nen mittelſten Ruderfedern unterbrochen wird, eine roͤthlichbraune mit herzformigen Flecken bezeichnete Bruſt und Unterleib, einen ſchwarzen Schnabel, und bis nahe an die Fußwurzel befiederte Fuͤße.
Nicht ohne Muͤhe und hoͤrbares Geraͤuſch koͤn⸗ nen die Haſelhuͤhner fliegen, aber dafuͤr deſto fers tiger laufen. Sie ſind ſcheu und wild, lieben die Verborgenheit und Freyheit über alles, und uͤberle⸗ ben den Verluſt der Letztern nie lange. Ihre Ge⸗ duld, ſich, wo ſie Gefahr merken, im Dickig ſtock⸗ ſtill verborgen zu halten, kann auch den beharrlich⸗
en Jaͤger ermuͤden. Schlau genug ſetzen ſie ſich auf die Aeſte, da wo ſie aus dem Stamm heraus⸗ gehen. Hier bemerkt ſie der Raubvogel und der Menſch weniger, als wenn ſie außen ſaͤßen. Die
’ wal⸗
Das Haſelhuhn. 95
waldigen Gegenden von ganz Europa ſind ihre Hei⸗ math. In der Falzzeit verrathen fie ihre Gegen⸗ wart durch ein ſtarkes Pfeifen, das man, um ſie in den Schuß zu locken, nachahmt. Unter Haſelge⸗ ſtrauche verſtockt die Baſelhenne ihre 1a —20 Eyer, Sie ſind etwas größer als Taubeneyer und helltoſt⸗ farben mit dunkeln Flecken. Jeder Hahn hat nur Eine Henne. Schießt man dieſe, ſo ſucht ſich der Hahn eine andre Gattinn. Verliert aber die Henne ihren Gatten, ſo ruht dieſe nicht; ſie ſucht den Ver⸗ lornen raſtlos auf, bis auch ſie dem Jaͤger in die Hände geraͤth. Von den vielen Eyern kommen nur 6 8 Junge aus, die, ſobald fie erwachſen ſind, wie⸗ der unter ſich Familien ſtiften. Auch das arme Ha⸗ ſelhuhn mußte in den ſo beruͤchtigten Baſiliskenge⸗ ſchichten eine Rolle uͤbernehmen. Wenn, ſo erzaͤhlt man, ein alter Haſelhahn ein Ey legt, und eine Kröte es ausbruͤtet, ſo wird daraus ein wilder Ba⸗ ſilisk. Sind die zahmen ſchon fo fürchterlich „wie mögen erſt die wilden ſeyn!! Sicher iſts, daß wenn einmal ein Hahn legt, und eine Kröte brütet, etwas ganz Sonderbares zum Vorſchein kommen muß! Das Fleiſch der Haſelhühner iſt das koſtbar⸗ ſte, weißeſte Vogelwildprett, und wird darum fuͤr
ni } einen
96 Das Schneehuhn. einen wahren Kaiſerbiſſen gehalten. Deßwegen nannte man ſie auch Kaiſersvoͤgel. Man beizt es in Wein und Eſſig, jedes zur Haͤlfte. In Schlin⸗ gen werden fie gefangen. Ihre Seltenheit in Frank⸗ reich veranlaßte Ludwig XIV. zu dem Befehl, ſie einheimiſch zu machen. Aber die eigenſinnige Natur | befolgte ihn nicht, und fie blieben nach wie vor ſelten. Auf den Schweizer- und Savoyifchen Alpen und in den noͤrdlichſten Gegenden der Erde wohnt das Schneehuhn (Rypeu, Schneehaſe, Haſen⸗ fuß 37), das die Größe einer Taube hat. Der ihm ganz elgne imſtand, daß es nicht nur an den Fuͤßen, wie viele, ſondern auch unter den Fuͤßen, wie der Haſe, rauh iſt, zeichnet es aus. Vom Schnabel durch die Augen weg bis zu den Ohren geht ein ſchwarzer Zügel Der obere Theil des Lels bes iſt weiß mit ſchwarzen, aſchgrauen und roſtfar⸗ bigen Strichen. Die Fluͤgel, der Unterleib und die Fuͤße ſind ganz weiß. Der Schwanz ift ſchwarz mit weißen Enden und zwey aſchgrauen und ſchwarz⸗ gefleckten Mittelfedern. Das Winterkleid der Schneehuͤhner iſt blendend weiß; nur die Zuͤgel durchs Auge und die Schwanzfedern bleiben ſchwarz. e fein find die Federn an den Fuͤßen. Mit Recht
Das Schneehuhn. 97
Recht ſagt man, die Natur habe ſie mit warmen, gefütterten Struͤmpfen beſchenkt, um fie gegen die ſchneldende Kaͤlte ihres Aufenthalts zu beſchuͤtzen. Ja fie gab ihnen uͤberdieß ſcharfe Klauen, um deſto beſ⸗ fer in den gefrornen Schnee Löcher und Minen gras ben zu können, in denen fie gegen Kälte und Sonnen⸗ ſtrahlen Schutz und Schatten ſuchen. Sie fliegen truppweiſe. Den Menſchen fürchten fie nicht. Haͤlt man ihnen Brod hin, ſo kommen ſie zutraulich herbey. Ihre Neugierde gereicht ihnen oft zum Ver⸗ derben. Auf einen ungewohnten Gegenſtand eilen ſie blindlings zu, um ihn naͤher zu unterſuchen und koͤnnen dann ſehr leicht ergriffen werden. Uebri⸗ gens hat die Natur ihren Aufenthalt mit Schnee, Eis und furchtbaren Abgruͤnden zu gut verwahrt, als daß der Beobachter ihnen oft nachſchleichen, und ihre Sitten, Familien⸗Verhaͤltniſſe u. d. haͤtte belau⸗ ſchen koͤnnen. Auf den nackten Felſen legen ſie 6—7 ſchwaͤrzlich gefleckte Eyer. Baumkaͤtzchen, Kno⸗ ſpen, Blaͤtter, Tannennadeln, Bergpflanzen, Rin⸗ den und Beeren ſind ihre Nahrung. Ihr Fleiſch ſchmeckt etwas bitter aber angenehm. Wahrſcheinlich im vollen Staat zur Begattungs⸗ zeit iſt unfer KAragenhuhn (Mantelhuhn 38) abge⸗ Voͤgel II. Theil. N bildet.
98 | Das Kragenhuhn.
bildet. Es ift größer als das Haſelhuhn, hat auf dem Kopfe eine Haube und an den Seiten zwey ſchwarze ins Gruͤne ſpielende Federbuͤſchel. Auf dem Oberleibe iſt feine Farbe ein Gemiſche von Gelb, Braun und Blau; der braune Schwanz hat blauliche Enden; die Kehle iſt dunkel orangefarben; die Fluͤ⸗ gel ſind braun, die befiederten Fuͤße weißgrau, dle Zehen fleiſchfarbig. In der leidenſchaftlichen Hitze der Salzzeit laßt es ein dumpfiges Geſchrey mit ei⸗ nem Kullern hören. Aber noch weiter als dieſes er⸗ tönt fein Fluͤgelklatſchen. Auf einem Strunke ftes hend peitſcht fi der Aragenhahn, alle Morgen um 9 Uhr und Nachmittags um 4 Uhr, gewaltig mit ſeinen Fluͤgeln. Die Bewegung wird immer ſchnel⸗ ler, und endlich ſo ſchnell, daß man eine Trommel wirbeln zu hoͤren glaubt. Einige Naturforſcher wollen dieſen Schall mit dem Rauſchen des heftig bewegten Faͤchers einer leidenfchaftlichen Schöne vergleichen. Wir ſind weit davon entfernt, dieſe ſpitzfuͤndige Vergleichung zu unterſchreiben. Nach einer kurzen Pauſe faͤngt der Hahn wieder von vorne an. Die beſcheidner ausſehende Henne verſteht die Einladung, aber lelder hoͤrt ſie auch der Jaͤger, dem die Trunkenheit des Paares ſeine Muͤhe erleichtert. In
Der Schneemercur. 990
In Penſylvanien und Maryland ſind ſie haͤufig, und leben von Körnern, Roſinen und Epheubohnen, die andern Thieren toͤdtlich ſind. Zweymal im Jahre bruͤtet das Weibchen feine 12 — 16 Eyer drey Wo⸗ chen lang in einem Neſte von Blaͤttern auf der Erde, oder am Fuße eines Baumes, aus, und verbirgt die Kleinen ſorgfaͤltig vor dem Raubvogel, der ihr wohl⸗ ſchmeckendes Fleiſch ſehr liebt, und — alſo auch in dieſem Stuͤcke etwas von dem Menſchen hat.
Die Fluͤgelaͤhnlichen Federn am Kopfe haben dem Schneemercur (30) den Nahmen Mercur ge⸗ geben, den Linné in Cupido verwandelte. Dieſes Waldhuhn iſt größer als das Rebhuhn, hat einen ſchwarzen Schnabel, ein rothbraunes Gefieder mit ſchwarzen und weißen Strichen, einen Federbuſch auf dem Kopfe und gelbliche Wollenfedern an den Beinen. Was es einzig in ſeiner Art macht, ſind die fuͤnf Federchen, die ſtufenweiſe ſich verlaͤngernd auf bey⸗ den Seiten des Nackens herauskommen. Der Vo⸗ gel kann ſie welk haͤngen laſſen, oder horizontal aus⸗ ſtrecken, wenn er in Bewegung iſt. In der Falzzeit ſind ſie immer ausgeſpannt, und dann lockt der Hahn alle Tage mit Sonnenaufgang eine halbe Stunde lang. Der Henne fehlt dieſer Kopfputz, der dem
N 2 Hahne
10⁰ Der Francolin.
Hahne ficher die Flucht erleichtert. Das mittaͤgliche Amerika iſt die Zeimath dieſer feitiamen Geſchd⸗ pfe, von deren Sitten noch wenig zu uns gekom⸗ men iſt. Sie legen viele Eyer und nen ag vorzüglich mit Eicheln.
EEC ²˙ AAA KETTE — — — — —
Tab. XIII. 5
Der Francolin. (40) Das gem. Rebhuhn. (41) Das rothe Rebhuhn. (42) Die Wachtel. (43) Noch immer ſind wir mit den Waldhuͤhnern nicht zu Ende. Wir haben bisher immer nur ſolche mit gefiederten Fuͤßen betrachtet. Auch einige mit ungefiederten muͤßen wir anfuͤhren. Angenehm gezeich⸗ net iſt der Francolin (T. Francolinus, le Franco- lin 40). Die Scheitel iſt roͤthlich und ſchwarzge⸗ fleckt; uͤbrigens aber der Kopf ſchwarz, den weißen Fleck unter den roͤthlich braunen Augenringen aus⸗ genommen Auf einer kleinen Erhöhung befinden ſich die Nafenlöcher im ſchwarzen Schnabel. Ein orangerothes Halsband umgibt den Hals. Der Oberruͤcken, die Bruſt und der Unterleib ſind ſchwarz mit runden, weißen Flecken. Der Schwanz iſt oben ſchmutzig weiß und ſchwarz geſtreiſt, unterhalb roͤth⸗ lich.
N
Der Francolin. 101
lich. Die Fluͤgel und der übrige Theil des Ruͤckens find braunroth mit dunklern Stellen in der Mitte, und hellern, runden Flecken an den Schwungfedern. Die roͤthlichen Fuͤße haben einen Sporn.
Der Francolin iſt etwas größer als das Reb⸗ huhn, und bewohnt die waͤrmern Gegenden der als ten Welt. Hie und da haͤlt mau ihn auch zahm. Seine Stimme iſt ein bloßes Geziſche. Die auser⸗ leſene Vortrefflichkeit und Seltenheit ſeines Fleiſches hat in Europa die ſtrengſten Verbothe, ihn zu toͤdten, veranlaßt. Um dieſer Unverletzlichkeit willen ſoll er ſeinen Nahmen erhalten haben.
Wieer kennt nicht das um ſeines vortrefflichen Fleiſches willen ſo beruͤhmte gemeine oder graue Rebhuhn (T. Perdrix, le Perdrix, Feldhuhn 41), das in den Feldern und den ihnen nahe liegenden Waͤldern des gemaͤßigten Europa und Aſiens ſo haͤu⸗ fig wohnt? Ihm iſt große Hitze fo zuwider als all⸗ zuſtrenge Kaͤlte, die manchem das Leben koſtet. Und doch uͤberwintern in Schweden viele im Schnee und in Hoͤhlen. Wahrſcheinlich hat ihnen da die Natur ein etwas waͤrmeres Kleid gegeben. Sie wandern nie und bleiben da, wo ſie aufwuchſen, immer, wenn nicht die zu ſehr anwachſende Menge Nahrungsman⸗ gel beſorgen laͤßt.
N 3 Das
102 Das Rebhuhn.
Das Rebhuhn hat ungefaͤhr die Große einer Taube. Sein Gefieder iſt eine ſchoͤne Miſchung von Aſchgrau, Braun und Roth. Unter dem Auge be⸗ findet ſich ein hochrother Fleck, der bey dem Weib⸗ chen blaͤſſer als bey dem Manne iſt, welchem uͤberdieß noch ein kaſtanienbrauner Fleck an der Bruſt und ein ſtumpfer Sporn eigen iſt. Der Schwanz iſt dunkel⸗ roth, der Schnabel nach dem Alter verſchieden.
Die Rebhuͤhner find friedliche, geſellige Vögel. Sie leben in großer Menge beyſammen und verdienen den Nahmen Voͤlker, den ſolche Herden fuͤhren. Eine Zeitlang trennt ſie die Sorge fuͤr die Nachkom⸗ menſchaft; dann vereinigen ſie ſich wieder, und thei⸗ len Freude und Leid. Auf Weizen⸗Gerſten-und Erbſenfeldern ſuchen ſie ihre Nahrung am Lieb⸗ ſten, rufen mit anbrechendem Morgen dreymal laut auf, dann faͤllt das ganze Volk auf ein nahgelegnes anderes Feld und bleibt da, wenn es nicht geflört wird, den ganzen Tag uͤber. Sobald der Schnee weg iſt, trifft jedes Maͤnnchen, oft nach blutigen Kaͤm⸗ pfen, ſeine Wahl, und bleibt dann ſeiner Gattinn mit unverletzlicher Treue ergeben. Oft rufen fie ſich Morgens und Abends traulich zu, um ſich nicht von einander zu verlieren. Das Neſt macht ihnen we⸗
nig
Das Rebhuhn. 103
nig Muͤhe. Etwas Gras und Stroh, einige Halme und ausgerupfte Federn, in eine Vertiefung, die zu⸗ fällig der Fuß eines Menſchen oder der Huf eines Pferdes getreten hat, das iſt alles. Feldhennen von mehr Erfahrung ſuchen auch wohl hiezu den Schutz eines Buſchwerks. Ueber ihren 16 — 21 ſchmu⸗ Big gruͤnlich weißen, zugeſpitzten Eyern ſitzt das Weibchen emſig. Der Mann haͤlt Wache, begleitet feine Nahrung ſuchende Gattinn, und vergißt feiner Pflicht, auch wenn andere Hennen ihn freundlich locken, nie ſo weit, daß er ihr untreu wuͤrde. Gleich nach dem Aus kriechen laufen die wolligen Jungen, oft noch mit einem Stuͤck von der Schale auf ſich, davon. Jetzt theilt der Mann die Sorgen der Er⸗ ziehung mit der Mutter. Er ſitzt neben ihr auf der zahlreichen Brut, deren Köpfe rings herum mit den blinkenden Augen artig genug unter den Alten her⸗ vorgucken. Sehr weiſe pflanzte der Schoͤpfer dem Manne eben ſo viel Liebe ein, weil ſeine Gehuͤlfinn allein einer ſolchen Anzahl von Jungen unmöglich vorſtehen koͤnnte. In jener lieben Familien⸗Gruppe ſtoͤrt fie der Jaͤger nicht gern, wenn auch nicht aus Schonung, doch um die Jungen groͤßer werden zu laſſen. Stuͤrzt aber doch der Hund in der Hitze dar⸗
auf
a - | Das Rebhuhn.
auf zu, ſo ſpringt zuerſt der Mann mit einem warnen⸗ den, nur dann ihm eignen, Schrey auf, und macht wohl Miene, ſich gegen ihn zu ſetzen. Ihm gibt die Liebe eine bey Vögeln ſeltene Schlauigkeit ein, die dem Fuchſe Ehre machen wuͤrde. Mit ſchleppendem Fluͤgel ergreift er die Flucht. In der Hoffnung, das hinkende Thier bald einzuhohlen, ſetzt ihm der Jaͤ⸗ ger nach. Gerade ſo geſchwind, um nicht eingehohlt zu werden, und gerade ſo langſam, um dem Jaͤger die Hoffnung zu laſſen, er muͤße es endlich doch einhohlen, flieht das Rebhuhn immer weiter. Bis der Jaͤger ſich betrogen ſieht, hat die gute Mutter bereits in aller Stille ihre Kleinen und ſich in Sicherheit gebracht, und Jaͤger und Hunde koͤnnen nun immer nach Hauſe gehen. Oder die Henne flattert dem Raubvogel und der gierigen Katze immer vor den Augen herum, um ihre Aufmerkſamkeit von den Jungen hinweg ganz auf ſich allein zu ziehen. Artig iſts, mit welcher Stille und Vorſicht der treue Huͤhnerhund zum La⸗ ger der Rebhuͤhner hinſchleicht. Demuͤthig buͤckt fich der Vogel zur Erde, und eben ſo beſcheiden ſteht der Hund da. Es ſcheint, als wollten beyde einander
durch verſtellte Hoͤflichkeit hintergehen. Ameiſeneyer, Juſecten und Grasſpitzen find die Nah⸗
Das Rebhuhn. 565
Nahrung der Jungen, Koͤrner und Geſaͤme der Aeltern. Im Winter halten fie ſich an Wachholder⸗ beere. In Abſicht dieſer hat die Natur die für Tau⸗ ſend Vo zel im nahrungsloſen Winter hoͤchſt wohlthaͤ⸗ tige Einrichtung getroffen, daß zu allen Jahrszeiten Stauden mit bluͤhenden, halbreifen und ganz reifen Beeren angetroffen werden, ſo daß ſie alſo nie ganz ausgehen. Die Stimme der Rebhuͤhner iſt ein un⸗ angenehmes Zwitſchern, wodurch ſich ein zerſtreutes Volk bald wieder ſammelt. So zahm ſie find, ſo bruͤ⸗ ten ſie doch in der Gefangenſchaft nie. Man laͤßt ſie daher in der Begattungszeit fortgehen. Dann kom⸗ men ſie mit ihren Bruten zuruͤck. Auch durch Haus⸗ hennen läßt man die geſammelten Eyer ausbruͤten, und dann folgen die Jungen dieſer ihrer Stiefmut⸗ ter, als waͤre ſie eine leibliche, behalten aber Zeit⸗ lebens das Eigne an ſich, daß ſie, ſo oft eine Henne kraͤht, antworten. In China ſind fie völlige Haus⸗ thiere. Mit Anbruch des Tages ruft ihr Hirte mit einem gewiſſen Laut. Sie verſammeln ſich nun um ihn, und folgen ihm wie Schafe aufs Feld. Dieſe Anhaͤnglichkeit an Menſchen bekommen ſie dadurch, daß man fie bald nach dem Aus bruͤten ein Paar Tas ge auf der Bruſt ins Hemd ſteckt, und zuweilen mit ſeinem Speichel naͤhrt.
Voͤgel II. Theil. O Eine
106 Das Rothhuhn.
Eine zahme Seldhenne dient den Vogelſtellern als Lockvogel. Auf ihre Stimme kommen die Haͤhne ſo begierig herbey, daß ſie ſelbſt auf die Schulter ih⸗ res Wuͤrgers blindlings fliegen. In einer Kuͤhhaut verkleidet, wobey auch die Schelle nicht vergeſſen werden darf, treibt man ſie ins Streichnetz. Wer auch bey der Jagd auf die Erhaltung und Vermehrung dieſer nuͤtzlichen Geſchoͤpfe bedacht iſt, der ſucht bloß die Maͤnnchen aus, deren ein Drittheil mehr gebo⸗ ren wird. Letztere werden 16, die Weibchen aber 20 Jahre alt. Das Wildprett dieſer Vogel iſt vortrefflich und ſaftreich, ohne fett zu ſeyn. Auch die Eyer ſol⸗ len ſehr gut ſchmecken. Die Federn geben mittelmds ßige Betten, und von ihrem medictniſchen Gebrau⸗ che ließen ſich Bogen anfuͤllen.
Größer als das gemeine, und im ſuͤdlichen Europa, im Orient und im nördlichen Aftika zu Haufe, iſt das Rothhuhn (T. Rufus, la Bartavelle 42). Ein ro⸗ ther Schnabel und eben ſolche Fuͤße, ein braun und etwas röthlicher Oberleib, eine weiße mit einer fchönen ſchwarzen Binde umgebene Kehle, und ein aſchgrauer Schwanz zeichnen dieſes Rebhuhn, das auch das griechiſche und rothe heißt, aus. Auf den Inſuln des Archipelagus iſt es ein gewoͤhnliches Meyergefluͤgel. Die
Die Wachtel. 10 Die Maͤnnchen kaͤmpfen um den Veſitz ihrer Weiber mit einer unbeſchreiblichen Wuth. Die Letztern le⸗ gen 8 — 16 weiße rothpunctirte Eyer. In Cypern ſind die Kaͤmpfe der Maͤnnchen ſehr beliebte Schau⸗ ſpiele. Sie gehen in Gegenwart der Weibchen vor ſich. Dieß reizt ihre Eiferſucht, und entflammt fie zu einer Wuth, die man von ſonſt ſo ſchuͤch⸗ ternen, wehrloſen Geſchoͤpfen nie erwarten ſollte. Ihr Fleiſch iſt vortrefflich.
Noch ein merkwuͤrdiges Waldhuhn iſt die vom Cap bis Lappland verbreitete Wachtel (T. Cotur- nix, la Coille 43). Ihr Gefieder hat nicht viel Aus zeichnendes. Graulich gelb gefleckt iſt der ganze Körper, Der Mann hat eine ſchwaͤrzliche, das Weib eine weißliche Kehle. Ueber ihren Augen be⸗ findet ſich ein weißer Strich. Die Fluͤgel ſind kurz, die Bruſtmuskeln deſto ſtaͤrker. Wenn das Rebhuhn faſt alle ehelichen und geſellſchaftlichen Tugenden ei⸗ nes Vogels hatte, ſo iſt die Wachtel von allem das Gegentheil. Ihre Sitten ſind wild, ihr Tem⸗ perament iſt ungeſtuͤmm, und ihre Unruhe im Vogel⸗ bauer ſo heftig, daß ſie ſich, wenn es nicht mit Tuch bedeckt iſt, den Kopf einrennet. Nur ganz junge kann man zaͤhmen. Liebe und Beduͤrfniß vereinigen
| O 2 8 die
108 Die Wachtel.
die Wachteln auf eine Zeitlang. Der Mann iſt wuͤthend vor Hitze. Aber bald verläßt er fein Weib wieder, ftößt fie auch wohl mit dem Schnabel von ſich, und buͤrdet ihr die Laſt der Erziehung allein auf. Wieſen und Felder, nie aber Bäume, find ihr Aufenthalt, Weizen, Hirſe, gruͤne Pflanzen, Geſaͤme, Inſecten ihre Nahrung. Sie ſaufen we⸗ nig und ſelten. Und doch ſind ſie einer ſonderbaren Krankheit ausgeſetzt, bey der ihnen beſtaͤndig ein Tropfen Waſſer am Schnabel haͤngt.
Im May, wenn der Weizen bereits hoch genug iſt, ſie zu verbergen, kommen ſie aus Afrika zu uns, wohin ſie im September ziehen. Wenn dieſer allge⸗ waltige Trieb zur Wanderſchaft erwacht, ſo fuͤhlen ihn auch die Eingeſperrten; ſelbſt die, die von ihrer Jugend an die Suͤßigkeit der Freyheit nie kennen ge⸗ lernt haben. Man bemerkt im April und September an ihnen den Tag uͤber Niedergeſchlagenheit und Traurigkeit, eine Stunde vor Sonnenuntergang aber die heftigſte Unruhe. Naͤchtlicher Weile wandern die Wachteln. Ein Umſtand, der zuverlaͤßiger iſt, als was Plinius erzaͤhlt, ein Schwarm Wachteln habe ſich auf ein Schiff geſetzt und durch ſein Gewicht es verſenkt. Nicht die Kaͤlte ſcheint der Grund ihres
Fort⸗
Die Wachtel. 109
Fortziehens zu ſeyn, denn fie konnen auch im rauhe⸗ ſten Norden leben, und haben ſo viel natuͤrliche Hitze, daß man in China ſie in der Hand zu tragen pflegt, um ſich daran zu waͤrmen. Wohl aber die Sorge für ihre Nahrung ndthigt fie, Pilgrimme zu werden. In unermeßlichen Scharen, ſo daß ſie wie eine große Wolke ausſehen, ziehen fie und laſſen ſich da nieder, wo ſie einen vollgedeckten Tiſch zu finden glauben. So hoch ihr Flug iſt, fo kann man fie doch in ſtillen Fruͤhlingsnaͤchten an ihrem Geplapper unter einan⸗ der über ſich wegziehen hören. Ihr Flug iſt um deſto bewunderungswuͤrdiger, da ihre außerordentliche Fettigkeit ſie noch 3 Tage vor der Abreiſe ſo ſchwer macht, daß ſie kaum zwey Ackerbreiten fliegen koͤnnen. Ueberhaupt brauchen ſie außer der Wanderzeit ihre Fluͤgel zur Flucht weit ſeltner, als ihre hurtigen Fuͤße. Bey Neapel ſcheinen ſie auf ihrer Reiſe eine Station zu haben. Um Nettuno fieng man in einer Strecke von 4—5 Ital. Meilen ihrer 100,000, und der Bi⸗ ſchoff von Oſtia hat von ihrem Hin = und Ruͤckſtrich ein Einkommen von 4000 Ducaten; eine Summe, für die er ſich den Titel Wachtelbiſchoff ganz wohl gefal⸗ len laſſen kann. Ehe ſie uͤber das Meer fliegen, warten ſie auf günftigen Wind; ändert er ſich ſchnell
O 3 im
110 Die Wachtel. im Zuge, ſo verungluͤcken viele. Ob ſi ch dann dle ganze Wolke aufs Waſſer niederlaſſe, und einen Fluͤ . gel als Segel aufſpanne, iſt ungewiß. Ueberhaupt hat die weite Reiſe ſolcher fonft zum Fluge ungeſchick⸗ 5 ten Vögel auf ſeltſame Grillen gefuͤhrt, und mancher lieh ihnen ſo viel Witz und Klugheit, daß man ſeinen Erzaͤhlungen deutlich anſah, er habe den Wachteln alles gegeben, und fuͤr ſich nichts davon behalten. Der Eine ließ ſie ein Stuͤckchen Holz mitnehmen, um darauf, wie auf einem Floße, ausruhen zu koͤn⸗ neu; ein Anderer gab ihnen 3 Steine in den Schna⸗ bel, damit ſie durch ihr vermehrtes Gewicht dem Winde beſſer widerſtehen Fünnten; wieder Einer bes hauptete, dieſe liſtigen Thiere waͤhlen ſich den Wach⸗ telfüntg, einen Vogel von einer andern Gattung, zum Anführer, weil fie wohl wußten, daß der erſte Ans koͤmmling allemal ein Raub des Habichts würde, Nach ihrer Ankunft bey uns paaren ſie ſich. Ein Mann macht mehreren Weibchen den Hof. Dieſe legen in eine kleine Hoͤhlung auf Halmen und Blaͤtter 10 — 14 gruͤnliche, braungefleckte Eyer, die wie mit Firniß uͤberzogen, und fuͤr ſo kleine Voͤgel ziemlich groß ſind. Die Natur wollte, daß die Jungen ſchon im Ey eine hinlaͤngliche Größe und ein etwas dich⸗ teres
Die Wachtel. 111
teres Kleid bekaͤmen, um des Beyſtandes ihrer min⸗ der zaͤrtlichen Eltern früher entbehren, und in 4 Mo⸗ naten die große Reife, von der nur Spaͤtlinge und alle zudicke Fettwaͤnſte ausgeſchloſſen find, antreten zu konnen. Die Fruchtbarkeit der Wachteln iſt ſo groß, daß man von Einem Paare in 4 Jahren 32000 Nachkommen berechnet hat. Tauſenden mag die Seereiſe das Leben koſten. Puͤpuͤ ruft das Weib⸗ chen; kurz und laconiſch, in 3 Schlaͤgen antwortet der Mann. In Thüringen muntern ſich die Land⸗ leute damit zum Fleiße auf, und ſie ſagen, ſie ſinge: Buͤck den Ruͤck! und ein wuͤrdiger Schulmann vers ſicherte feine Schüler, fie rufe: Die cur bie?
Die wuͤthenden Kaͤmpfe der Maͤnuchen, wozu man ſie nur mit etwas Hirſe, den man zwiſchen ſie ſtreut, reizen darf, dienen in China zu einem Schau⸗ und Wettſpiel. Bringt man fie nicht auseinander, ſo gehts auf Leben und Tod. Auguſtus ließ einſt feinen Statthalter in Aegypten, Erotes, hinrichten, weil er eine beruͤhmte Kampfwachtel aß. Denn auch die Raſerey herrſchte einmal, daß man einen hohen Werth darauf ſetzte, Vögel, die durch ihre Fer⸗ tigkeiten einen Nahmen erlangt hatten, zu eſſen. Die Athenienſer verurtheilten einen jungen Menſ chen
zum
112 Die Taube. zum Tode, weil er die Bosheit hatte, allen Wachteln, die er antraf, die Augen auszuſtechen. Vielleicht rettete dieſe Strenge manchem das Leben, den dieſer kuͤnftige Tyrann kaltbluͤtig getödtet haben wuͤrde. Ihr ſehr gutes und geſundes Fleiſch hat nur ein Vorurtheil verdächtig gemacht. In einer vor ei⸗ nem Spiegel haͤngenden Schlinge faͤngt ſich das ei⸗ ferſuͤchtige Thier ſelbſt. Alles an ihnen, vom Schna⸗ bel bis zur Schwanzſpitze, ſoll fuͤr etwas gut ſeyn.
Tab. XIV. — XVII. Die Taube. ee ee, le Pigeon. Die wilde (44) Die Feld⸗(45) Die Kropf⸗ (40) Die Trommel- (47) Die Mon- (48) Die Poſt⸗ (49) Die Moͤvchen⸗ (50) Die Purzel⸗(51) Die Perücken⸗(52) Die Pfau⸗ en⸗(53) Die Ringel-(54) Die Turtel⸗(55) Die Lach⸗(50) Die Pompadour⸗(52) Die Kron (58) Die Guineiſche⸗ (59) Die ſchwarzgehaubte-( es) Die Sper⸗ liugs⸗Taube. (01) | Wenn S Schönheit und Mannigfaltigkeit der Geſtalt und des Gefieders, wenn Anmuth und ſanfte Sit⸗ ten,
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Die Taube. 113
ten, wenn große Ausbreitung und Nutzbarkeit irgend einer Vogelgattung Auſpruͤche auf eine liebreiche Auf⸗ nahme in unſere Haͤuſer gaben; ſo hatten wohl vor⸗ zuͤglich die Tauben das Recht, eine ſolche zu erwar⸗ ten. Ihr leichter Flug machte es freylich weniger wahrſcheinlich, daß ſie freywillig den eingeſchraͤnk⸗ ten haͤuslichen Zuſtand der Freyheit vorziehen wuͤrden. Allein man wußte dadurch, daß man ihnen ihren Aufenthalt durch alle Bequemlichkeiten und reichen Ueberfluß verſuͤßte, und ſo ihre Ketten vergoldete, ſie ſo zu feſſeln, daß ſie nun eben ſo gern bey uns blei⸗ ben, als das Pferd, das ſeine Halfter, und das Huhn, das ſein ſchwerer Flug zuruͤckhaͤlt. Wir wuͤrden uns Vorwuͤrfe von allen Taubenfreunden zuziehen, — und wer liebt dieſe guten Vogel nicht? — wenn wir ihre Geſchichte nicht ſo vollſtaͤndig, als es der Raum unſrer Blätter erlaubt, beſchreiben wollten. Ein hornartiger, gerader, an der Spitze unter⸗ waͤrts gekruͤmmter Schnabel, laͤngliche Nafenlöcher, - die mit einer weichen, aufaetriebnen Haut umgeben ſind, und eine ganze, ungeſpaltne Zunge iſt das all⸗ gemeine Kennzeichen, das allen Tauben eigen iſt, ſo verſchieden ſie ſonſt ſind. Die ganze Gattung be⸗ ſteht aus 72 Arten; zahlloſe Spielarten, die man Voͤgel II. Theil. P nach
114 Die Taube.
nach Willkuͤr vermehren kann, ungerechnet. Viel⸗ fältig ſind die Dienfte, die den Tauben ihr Schna⸗ bel thut. Er iſt der Löffel, mit dem fie ihren Unter⸗ halt ſchopfen, die Hand, die ſich das liebende Paar zur Verſichrung des ehelichen Bundes reicht. Mit ihm bauen ſie ihr Neſt, aͤzen ihre Jungen, und putzen ſich, indem ſie die verwirrten Federn in Ordnung le⸗ gen. Mit ihm reinigen ſie ſich von Inſecten, und wehren ſich gegen ihre Feinde. Der runde Kopf iſt bald glatt, bald mit einer Schneppe, bald mit einem Schleyer oder einer Peruͤcke geſchmuͤckt. Die Augen ſind platt und mit einem duͤnnen Haͤutchen verſehen, womit die Tauben, ohne die Augenlieder zuzuſchlie⸗ ßen, das Auge bedecken konnen. Der Hals und die Bruſt haben gemeiniglich koſtbare Farbenſpielungen, wenn das Gepraͤge der Natur noch nicht verwiſcht worden iſt. Die Tauber haben kuͤrzere Haͤlſe und laͤngere Fuͤße, als die Taͤubinnen. Von außeror⸗ dentlicher Beweglichkeit iſt der aufwaͤrtsgehende Buͤrzel. Immer werden die Tauben, wenn ſie ba- den, erſt ihre Federn in Ordnung bringen und dann aus ihrem Oehlmagazin etwas hohlen, um ihr Ge⸗ fieder dadurch gleichſam zuſammen zu leimen, und ihm die noͤthige Schluͤpfrigkeit zu geben. Andere | hal⸗
Die Taube. 115
halten jenes Oehl für eine ſich abſondernde Unreinig⸗ keit, der die Taube bloß darum Luft machen ſoll, um die nachtheiligen Folgen der Verſtopfung dieſer Druͤſe zu vermeiden. Daß ſie hernach den Schnabel ab⸗ wiſche, verſtehe ſich von ſelbſt. Der Schwanz der Tauben beſteht aus 12 Ruderfedern, und ihre Fluͤ⸗ gel ſind ziemlich lang, zumahl bey den wilden Arten, bey denen ſie oft uͤber den Schwanz hinausgehen. Die Füße find bald nackt, bald rauh; gemeiniglich roth, und immer ziemlich kurz. Von den innerli⸗ chen Theilen der Tauben beruͤhren wir bloß die Galle. Allgemein iſt der Irrthum, ſie haben keine. Wahr iſts, eine Gallenblaſe fehlt ihnen; aber dem⸗ ungeachtet ſondert die Leber Galle vom Gebluͤte ab, und immer findet man die Gallengaͤnge angefüllt, Auch koͤnnen ſie ſo gut wie andere Thiere zornig wer⸗ den. Bechſtein erzaͤhlt von einer bruͤtenden Taͤu⸗ binn, die den Tauber, der fie mit Girren unterhal⸗ ten wollte, ſehr oft mit ihren Fluͤgeln im Schlage herumpruͤgelte. Vergaß der unter dem Pantoffel ſtehende Gatte ſeiner Pruͤgel wieder, ſo war er
ſicher, eine neue Tracht zu erhalten. Um in der Hoffnung, eine zahlreiche Nachkom⸗ menſchaft in ſeinem Taubenſchlage zu ſehen „nicht Pa ges
4
115 Die Taube.
getäufcht zu werden, was dann immer geſchehen wird, wenn man ein Paar von gleichem Geſchlechte zuſam⸗ menſperrt, muß man, außer dem ſchon angefuͤhrten Geſchlechtsunterſchiede, auf das dem Tauber eigne Trommeln merken. Auch wird dieſer, wenn man
ihn auf der Hand haͤlt, und mit angedruͤckten Fluͤgeln ſanft aufs und niederſchwingt, den Schwanz immer
N
nach unten ſenken, da hingegen bey eben dieſem Ver⸗
ſuche die Taͤubinn ihn aufwärts hält. Ueberdas muß der Taubenfreund, um eine gute Zucht zu be⸗ kommen, keine zu alte und noch weniger ſolche, die in der Naͤhe geflogen ſind, kaufen. Jene taugen wenig oder nichts; und dieſe fliegen ihm mit erſter Gelegenheit davon. Ob ſie gleich laͤnger brutfaͤhig ſind, ſo dienen ſie doch nur 4 Jahre zu ſchoͤnen Zuchttauben. Man merkt ſich ihr Alter damit, daß man alle Jahre eine ihrer Klauen verkuͤrzt. Sobalds an die vierte geht, ſo haben ſie im naͤchſten Jahre ausgedient. Gleichviele von jedem Geſchlechte müß ſen immer im Schlage ſeyn.
Was diejenigen Tauben betrifft, die in voller Freyheit leben, fo pflegen fie ihr Neſt aus Birken⸗ und andern ſchlanken Reifern, Federn u. d. kreisfbrmig zu bauen, ohne etwas Weiches hineinzulegen. Sorg⸗
flaͤltig
Die Taube, 117 faltig wird von den Reiſern und Federn im Hintra⸗ gen zum Neſte der Staub abgeſchuͤttelt, ja ſie unter⸗ ſuchen wohl auch, ob ſie zu der bogenfoͤrmigen Kruͤm⸗ mung des Neſtes elaſtiſch genug ſind. Nur Ein Mal benuͤtzen ſie es, und bauen immer wieder aufs Neue. Meiſtens gegen Morgen, und oft unter manchem Seufzer, legt die Taͤubinn zuerſt ein ſtumpfrundes Ey, das einen Tauber, und nach einer Ruhezeit von 3 Tagen, abermal Morgens, ein kleineres etwas ſpitzigeres, das eine Taͤtbinn enthält. Was fie zu andern Tagszeiten legt, taugt gemeiniglich eben ſo wenig, als ein Ey, das am 8 Tage noch durchſichtig iſt. Mehr nicht als zwey Junge legte ihr die weiſe, muͤtterliche Natur fuͤr Eine Brut auf. Die große Gefraͤßigkeit und ſchnelle Verdauung der Jungen wuͤrde die Eltern, wenn ſie mehrere erziehen ſollten, ganz entkraͤften und aufreiben. Durch wieder hohlte Bruten erſetzte ſie reichlich, was auf einer Seite zu mangeln ſcheint. Wer kann Weisheit und Guͤte hierin verkennen?
Blind, mit ungeſtalten Koͤpfen und ungeheuren Gedaͤrmen, kommen die Jungen, in gelbe, naſſe Milchfedern gehuͤllt, am 18 oder 19 Bruͤttage aus dem Ey. Am erſten Tage werden ſie von ihren El⸗
P 3 tern
118 Die Taube. :
tern bloß abgetrocknet, und muͤſſen faſten. Den an⸗ dern Tag blaſen ſie ihnen den Kropf auf, und ſchuͤt⸗ N ten inen den aus Körnern in ihrem Kropfe bereite⸗ ten Milchfaft fo ein, daß fie den Schnabel ihrer Klei⸗ nen zwiſchen den ihrigen faſſen. Noch koͤnnen die Jungen keine ſtaͤrkere Speiſe ertragen, auch ſind ſie ſo empfindlich, daß heftiges Geraͤuſche und ſtarke Donnerſchlaͤge ihnen toͤdtlich werden konnen. Willig und friedlich theilen die Eltern die Beſchwerden der Aezung. Am neunten Taße ſtellt ſich das Geſicht ein; die größern Kiele der Schwung- und Ruderfe⸗ dern erſcheinen; das Unformliche, Haͤßliche vers ſchwindet allmaͤhlich; Kopf und Schnabel werden verhaͤltnißmaͤßiger; die Kleinen erheben ſich aus der Tiefe des Neſtes auf den hoͤhern Theil desſelben. Schon treffen die Eltern wieder Anſtalten zu einer neuen Hecke, ohne jedoch der Pflege und Wartung, die ſie ihren aͤltern Kindern ſchuldig ſind, daruͤber zu vergeſſen. Mit z — 6 Wochen find dieſe ausgewach⸗ ſen, nur verraͤth noch die pipende Stimme ihre zarte Jugend. In dem fuͤnften Monate findet ſich alles ein, um ſelbſt Ehebündniſſe zu ſchließen. Eine ſo ſchnelle Reife laͤßt ein kurzes Leben vermuthen. In⸗ deſſen bringen fie es doch auf 10 — 12 Jahre, und
auch unter ihnen gibt es zuweilen Greiſe. Die
Die Taube. 119
Die Tauben ſind ſanfte, geſellige Thiere, die gern und friedlich untereinander leben. Mit Anbruch des Tages ſtuͤrzt die ganze Geſellſchaft aus ihrem Haufe heraus. Sie leben fo gern in größerer Anzahl untereinander, daß ganz wenige Paare zumal ein et⸗ was großes Taubenhaus wohl gar aus Langeweile verlaſſen. Man hat eine Menge zum Theil laͤcher⸗ licher Mittel, ſie an ihren Aufenthalt zu feſſeln, er⸗ funden; worunter man beſonders das Beſtreichen der Fluͤgel mit Anisoͤhl rechnet. Das Sicherſte iſt immer, daß man ihnen durch reichliches Futter und Sicherheit vor ihren Feinden das Leben recht angenehm mache — und eine redliche Nachbarſchaft habe. Wenn die Tauben gemeinſchaftlich freſſen, ſo ſieht man keine Spur von Neid und Zaͤnkerey. Liebreich nehmen ſie verirrte oder verſtoßene Fremdlinge bey ſich auf, und theilen mit ihnen Brod und Wohnung. Selbſt Haͤhner und Sperlinge duͤrfen ungeſtraft zu ihrer offenen Tafel kommen. Nur dann, wenn man ihnen in ihrem Bruͤtungsgeſchaͤfte Hinderniſſe in den Weg legt, gibt ihnen die Wichtigkeit ihres Berufes Muth und Eifer, mit Schnabelhieben und Fluͤgel⸗ ſchlaͤgen die ihnen ſo theuren Eyer zu beſchuͤtzen. An ihrer ſonſtigen Sanftmuth mag immer Feigherzigkeit 7 eint⸗
126 Die Taube, einiger Maßen ſchuld ſeyn. Stets ſchwebt den zahmen Tauben der Raubvogel vor den Augen, daher ſie ſich nicht gern auf einen Baum ſetzen, und aus keiner truͤben Pfuͤtze leicht trinken werden, um, ſo ſagt man wenigſtens, im Spiegel des klaren Waſ⸗ fers, den uͤber ihrem Haupte ſchwebenden Mörder ſo⸗ gleich wahrzunehmen. Naͤchtlicher Weile ſollen fie Schildwachen ausſtellen. Ihr Wohnhaus iſt ihnen ſo theuer, daß ſie aus einer Entfernung von mehre⸗ ren Meilen dahin zuruͤckkehren, ja, weun Flammen es ergreifen, ſich in dieſelben ſtuͤrzen, um ihre geliebte Huͤtte nicht zu uͤberleben. Nur heftiger Geſtank in dieſer, oder eine Liebſchaft in der Ferne, und ihre na⸗ tuͤrlichen Feinde, der Marder, das Iltiß, die Katze, können fie daraus vertreiben. In dieſem Falle wird alles im Stiche gelaſſen, und ſelbſt auf einem Dache lieber uͤbernachtet. Doch erwacht die Liebe zur alten Herberge bald wieder; ſie legen ſich auf Kundſchaft in der Nähe, und ziehen, ſobald fie ſich ſicher glau⸗ ben, mit Sack und Pack aufs Neue ein. Einige, etwas Mißtrauiſchere, bleiben aber doch fuͤr immer weg, und ſuchen ihr Gluͤck wo anders. So ſchmerz⸗ haft es ihnen ſeyn mag, wenn ſie einmal uͤbers andre um ihre Jungen kommen, ſo vergeſſen ſie es doch bald und
Die Taube, 121
und bruͤten da immer fort, wo ein anderer Vogel gewiß in ſeinem Leben kein Neſt mehr bauen würde, Ihre geruͤhmte Keuſchheit iſt nicht weit her. Die in der Freyheit bleiben ſich zwar treu; wenn man aber eine zahme Taͤubinn mit einem fremden Tauber, und neben ihr ihren Gatten, einſperrt, fo wird jene in ſeiner Gegenwart die Treue brechen, wozu freylich der arme Gefangne gar ſaure Geſichter macht. Ja ihre Enthaltſamkeit iſt ſo groß, daß lauter Taͤubin⸗ nen untereinander ſich widernatuͤrlich paaren. Da man nun in Aegypten eine ſchwarze Taube zum Sinublld einer Wittwe wählte, die eine freudenloſe Einſamkeit der zweyten Heurath vorzog, ſo muͤſſen dort die Taͤubinnen eingezogner gelebt haben. De⸗ ſto mehr muͤſſen wir der Reinlichkeit der Tauben Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Sie putzen ſich be⸗ ftändig, baden fleißig, und pflegen im Neſte, ruͤck⸗ waͤrts wie ein Krebs, gegen den Rand desſelben zu kriechen, damit ihr Unraih hinaus auf den Boden falle. Der Geſtank von Miſt, Aas, faulen Eyern, beſonders aber vom Teufelsdreck iſt ihnen in den Tod zuwider. Schon mancher muthwillige Junge und Taubendieb fieng daher eine Taube „deren Beſitzer er einen Streich ſpielen wollte, und ſchickte ſie mit Voͤgel II. Theil. rg jenem
®
122 Die Taube.
jenem Harz beſtrichen zuruͤck, worauf die ganze Ges ſellſchaft aus wanderte. So wenig man die Klugheit der Tauben ruͤhmen kann, ſo hat man doch ſchon abgerichtete. einen Spielwagen ziehen, ja aus den Ohren eines beruͤchtigten Propheten freſſen ſehen. Muſtermaͤßig iſt ihre eheliche Zaͤrtlichkeit. Nie wer⸗ den fie einander uͤberdruͤßig; nie ſtoͤrt uͤble Laune die ſuͤße Harmonie. Liebe und Sorge fuͤr die Nachkom⸗ menſchaft beſchaͤftigen ſie beſtaͤndig, und alle Laſten des Hausſtandes werden gemeinſchaftlich getragen. Kein Thier thut feine Liebeserklaͤrungen mit mehr Umſtaͤnden. Mit blitzendem Auge und unter aller⸗ ley Beugungen naht ſich der Tauber ſeiner Gattinn. Er macht Kreiſe um ſie, die immer enger werden. Dann ſchnaͤbeln ſie ſich, und theilen eius dem andern von den Koͤrnern mit, die fie in ihrem Kropfe haben. Der Mann lauft oft zum Waſſer, um die trocknen Körner in feinem Kropfe deſto eher zum Heraufſtei⸗ gen zu bringen. Schleicht zuweilen ein Mißverſtand in den Taubenehen ein, ſo tauſchen, wie man ſicher bemerkt hat, die Maͤnner ihre Weiber untereinander, und der Friede iſt wieder hergeſtellt. Trennt aber der Tod das eheliche Band, ſo betrauert eins das an⸗ dere einige Tage, und geht dann in der Taubenre⸗ publik
*
Die Taube, 123 publik wieder aufs Freyen aus. Ihre Fruchtbar⸗ keit iſt ſehr groß.
Die liebſte Nahrung der Tauben beſteht in Weizen, Hirſe, Erbſen, Wicken. Doch verſchmaͤ⸗ hen fie Linſen, Gerſte, Bohnen, Eicheln, Hafer und Rocken auch nicht. Letzterer, ohne Abwechslung, ſoll ihnen ſchaͤdlich ſeyn. Was nach Salz und Sul
peter ſchmeckt, iſt ihnen ſehr angenehm, daher ſie oft an alten Waͤnden picken. Reines Waſſer iſt ihr Trank; zuweilen, vielleicht als Arzney, Miſtjauche. In der Beſtellungszeit der Felder, in der Naͤhe von großen Fruchtmaͤrkten und Meyerhdfen, dürfen fie wenig gefuͤttert werden. Sie verſorgen ſich dann ſelbſt. Verſchieden find: Wohnhaͤuſer der Tauben. Man hat Taudenſchlaͤge, die in eignen mit Brettern verſchlagnen Behaͤllniſſen im Haufe ſelbſt beſtehen; oder Koͤten, die man außen an die Haͤuſer hängen kann, oder auch mitten im Hofraume zuweilen auf einer Säule ruhende Taubenhaͤuſer. Man wähle von dieſen, was nach den Umſtaͤnden einem am Be⸗ ſten daͤucht, nur gilt allgemein, daß der Stall im⸗ mer etwas dunkel, warm und vor Taubenfeinden wohlverwahrt ſeyn muß. Freye Ausſicht gegen Morgen, um die erſten Strahlen der Sonne zu ge⸗
j Q2 nie⸗
124 Die Taube,
nießen, und Ruhe und Stille iſt ihnen immer werth. In der Hoͤhe, wo reinere Luft iſt, gerathen ſie beſſer, als in der Tiefe. Graf Buͤffon konnte in feinem am hoͤchſten llegenden Taubenſchlage immer 400 junge Paar ausnehmen laſſen, wenn er aus ſeinen niedriger liegenden Schlaͤgen nur 130 erhielt. Man erſtaune nicht uͤber die Menge, die man bey keinem Taubenhaͤndler ſuchen wuͤrde! Es war ein Vorrecht des franzoͤſiſchen Adels, Taubenhaͤuſer zu halten. Schoͤnere und praͤchtigere Taubenſchlaͤge gibt es wohl nirgends, als in Perſien. Um Is pahan allein zahlt man ihrer über 3000. Man liebt dort fie darum ſehr, weil ihr Miſt die Melonen-Felder trefflich bvuͤngt. In griwr Menge ſchwaͤrmen die wilden Tauben herum, die von verraͤtheriſchen zahmen in die Schlaͤge gelockt werden.
Die armen, wehrloſen Tauben haben außer⸗ ordentlich viele Feinde. Der blutgierige Marder mordet im Schlage, ſo lange etwas Lebendiges darin iſt, und beißt allen die Koͤpfe ab; die etwas beſcheid⸗ nere Katze begnuͤgt ſich, einige rein aufzufreſſen. Wieſel, Ratten, Maͤuſe, Schlangen ſaufen die Eyer aus, oder beiſſen auch die Jungen todt. Der Adler, der Geyer, der Falke, der Habicht ſtuͤrzt aus der Hoͤhe
Die Taube. 125 Höhe pldtzlich auf die Taube herab und ſchleppt fie in ſeinen Horſt. Denn noch immer fehlt es der in⸗ nigen Freundſchaft des Ruͤttelgeyers gegen ſie, der ſich ſogar zu ihrem Beſchuͤtzer aufwerfen ſoll, an hin⸗ laͤnglichen Beweiſen. Auch die menſchenſcheue Eule ſtellt ihr nach, und Warzen und Flöhe plagen fie, trotz ihres Badens und Waͤlzens im Staube, entſetz⸗ lich. Von Krankheiten ſind die Tauben auch nicht frey. Außer dem kraͤnkelnden Zuſtande, in dem ſie, waͤhrend der Mauſerzeit gegen den Herbſt zu, ſich befinden, verſtopft ſich oft, zumal bey großer Hitze und Waſſermangel, die Buͤrzeldruͤſe. Sie zehren dann ab, und muͤßen, wenn ihnen nicht durch ihren eig⸗ nen Schnabel oder durch andre Huͤlfe geſchafft wird, elend verſchmachten. Oft macht ſie ihr dickes, ſchwarzes Gebluͤt, ohne ein eigentliches koͤrperliches Leiden, hypochondriſch. Traurig und in ſich gekehrt ſitzen fie da, legen den Kopf auf den Nuͤcken, und werden nicht eher wieder heiter, bis eine junge Gat⸗ tinn die Grillen verſcheucht. Auch werden die Alten mit der Kraͤtze, die Jungen mit den Pocken oder ge⸗ wiſſen eiternden Blattern oft behaftet. Das Erſtere iſt die Folge von unreinem Waſſer, das Andre von großer Sommerhitze. Q 3 Eine
126 Die wilde Taube.
Eine ſehr alte Sache iſt die Taubenliebhaberey. Schon Plinius eifert gegen die Taubenwuth, die ſo weit gieng, daß man zu Pompejus Zeiten 30 Fl. für ein vorzuͤgliches Paar bezahlte. In neuern Zeiten wurden ſeltene Tauben noch ungleich theurer ges kauft. Will der Taubenfreund von einem beſon⸗ ders fchönen Paare viele Junge bekommen, fd - darf er nur der Taͤubinn ihre Eyer gleich nach dem Legen nehmen, und ſie einer ſchlechtern zum Aus⸗ bruͤten geben. Dadurch legt die ſchoͤne Taube weit dfter, als es geſchehen würde, wenn fie ihre Zeit mit Bruͤten zugebracht haͤtte.
Wenn wir jetzt einige vorzuͤglich merkwuͤrdige Taubenarten näher beſchreiben, fo find unfre Leſer felbft fo billig, nicht alle, ja nicht einmal alle Nah⸗ men derſelben hier zu erwarten. Wir haben 340 verſchiedne Taubennahmen gezaͤhlt, deren Aufzeich⸗ nung ſchon allein eine, wahrſcheinlich ſehr ungenieß⸗ bare, Lieferung unſrer Wochenblaͤtter ausmachen wuͤrde. Zuerſt beſchaͤftigen wir uns mit der gemei⸗ nen Taube, die ſchon fuͤr ſich eine große Familie in der Taubengattung ausmacht.
Als Stammmutter aller gemeinen Tauben kann man die wilde Taube (C. Oenas fera, li-
via,
Die wilde Taube, 127
via, le Biſet 44) anſehen. Sie ift fo groß, wie die Feldtaube, und wohnt in den Wald- und Felſenge⸗ genden von Europa und Aſien. Doch vertauſcht fie zuweilen die Einſamkeit der Waͤlder mit dem lebhaf⸗ ten Gewuͤhl der Taubenhaͤuſer, kommt mit Haus⸗ tauben zuruck, lebt den Winter. über mit ihnen fried⸗ lich und paart ſich wohl mit ihnen. Auf dem Felde hält fie ſich gern zu den Raben. Ihr Inſtinct ſcheint ihr zu ſagen, daß der Raubvogel, um der ſchwarzen Geſellſchaft willen, fie dann verſchone. Auch verraͤth das eine Art von Witz, daß ſie, wenn der Habicht auf ſie ſtoßt, ſich bald rechts, bald links, bald in die Höhe, bald in die Tiefe, ſchwingt, um ihn zu ermuͤden und zu verwirren. Eben darum wird auch der Habicht unter einem Fluge von wilden und zahmen Tauben immer erſt auf die Letztern Jagd machen, die ihr Hans ſtand ſchon etwas ge⸗ laͤhmt bat. Dunkel aſchgrau, ins blauliche ſpielend iſt der Leib der wilden Taube; der Ruͤcken hat einen braͤunlichen Anſtrich; Hals und Bruſt haben den Schimmer von Gruͤn, Purpur und Kupferroth, der dem Taubenhalſe eigen, allein bey vielen Spielarten ganz erloſchen iſt. Auf den Fluͤgeln ſind zwey Bin⸗ den von ſchwarzer Farbe, die Fuͤße aber und der
Schna⸗
128 Die Feldtaube.
Schnabel roth. Merkwuͤrdig iſt es, daß bey den wilden Tauben der Unterſchied zwiſchen Maͤnn⸗ chen und Weibchen auffallender iſt, als bey den Zahmen. Dieſe beduͤrfen, da ihre Stimme, Sit⸗ ten u. d. fie kennrlich genug machen, indem fie im⸗ mer unter unſern Augen ſind, keines aͤußerlichen Un⸗ terſcheidungszeichens; jene hingegen fuͤhrt oft nur ein ſchneller Augenblick dem Jaͤger vors Geſicht, der nun die bruͤtende Mutter ſchonen kann. In hohle Bäume, Felſenldcher und Thuͤrme machen die wilden Tauben ihr Neſt. Zweymal im Jahre le⸗ gen ſie 2 auch 3 Eyer, doch kommen immer nur zwey Junge auf, deren Fleiſch von auserleſenem Geſchmacke iſt. Vergleicht man dieſe Fruchtbar⸗ keit mit der unſrer Haustauben, ſo erſtaunt man uͤber die Veraͤnderungen, die der Menſch in der Natur und ihren Geſetzen hervorzubringen wußte. Wahrſcheinlich bringen die wilden Tauben den Winter in Afrika zu, von woher fie im Fruͤhjahre wieder zu uns kommen. Aid Faſt fo wie die wilde Taube, nur etwas ſchlan⸗
ker und ſanfter, ſieht die Feldtaube (C. Oenas vi- nago, le Pigeon de nos Colombiers, Haustaube, Holztaube, Feldfluͤchter 48) aus. Sie iſt zwar eine
Die Kropftaube. 129
eine zahme Hauetaube, liebt aber doch die Frey⸗ heit fo ſehr, daß ſie oft entwiſcht, und Baumhöhlen und Felfenlöcher zum Aufenthalt wählt, Elne blau⸗ graue Farbe, ſchoͤne Spielungen am Halſe und zwey ‚Bänder auf den Flügeln machen fie der vorigen ziemlich aͤhnlich. Da fie in einem Jahre wohl zwoͤlf⸗ mal bruͤtet, jo kann man daraus ihre ſtarke Vermeh⸗ rung in einigen Jahren abnehmen. In vier Jahren kann Ein Paar 14762 Kinder und Enkel haben. Dieſer Fleiß macht ſie dem Landmanne ſehr werth. Sie ſcheint ihn wenig zu koſten, weil ſie ſich ihr Futter auf dem Felde ſeloſt hohlt, was denn doch mit auf ſeine Rechnung geht. Ihr ſchneller Flug macht, daß der auf ſie ſtoßende Raubvogel oft mit leeren Klauen abziehen muß.
Bon dieſen wilden Tauben und Feldfluͤch⸗ tern nun werden eine Menge Abarten hergeleitet; ob aber nicht doch manche darunter eine für fich bes ſtehende Art ſey, wollen wir nicht eutſcheiden.
Eine aͤußerſt ſeltſame Geſtalt hat die Kropf⸗ taube (C. Gutturoſa, le Pigeon d groſſe gorge 46), die man von allen Farben findet. Zwar konnen alle Tauben ihre Kroͤpfe aufblaſen, aber keine in dem hohen Grade, wie ſie. Da der Kropf nun dadurch
Voͤgel II. Theil. R faſt
ey
130 Die Trommel und Montaube.
faſt ſo dick, wie der uͤbrige Koͤrper wird, ſo iſt ſie gendthigt, den Kopf zurückzubiegen und kann ſich kaum ſtehend erhalten. Aber eben darum kaun fie nicht gut um fich ſehen, und geraͤth einem ihrer Feinde leicht in die Klauen. Man haͤlt ſie mehr der Seltſamkeit als des Nutzens wegen. 573
Mit ſtark befiederten Füßen verſehen iſt die Trommeltaube (C. Daſy pus, le Pigeon tamboun 47). Sie druͤckt ihre Leidenſchaften, beſonders Lie be und Zorn, durch eine Art von Trommeln aus, und begrüßt mit ihrer Baßſtimme die aufgehende Sonne. Auf ihrem Kopfe ſitzt eine Muſchelhaube und an der Schnabelwurzel beugt ſich eine Art Schneppe vor⸗ waͤrts. Mit ihr viel Aehnliches hat die Montaube (C. Criſtata, le Pigeoiı patu, hupꝰ 48), die ihren Nahmen daher haben ſoll, weil fie alle Monate bruͤ⸗ tet. Sie hat eine Haube und Federfuͤße. Zur Zucht iſt ſie vortrefflich, doch ſollen zu viele Paare in Einem Stalle leicht Händel anfangen. Zwey Tage nach der Begattung, wenn es im Sommer iſt, legt die Taͤubinn ihr erſtes Ey, und haͤlt es, bis das andere nachkommt, warm, ohne es zu bebruͤten. Sie ſitzt 17, 18 Tage, im Winter aber etwas laͤnger. Ihre Eyer liebt ſie ſo, daß auch Martern ſie nicht davon E 73% | . treno
Tab. 1 = +
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—
Die Poſttaube. 131 trennen. Man ſah eine, deren Zehen, weil ihr Neſt an der Oeffnung des Taubenſchlages war, vollig erfroren, und die doch ihre Eyer nicht verließ. In der Nähe der guten Mutter fitzt der Tauber und gurrt ihr eins vor. Wenn Hunger oder Durſt ſich bey ihr melden, ſo ermuntert ſie ihn durch liebreiches Girren ihre Stelle einzunehmen, was er gewoͤhnlich zwey⸗ mal des Tages zwey Stunden lang thut, klagt auch wohl bitter, wenn er zu traͤge ſeyn will, und treibt ihn gar mit Puͤffen zu ſeiner Schuldigkeit an. N Beruͤhmt durch ihre Geſchicklichkeit im Beſtellen der Briefe iſt die Poſttaube (C. Tabellaria, le Pigeon meſſiger, Brie tuͤrkiſche Taube 40). Doch duͤrfen unſre Leſer nicht glauben, daß dieß beſonders abgerichtete Tauben, oder daß ſonſt keine andere zu dieſem Geſchaͤfte tuͤchtig ſeyen. Die ganze Sache gruͤndet ſich auf die Vorltebe der Tauben fuͤr ihre Haͤuſer und Familien. Man nimmt ſie aus ihrem Kobel mit ſich in die Ferne, fuͤttert ſie gut, und taucht ihre Fuͤße in Eſſig; jenes, damit der Hun⸗ ger, dieſes, damit die Luſt zum Baden ſie nicht an⸗ wandle, und bindet ihnen das Billet, das man an den Ort ihres gewöhnlichen Aufenthalts beſtellt ha⸗ ben will, unter die Fluͤgel. Wenn ſie nun unter⸗ R 2 wegs
0 9 1 | 132 Das Moͤdchen. | wegs nicht von Straſſenraͤubern „deren es auch sie der Luft gibt, angefallen wird, fo beſtellt fie das Billet richtig — in ihr Neſt, wo es der andre abge⸗ redeter Maßen hohlt. Will man daher von etwas, z. B. von der Ankunft eines Schlifer, ſchnell Nachricht haben, ſo ſendet man die Taube durch einen Bothen mit der Anfrage an die Behoͤrde. Mit der Antwort macht nun die Taube den Weg in einem Tage zu⸗ ruͤck, wozu der Bothe 6 Tage gebraucht haben wuͤrde. Um Aleppo und uͤberhaupt im Orient iſt dieſes ge⸗ braͤuchlich. Nicht ohne den beſten Erfolg haben ſich Hirtius und Brutus, ſo wie auch die Leidner und die Harlemer, der Poſttauben bey Belagerungen bedient. Auch mit Schwalben und Kraͤhen iſt ſchon das Naͤhmliche gelungen. Jetzt haben wir Fern⸗ ſchreiber oder Telegraphen, die noch geſchwinder ſind, und denen der Habicht nichts anhaben kann. Die Poſttaube iſt gehaͤubt, hat an der Schnabel⸗ wurzel eine ſehr höckerige Naſenhaut, die wie gepu⸗ dert iſt, und rothe, warzige Stellen um das Auge, faſt wie die tuͤrkiſchen Enten. Ihr Geſieder iſt dun⸗ kel, ihre Größe anſehnlicher, als der vorigen, und ihr Vaterland Arabien, Perſien, die Tuͤrkey. Sie entfernt ſich von ihrem Stalle hoͤchſt ungern, und wird,
Die Purzel⸗Peruͤcken⸗Pfauentaube. 133
wird, da ſie im Locken ſehr geſchickt iſt, gern als Gelegenheitsmacherinn gebraucht.
Ein liedes niedliches Geſchoͤpf iſt das Moͤv⸗ chen (C. Turbita, le Pigeon cravate 50). Außer dem kleinen Wuchs zeichnen es die krauſen Federn an der Bruſt aus, die ihm ein allerliebſtes Anſehen geben. Auf ſeinen Fluͤgeln trifft man mehrmals eis nen rothen, oder blauen Schild an. Nicht gern ver⸗ miſcht es ſich mit andern. Gleichfalls klein und glatt am Kopfe iſt die Purzeltaube (C. Gyratrix, le Pigeon culbutant, der Tuͤmmler 31). Ihre Au⸗ gen umgibt ein roͤther nackter Ring. Sie fliegt ſehr hoch und ſtuͤrzt unter lauter Purzelbaͤumen herab. Der geuͤbteſte Raubvogel wird an ihr zu Schanden, Indem er ſchnappen will, macht ſie einen Purzler, der ſie rettet. Groͤßer und von gravitaͤtiſchem An⸗ ſehen iſt die Peruͤckentaube (C. Cucculata, le Pi- geon nonain, Schleyer⸗Nonnen⸗Jacobinertaube 32), Ihr Gefieder lauft von der Muſchelhaube, wie ein ſte⸗ hender Halskragen oder Schleyer, nach der Bruſt zu. Dieſe Federn ſtehen verkehrt. Ganz ſonderbar ſieht die Pfauentaube (C. Laticauda, le Pigeon paon 33) mit ihrem faͤcherfoͤrmigen Schwanze aus, den ſie, wenn ſie verliebt iſt, unter manchen poßierlichen Gebehrden,
R 3 wie
134 Die Ninaeltaube, wie mehrere ſogenannte Zittertauben zu e a pflegen, entfaltet.
Eine eigne fuͤr ſich beſtehende Art, nicht eptel art der Haustaube, wie alle bisherigen, iſt die Ain⸗ geltaube (C. Palumbus, le Pigeon ramier, Holz⸗ Schlag- Ploch-Kohltaube 34), die ſich mit jenen freywillig nicht vermiiſcht. Sie liebt volle Frey⸗ heit, und lebt von Fichten-Tannen⸗ und Kiefern ſamen, Getreide, Beeren, Bohnen, Eicheln und kleinen Schnecken. Nach Gaudelouppe haben die reifen Körner des Campechebaumes eine ungeheure Menge Ringeltauben gelockt, deren Fleiſch von dieſer Speiſe ſehr fett und gewuͤrzhaft wird. Wenn fie fart find, fo kaun man unter die dichten Haufen ſo oft ſchießen, als man will. Sie huͤpfen bloß von Zweig zu Zweig, und ſchreyen bey dem Falle eines ihrer Bruͤder laut auf. Unter den einheimiſchen Tauben iſt die Ziingeltaube die größte, und hat einen etwas wilden Blick. Ein weißer, an der Kehle offner Halbmond um den Hals, den gold— gruͤne Federn umgeben, ein blaues, mit Aſchgrau gemiſchtes Gefieder, eine zumal bey dem Tauber hochrothe Bruſt, ein ſchmutzig weißer Unterleib, Fluͤgel und Schwanz mit weißen, blaulichen und
ſchwar⸗
Die Turteltaube. 135
ſchwarzen Federn, ein braͤunlicher Schnabel, mit roͤthlichen weißen Hoͤckern, und ſchmutzig rothe, faſt ganz befiederte Fuͤße, find ihr eigen. Sie kommt im Früͤhjahre zu uns und eilt im Herbſte waͤrmern Ge⸗ genden zu. In ſehr warmen Laͤndern iſt fie ein Standvogel. Zweymal im Jahre baut ſie auf die hoͤchſten Baume, am Liebſten auf Nadelholz, ein kunſtloſes Neſt, deſſen Flache dazu ſehr bequem iſt, damit die unerſaͤitlichen Jungen den Unrath leichter hinaus werfen konnen. Ste legt 2 auch 3 Eyer. An heitern Tagen girrt ſie ſehr ſtark, ſchweigt aber an trüben, Junge gemaͤſtete ſchmecken vortrefflich. Aber eben der Umſtand macht dieſe ohnehin nicht fruchtbare Art immer ſeltner.
Sehr beliebt, und um ein merkliches kleiner, iſt die Turteltaube (C. Turtur, la Tourterelle, We⸗ getaube 85). Ihre Scheitel und ein Theil des Ober⸗ halſes iſt blaulich, nach unten zu dunkler und ſchmu⸗ tziger. An den Seiten des Halſes iſt ein ſchwarzer Fleck mit weißen Strichen. Die Bruſt iſt fleiſch⸗ roth; die ſchwaͤrzlichen Deckfedern find bey dem Tau⸗ ber roth⸗ bey der Taͤubinn roſtbraun eingefaßt. Die obern Schwungfedern ſind blaulich, die laͤngern ſo wie der Schwanz ſchwarz; letzterer weiß eingefaßt.
Ueberall
136 Die Turteltaube. ueberall wohnt dieſes freundliche Thier und lebt von Fichtenſamen, Getreide und Geſaͤme. Auf den Suͤdſee⸗Juſuln fand man fie fo zahm, daß fie ſich Ä auf Menſchen, als auf Baumzweige ſetzten, und mit einem Stode in Einem Nachmittage wohl 6 Ds tzend erlegen konnte. In Deutſchland hat man ſie und die Lachtäube, die oft faͤlſchlich hren Nahmen fuͤhrt, gern als Stubenvogel, und bekommt von bey⸗ den eine Baſtardart. Sie iſt aͤußerſt zahm, umgaͤng⸗ lich und verliebt. Noch mehr Grimacen als der ges meine macht dieſer Tauber, buͤckt ſich unter hetz⸗ brechenden Seufzern wohl 18 — 20 Male vor ſeiner Taͤubinn und berührt dabey mit feinem Schnabel die Erde oder den Baumzweig. Erſt thut fie ſproͤde. Aber bald verrathen einige ſaufte Töne, was in ihr vorgeht. Hat ſie einmal eingewilligt, ſo ſcheint ſie nun durch zuvorkommende Liebe ihren Gatten fir ihre vorige Kälte entſchaͤdigen zu wollen, bis die Sorge für ihre Familie fie zu wichtigern Beſchaͤſtik gungen abruft. Ihre Keuſchheit iſt erdichtet, und ihre Treue verdaͤchtig, da ihr jeder Tauber willkom⸗ men iſt. Ihre Rückkehr zu uns iſt ein ſichres Zei⸗ chen, daß der Winter ganz zu Ende iſt. Sie ſucht kuͤhle, dicke Waͤlder und macht auf niedrige Baͤume und
Die Lachtaube. 137
und Geftränche ein Neſt von Reiſig, das der Wind gar oft zerſtoͤrt. In den § Monaten, die ſie bey uns ſind, paaren ſie ſich, niſten, bruͤten und erziehen ihre Jungen fo weit, daß fie ſchon im Auguſt die große Reiſe mit ihnen antreten konnen. l Eher kleiner als ſie, iſt die aus Indien ſtammen⸗ de Lachtaube (C. Riſoria, la Teurterelle d collier 86), die oft ein ſchallendes Gelaͤchter aufſchlaͤgt. Sie iſt weiß, bläulich auch ſemmelfarb, meiſt ein: faͤrbig und zeichnet ſich durch einen ſchwarzen, halb⸗ mondformigen Flecken um den Hals aus. Ihre Reinlichkeit und Vertraͤglichkeit macht ſie dem Men⸗ ſchen werth, deſſen Krankheiten ſie zwar erbt, aber — nicht heilt. — Und nun noch einige Blicke auf auslaͤn⸗ diſche Tauben, unter denen ſich die Heine Pompa⸗ dourtaube (C. Pompadora, Pompadour Pigeon 87) in Ceylon auszeichnet. Sie hat eine hellblaue Scheitel, graulich blauen Schnabel, den ein hoch⸗ gelber Kreis umgibt, einen blaßgruͤnen Ruͤcken und Unterleib. Die Fluͤgel ſind hoch Pompadourfarbe, und die vordern, ſchwarzen Schwungfedern haben eine ſchoͤngelbe Einfaſſung; die Füße find hellroͤth⸗ lich. Auf einer Art von Feigenbaͤumen, deren Fruͤch⸗ Voͤgel II. Theil. S te
138 Die Kronen und guineiſche Taube, i
te ihre Nahrung ſind, nie auf der Erde, halten ſich dieſe Tauben auf. Um ihres ſchmacthaften xleiſches
willen fängt man fie häufig auf Leimruthen. Faſt ſo groß wie ein Truthuhn iſt die auf Banda einheimiſche Kronentaube (C. Coronatay le Bi- geon couronne 58 ). Vom ſchwarzen Schnabel lauft ein dunkler Zuͤgel durch die Augen nach der Scheitel hin. Die immer aufgerichtete Krone bes ſteht aus einem Federngewebe von lauter abgeſon⸗ derten gekraͤuſelten Bartfaſern. Die Hauptfarbe des ganzen Vogels iſt blaulich aſchgrau; der Ruͤ⸗ cken und die obern Fluͤgeldeckfedern ſind rothbraun; einige unter ihnen ſtehende 1 weiß mit rothbrau⸗ nen Flecken; die übrigen wie die Hauptfarbe. Die Fuͤße ſind weiß mit rothen Flecken. Wenn der Tau⸗ ber ſich feiner Taͤubinn naht, fo. fell er ein Blöcken hoͤren laſſen, und den Kopf gegen die Bruſt ziehen. Schon zum oͤftern hat man dieſe Voͤgel nach Europa gebracht. Sie bauen auf Baͤume, und legen weiße Eyer. In Oſtindien halt man fie als Haus vogel. Auch die guineiſche Taube (C. Guinea, le Pigeon A taches triangulaires 59), die ſich durch weiße, dreyeckige Flecken auf den Fluͤgeln, eine rothe Haut um die Augen, goldaͤhnliche Augenringe, ein ſchö⸗ 3 nes
Die ſchwarzgehaubte u. Sperlingstaube. 13€ *
nes Blaugrau, ſonderbare Spitzen der Federn am Halſe, roͤthlichbraune Ruͤcken⸗ und Deckfedern fe ſehr auszeichnet, verdient Erwaͤhnung. 4
Auch grüne Tauben gibt es. Unter dieſe gehört die fi chwarzgehaubte Javaniſche (C. Me- Janocephala, le Pıgeon d calotienoire6o), Sie iſt | vorn am Kopf und an der Kehle weiß, hat aber auf dem Hinterkopf eine ſchwarze Platte. Ein an⸗ genehmes Grün iſt die Farbe ihres Gefieders, die großen Schwungfedern find dunkel purpurroth. Der hintere Unterleib iſt gelb.
Die kleinſte aller Tauben ſoll den Beſchluß ma⸗ chen. Nicht viel großer, als eine Lerche, iſt die Sper⸗ lingstaube (C. Faflerina, le Kokozin, la petite Tourterelle, die Jalouſietaube 61). Ihre Farbe iſt am Kopf, dem Leibe und den Fluͤgeln aſchgrau braun, die Bruſt ſchillert purpur farbig, der Schwanz iſt braun, die beyden mittelſten grauen Federn ausge⸗ nommen. Sie leben von Beeren, gehen immer paarweiſe, und ſind gar nicht ſchuͤchtern und leicht zu zaͤhmen. Das Fleiſch der Jungen ſchmeckt ſehr gut, und ſoll die Kraft haben, den Frauenzimmern, die ohne ihr Wiſſen davon eſſen, die Eiferſucht zu ver⸗ treiben. Wäre dieſes laͤcherliche Vorgeben fo ger
S 2 gruͤn⸗
*
140 Die Tabea. gründet, als man im gemäßigten und heißen Ame⸗ rika, der Heimath dieſer Voͤgel, es glaubt, fo haͤtte man ſicher dieſes nuͤtzliche Voͤgelchen auch in Eu⸗ ropa einheimiſch zu machen geſucht.
Ueberſeyen wir nun noch am Schluße dieſer merkwuͤrdigen Vogelgattung ihren Nutzen oder Scha⸗ den; ſo koͤnnen wir zwar nicht laͤugnen, daß ſie zu⸗ weilen ganze Stellen auf dem Saatfelde kahl freſſen, reife Aehren aufbrechen, Strohdaͤcher zerwuͤhlen. Doch freſſen ſie gemeiniglich nur die freyliegenden Koͤrner, die ohnehin nicht gewurzelt haben wuͤrden. Ueber⸗ dieß ziehen ſie den Samen eines gewiſſen, ſehr ver⸗ derblichen Unkrauts dem Getreide vor, und befreyen die Aecker davon. Auf den Leinfeldern find fie vol⸗ lends unſchuldig. Sie freſſen freyliegenden Lein⸗ ſamen, aber weniger zum Schaden der Menfchen, als zu ihrem eignen. Der keimende Lein ſame ballet fi in ihrem Halſe zuſammen, woran ſehr viele ſter⸗ ben. Die Felder ſelbſt leiden ſo wenig dabey, daß Zorn gerade auf denen den fchönften, laͤngſten Flachs fand, wo die Tauben ſich einzufinden pflegten. In der That erſetzen ſie den Schaden, den man durch Einſperren zur Saat- und Erntezeit verhuͤten kann, reichlich. Der Taubeuſchlag iſt auf dem Lande, wo fri⸗
ſches
Die Taube. 141
ſches Fleiſch im Sommer fo ſchwer zu bekommen und aufzubewahren iſt, ein ergiebiges Speifegewölbe, Das Fleiſch der Jungen iſt, obgleich ſchwarz, doch zart und ſaftig und wird faſt von allen Nationen gern gegeſſen. Br uns iſt es zwar unter fo vielen Speiſen nur Eine mehr. Aber z. B. foͤr die Bewohner der Bahamiſchen Inſuln, denen ihre nackten Felſen ſo wenig nahrhafte Speiſen anbiethen, iſt es wahres Beduͤrfniß. Nur die Ruſſen eſſen es nicht. Dieß erfuhr ein Reiſen⸗ der auf folgende Art. Er befahl ſeinem Bedienten, ihm zum Eſſen Tauben zuzurichten. Wie verſteinert ſtand der Kerl da. Dreymal wiederhohlte der Herr ſeinen Befehl. Wie? Tauben — Tauben wollen ſie eſſen? rief der Bediente. Ja Tauben will ich. Jetzt machte der arme Menſch drey Kreuze, ſegnete ſich aus allen Kräften und rief mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzens — Sie wollen den heiligen Geiſt eſſen? Er gieng nun hinaus, und brachte keine Tauben, da man ſie um jenes Symbols willen durchaus nicht eſſen darf.
Sehr wirkſam iſt der ungemein hitzige Tau⸗ benmiſt, wenn er duͤnn aufgeſtreut wird. Halb abgeſtorbne Baͤume kann man durch reichliche Be⸗ duͤngung mit demſelben wieder ins Leben zuruͤckbrin⸗
S3 gen.
gen. In Frankreich wiſſen die Baͤcker aus dieſem Miſt eine Lauge zu Einmachung des Semmelnteiges zu bereiten, wodurch die Semmeln vorzüglich (mad: haft werden. Er ſteht daſelbſt in Einem Preiſe mit der Gerſte. In Holland wird er zum Tobacks bau ſehr geſucht, und der Scheffel mit 1 Thlr. bezahlt. Nur muß man, wenn der Miſt wirkſam ſeyn ſoll, ihn vor Wind, Regen und Sonne bewahren. Auch Vorſichtigkeit iſt noͤth e, daß nicht brennbare Sachen in der Naͤhe liegen, ſonſt entzuͤndet er ſie. So brann⸗ te ein vortrefflicher, hoher Thurm vom Caſtell der Japaniſchen Stadt Surunga bloß durch die Menge des ſich auf dem ſelben anhaͤufenden Taubenmiſtes ab.
Ein ſehr gemeines Opfer bey den Juden waren Tauben. Hiebey ſah der Geſetzgeber wohl mehr auf ihre Wohlfeilheit, als ihre geprieſenen Tugenden. Keinem Thiere widerfuhr in der Kirche ſo viel Ehre, als der Taube. Von Gold und Silber wurde ihr Ebenbild verfertigt, um zum Behaͤltniſſe gewiſſer Heiligthuͤmer zu dienen. Ueber Altaͤren, Taufſtei⸗ nen, Kanzeln, über den Grabftätten der Märtyrer und ſelbſt in den Haͤuſern haͤngte die Andacht ihr Bildniß auf. Auch die Medicin hat ſich, wie leicht zu erachten, dieſes Vogels bemaͤchtigt, und in ihm
eine
Zub. LI II.
Der Ochſenhacker. 143
eine Menge kraͤftiger Heilmittel entdeckt, die unfre Aerzte, Gottlob! nicht mehr aus Taubenſchlaͤgen hohlen. & 2 Doch genug von den uns ſo nuͤtzlichen und wer⸗ then Hausvoͤgeln, vom ſtolzen Pfaue, bis zur beſcheid⸗ nen Taube herab. Dürfen wir am Schluſſe dieſer Ordnung, aus der ſo viele Tauſende, ja Millionen jaͤhrlich geſchlachtet werden, noch ein Vorwort für dieſe Geſchöpfe einlegen, ſo waͤre es, ihre Todesart ſo wenig als moͤglich grauſam zu machen, und ih⸗ nen die Angſt, die jedes lebende Weſen in den letzten Augenblicken anwandeln muß, zu verkuͤrzen. Man ſpotte daruͤber nicht, als uͤber eine zu weit getriebene Empfindſamkeit! Es iſt ein für allemal eines vernuͤnf⸗ tigen, denkenden Menſchen hoͤchſt unwuͤrdig, irgend einem Geſchoͤpfe zwecklos auch nur eine Seeunde Leiden zu verurſachen. Genießen duͤrfen wir im Reiche der Natur, aber nie unnuͤtz quälen,
— —
Tab. XV III. Der chſenhacker(62) Der Madenfreſſer (oz) Der Cucurucuru (04) Das Blauauge (65) Eine neue Ordnung von Voͤgeln, naͤhmlich die ra⸗ benartigen (Coraces), fangen wir jetzt zu bes.
ſchrei⸗
144 Der Ochſenhacker. ſchreiben an. Einen ſtarken, oben erhabnen Schna⸗ bel von mittelmaͤßiger Große und kurze Füße haben alle gemein. Ihre Nahrung beſteht in Getreide, f Pflanzen, Samen, Inſecten und Aas. Die Mei⸗ ſten haben ein unſchmackhaftes, wilberndes Fleiſch. Auch in dieſer Ordnung werden unfre Leſer Vögel kennen lernen, die die Schönheit des Gefieders, Kunſttriebe und Sitten merkwuͤrdig genug machen, und mancher hoͤchſt verſchrieene Raͤuber wird ihnen als ein Wohllhaͤter der Menſchheit erſcheinen. Eine Gattung für ſich macht der afrikaniſche Ochſenhacker (Buphaga africana, le pic boeuf 62) aus, die der faft vierkantige Schnabel mit den nach außen zu erhöhten Kinnladen kenntlich genug macht. Er iſt ungefähr fo groß als eine Lerche und hat Lauf⸗ fuͤße. Sein Schnabel iſt von der Wurzel an gelb, vorn aber roth, zuweilen ſchwarz. Der ganze Ober- leib iſt graubraun, der Unterleib gelb. Die Federn des keilfbrmigen Schwanzes find alle etwas zuge⸗ ſpitzt, die Fuͤße braun. Er wohnt am Fluße Sene⸗ gal. Hier wird er ein Wohlthaͤter des Rindviehes. Da er die Larve der Ochſenbremſe vorzuͤglich liebt, ſo ſetzt er ſich auf den Ruͤcken der Ochſen, und hohlt die Larven jenes Quaͤlgeiſtes aus der Haut hervor, i | in
# 4,
Der Madenfreſſer. 145
in die die ſorgfaͤltige Mutter das Ey verſteckt hatte,
um ihren Nachkommen ein gutes Lager zu bereiten. Sie dachte wohl nicht, daß ſie hler einem Vogel, den fein Inſtinct hinfuͤhren würde, eine angenehme Speiſe hinlege.
Ganz anders als der Ochſenhacker ſehen die drey Madenfreſſer-Arten aus, deren Charaktere ein zuſammengedruͤckter, halb eyrunder, ſtark gebog⸗ ner, am Rüden meſſerformiger Schnabel, durch⸗ ausgehende Naſenldcher und Kletterfuͤße ſind.
So groß wie eine Droſſel iſt der afrikaniſche Madenfreſſer (Crotophaga ani, le Bout de pe- tun 63), der in Afrika und Amerika angetroffen wird. Ganz ſchwarz iſt fein Gefieder, nur hat es hie und da eine violette, am Halſe aber eine grüne liche Spieiung. Um die Augen und die Schnabel⸗ wurzel bemerkt man ſtarke Borſten und ſehr lang iſt der keilformige Schwanz,
In Abſicht ihrer Fortpflanzung und Nachkom⸗ menſchaft leben die Madenfreſſer in einer Art von
Republik, was bey Voͤgeln etwas Seltnes iſt. Die
ganze Schar, von oft mehr als 50 Paaren, die ſich zuſammenhalten, baut ein großes Neſt in Hecken und Gebuͤſche. In dieſes legen alle Weibchen, und
Voͤgel II. Theil. T zwar
N 9 146 Der Madenfreſſer. zwar zwey⸗ auch dreymal im Jahre, ihre meergruͤnen, am Ende gefleckten Eyer, ſetzen ſich dann nebenein⸗ ander, und leben ſo in ihrer großen Wochenſtube ganz friedlich beyſammen. Mützen fie des Futters wegen die Eyer verlaͤſſen, fo werden dieſe ſorgfaͤltig mit Blaͤttern bedeckt. Sobald die Brut ansgeſchlof⸗ fen iſt, fo haben die Alten die Hände voll zu thun, um in eine fo bevölkerte Kinderflube Futter genug zu liefern. Fruͤchte, Koͤrner, Wuͤrmer, Inſecten, be⸗ ſonders aber die Müben, die ſich in die Ochſenhaut einfreſſen, ſind ibre Nahrung. Wirklich ſollen auch die Ochſen, wenn ſie Madenfreſſer ſehen, ſich nie⸗ derlegen, damit dieſe recht gemaͤchlich die Milben heraushohlen koͤnnen. Ohne eben ſchuͤchtern zu ſeyn, werden ſie doch ſehr laut, wenn ſie Menſchen ſehen. Durch dieſe unnuͤtze Geſchwaͤtzigkeit verſcheuchen ſie die Thiere, denen der Jäger nachſchleicht; denn ſie ſelbſt ſind um ihres ſtinkenden und ſchlechten Flei⸗ ſches willen keinen Schuß werth.
Alle Curucucuru, oder Baumhacker, deren Nahme ihrem Geſchrey gleicht, haben einen kurzen, dicken, am Rande gezaͤhuelten Schnabel und Klet⸗ terfuͤße. Bisher ſind 9 Arten dieſer Gattung entdeckt. Sie ſind einſiedleriſche Voͤgel, die in di⸗
cken,
Der Curucucuru. 147
cken, feuchten Wäldern den Inſecten nachgehen. Auf etwas niedrigen, dickbelaubten Aeſten ſitzt das Männchen in einer gewiſſen Entfernung von feinem Weibchen, und immer hoͤrt man ihr melancholiſches Geſchrey, ohne fie ſelbſt gewahr zu werden. Ihr dickes Gefieder, das nach dem Alter ſehr verſchieden iſt, macht fie größer, als fie wirklich ſind. Sonder⸗ bar iſts, daß die Federn gar nicht tief in der Haut ſtecken, und ſehr leicht aus fallen. Daher iſt es ſchwer, dieſe Vögel auszuſtopfen. Ganz artige Gemälde, auch Putz verfertigen die Mexicaner aus dieſen Federn.
Nur den Curucucuru mit gelbem Bau⸗ che Trogon viridis, le Couroucou verd, a ventre jaune de Cayenne 64) konnen wir etwas näher be⸗ ſchreiben. Er iſt in Cayenne zu Hauſe, und wird, um einiger Aehulichkeit mit dem Kukuk willen, auch der gelbbaͤuchige Kukuk genannt. Er hat ein ſchoͤnes Gefieder. Eine violette Scheitel mit etwas Gold⸗ gruͤn, eine ſchwarze Larve mit e einem ziemlichen Bart um den graulichen Schnabel, ein goldgruͤuer Ruͤcken, von dem aus um die Bruſt ein ſolches Band geht, unter welchem die den Unterleib bedeckende Orange⸗ farbe aufaͤngt, ein langer ſchwarz und weiß gefleck⸗
T 2 ter
148 Das Blauauge. | ter Schwanz, die zwey grünen Mittelfedern mit ſchwarzen Enden ausgenommen, ſchwaͤr liche Fluͤ⸗ gel, und eben ſolche bis an die Zehen befiederten Kletterfuͤße, das iſt es, was dieſes niedliche Ge⸗ ſchoͤpf auszeichnet. In der Grdße gleicht es der Schwarzdroſſel und ſeine Nahrung ſind Inſecten. Nur Eine Art hat die Gattung, die das Blauauge (glaucopis cinerea, 65) heißt. Sein Schnabel iſt gewoͤlbt, die obere Kinnlade laͤnger als die untere. Unter dieſer entſpringt ein orangerother Fleiſchlappen. Die Naſenlbcher bedeckt zur Hälfte eine knorpelartige Haut wie ein Deckel. Aeußerſt ſonderbar iſt die mit Haͤrchen beſetzte Zunge. Sie iſt wie ein Knorpel, und hat vorn die Figur Nu faſt wie eine Säge. Das Blauauge hat Gange fuͤße; in der Größe kommt es der Aelſter gleich. Das ganze Gefieder iſt ſchwaͤrzlich grau, am Kopfe etwas dunkler, der Augenring ſchoͤn blau, die Hin⸗ terklaue länger als die vordere. Diefer Vogel lebt mehr auf der Erde als auf den Baͤumen, und frißt Beeren, Inſecten, auch kleine Voͤgel. Seine Stim⸗ me iſt bald ein Geziſch, bald ein Murren, das For⸗ ſter nicht unangenehm fand, ſein Fleiſch ſchmack⸗
haft, Neuſeeland ſeine Heimath. Tab.
S 140 Tab. XIX. & XX. Der Rabe.
Corvus, Je Cor beau. Der Kolkrabe. (66) Die Rabenkraͤhe. (67) Die Saatkraͤhe. (68) Die Nebelkraͤhe. (69) Die Dohle. (20) Die Bartdohle. (21) Der Holzheher. (72) Der Nußheher. (73)
Mei it und breit beruͤchtigt iſt die an Arten fo zahl⸗ reiche Gattung von Vögeln, die zum Geſchlechte der Raben gehören. Man betrachtet fie als eckel⸗ hafte, diebiſche Geſchoͤpfe, die die Welt leicht miſſen konnte. Ihre nicht zu laͤugnenden Raͤubereyen auf Feldern und ihre gierige Gefraͤßigkeit auf Hochge⸗ richten hat ein ſolches Vorurteil gegen ſie erzeugt, daß man den unuͤberſehbaren Nutzen, den ſie durch Vertilgung des Aaſes und tauſend ſchaͤdlicher Thiere ſtiften, in gar keinen Anſchlag brachte, und ſie den ſchaͤdlichſten Raubthieren gleich behandelte. Es iſt um ſo mehr der Muͤhe werth, dieſe Vogelgattung nach den hauptſaͤchlichſten Arten näher kennen zu ler⸗ nen, da man, zumahl in unſern Gegenden, faſt je⸗ den ſchwarzen Vogel, den man auf einem Felde be⸗
T 3 merkt,
150 Der Kolkrabe. merkt, einen Raben nennt. Alle die 45 Arten, die zu ihr gehbren, haben einen erhabnen, runden, meſſerformigen Schnabel, deſſen Wurzel mit vor⸗ wärts liegenden Borſten beſetzt iſt, eine kuorpel⸗ artige geſpaltne Zunge und Gangfüͤße. ü Faſt in der ganzen Welt, vom Nord- bis zum Suͤdpole wohnt der Nolk⸗ oder gemeine Rabe (Corvus Corax 66), den ſeine Größe, in der er, die kurzen Füße ausgenommen, dem Kapaun gleicht, | unter feiner Gattung hinlaͤnglich auszeichnet. Sein ganzes Gefieder ſammt dem Schnabel und den Für ßen iſt dunkelſchwarz, und zeigen ſich hie und da auf dem Ruͤcken blaue und gruͤne Spielungen. Auch weiße und graue Raben hat man ſchon oͤfters, be⸗ ſonders in nördlichen Gegenden angetroffen. Im Jahre 1739 ſchoß ein Pole einen ſchneeweißen, den man als eine Seltenheit einbalſamirte. Je weiter nach Suͤden zu, deſto dunkler ſcheint auch das Gefie⸗ der des Naben zu werden. Sein Geiuch iſt außer⸗ ordentlich ſcharf und wittert das Aas meilenweit. Hinten walgenformig, vorn aber glatt und geſpalten und an den Seiten ſtachlich iſt ſeine unge. Lang, ſtark und mit 20 Schwungfedern verſehen ſind ſeine Fluͤgel; die Züge kurz. Er huͤpft nie, ſondern geht immer.
Der Kolkrabe. 151
immer. Sein Flug iſt hoch und kuͤhn. Stuͤrme
und Ungewitter hindern ihn darinn nicht. Der aus 12 Federn beſtehende Schwanz iſt keilförmig, und von der mittelſten ſtufenweiſe abnehmend. In der Hitze des Sommers lieben die Naben waldige Ge⸗ genden, im Winter aber kommen ſie in freye Ebnen. Sie haben auf Baͤumen und in Felſenhoͤhlen ihre Ru⸗ heplaͤtze, und leben in ziemlich zahlreichen Geſell⸗ ſchaften. Wo fie einmal ihr Fortkommen finden, da bleiben ſie immer. Ihre Ehe ſoll ſehr zaͤrtlich und treu ſeyn. Auf die hoͤchſten Baͤume bauen ſie ihr Neſt, das aus Reiſern, mit Wolle, Haaren und Wurzelfaſern ausgefuͤttert, beſteht, und oft mehrere Jahre Dienſte thun muß. In dieſes legen die Weib⸗ chen im März 3 — 5 ſchmutzig blaßgruͤne, dunkelge⸗ fleckte und geſtrichelte Eyer, faſt ſo groß wie die von gemeinen Hennen. Dieſe bebruͤten ſie, mit ihren Maͤnnern abwechſelnd, ungefaͤhr 20 Tage, waͤhrend welcher Zeit die letztern reichlich fuͤr Futter ſorgen. Die Jungen ſind zuerſt weißlich, und werden aus dem Kropfe ihrer Eltern im Anfange mit Inſecten und Wuͤrmern, und dann mit Eyern, Vögeln und Maͤuſen gefuͤttert. Muthig gehen die Naben den ihrem Neſte drohenden Weihen zu Leibe. In 14 Tagen ſind
152 Dier Kolkrabe. .
find die Jungen fluͤgge. Ihre erſtaunliche Gefraͤßig⸗ keit macht den Alten viel Mühe, Und doch, fo treu dieſe das Ihrige thun, ſchreyen ſie immer heiß⸗ hungrig. Eben darum werden ſie ſehr bald im Flie⸗ gen unterrichtet, und ihrem Schickſale uͤberlaſſen. Sie erreichen ein hohes Alter, und dann ſoll das Schwarz ihres Gefieders etwas gelblich werden. Man weiß ganz zuverlaͤßig von Raben, die uͤber hundert Jahre alt wurden, und ohnweit Ronda in Spanien fand ſich dreyhundert Jahre hintereinan⸗ der immer derſelbe Rabe ein. Er war an en weißen Federn kenntlich genug, 5 Alles nur erfinnliche Böͤſe hat man dem na⸗ ben nachgeſagt. Man ſah ihn fuͤr den ſchaͤndlich⸗ ſten Raubvogel an, der in Schindgruben und bey Aeſern am Liebſten ſeine Nahrung ſuche, und be⸗ ſchuldigte ihn ſogar, er falle Ochſen an, daher das Rindoieh ſein natuͤrlicher Feind ſeyn ſoll. Moͤglich iſts, daß fein Geſchmack an Inſecten ihn auf dem Rüden eines Ochſen gefuͤhrt, wo er dann etwas unſanft ge⸗ hauen haben kann; moͤglich, daß ſeine Sucht, nach glaͤnzenden Dingen zu hacken, ihn verleitet hat, Ochſen und Schafen nach den Augen zu ſchnappen; daß er fie aber abſichtlich anfreſſe, iſt nicht zu glau⸗ ben.
1
Der Kolkrabe. 153
ben. Ein unverſchaͤmter Freybeuter iſt er allerdings. Er ſtiehlt ziſche, Krebſe, Hafen, Enten, ohne daß eigentliches Beduͤrfniß ihn zum Blutvergießen nd: thigte, denn er kann auch Inſecten, Samen, Ge⸗ treide und Fruͤchte genießen. Man will zwey Ra⸗ ben, die ſich zu verſtehen ſcheinen, gemeinſchaftlich auf einen Haſen Jagd machen geſehen haben, ja man verſichert, ſie fallen die mit Wunden bedeckten Pferde auf dem Felde an. Ju Island ſtiehlt der dreiſte Rabe dem Gefluͤgel ſein Futter, hackt neugebornen Laͤmmern, ehe fie noch ganz aus Mutterleibe find, nach den Augen, und pluͤndert das Neſt des Eidervo⸗ gels. Oft frißt er ſeine eignen Eyer, ja wohl die aus dem Neſte gefalnen Jungen, verzehrt in einem harten Winter ſeine Bruͤder, die ein Schuß oder ſonſt ein Zufall wehrlos machte, und zerreißt Papiere, ja ganze Buͤcher, deren er habhaft werden kann. Schalthiere laͤßt er auf einen Felſen fallen, um das Thier heraus zu bekommen, und einſt ſah ein glaub⸗ wuͤrdiger Beobachter, wie ein Rabe eine Nuß wohl zwanzigmal hintereinander herabfallen ließ, um die Schale zu zerbrechen; was aber dem einfaͤltigen Thiere nicht gelang, weil es den Verſuch uͤber einem Acker machte. Er zerbricht Fenſterſcheiben, löst das
Voͤgel II. Theil. u Bley
1854 Der Kolkrabe. Bley ab, zerreißt Vorhaͤnge und bricht Blumen ab. Er ſoll, wie der Eisvogel, Graͤthe, Knochen, Kirſch⸗ kerne und Stiele nach der Mahlzeit wieder von ſich geben. Oft errettet er die ſchuͤchterne Taube von der Verfolgung des Habichts und — frißt ſie ſelber. Oft aber verſchafft er ihr dadurch, daß er den Ha⸗ bicht beſchaͤftigt, Gelegenheit zur Flucht. Gegen den Adler bleiben die Raben immer in einem ge⸗ wiſſen Reſpect, und ſchließen oft einen Kreis um ihn. Furcht ſcheint aber der Rabe nicht zu kennen; wenigſtens war einſt bey einer franzoͤſiſchen Armee einer, der beſtaͤndig anf den Canonen, waͤhrend dem Abfeuren derſelben, ſaß. 5
Die breite Zunge macht den Raben geſchickt, die Sprache des Menſchen nachzuahmen, was man durch Löſung des Zungenbandes noch zu befoͤrdern glaubte. Bekannt iſt der Rabe im ehemaligen Rom, der dem ſiegreich zuruͤckkommenden Kaiſer zurief: Ave Cæſar, Victor, Imperator. Ein anderer war daſelbſt, der den Tiberius, Germanicus, Druſus und das roͤmiſche Volk namentlich gruͤßte. Einſt bewarf er einem Schuſter die Schuhe, die er in der Hand trug, mit Koth. Der erzuͤrnte Schuſter toͤd⸗ tete den Virtuoſen. Jetzt brachte das Volk den
Schu⸗
Der Kolkrabe. 155
Schuſter um, und hielt dem Raben ein praͤchtiges Leichenbegaͤngniß. In Sachſen wird man nicht ſel⸗ ten mit dem Zuruf: Dieb und Spitzbub, von den Ra⸗ ben empfangen, die man in Wirths haͤuſern zur Luft haͤlt. Ein hungriger Rabe pflegte den Koch im Hauſe immer bey ſeinem Nahmen Conrad zu rufen, wenn er ihn füttern ſollte, und ein andrer Rabe ant⸗ wortete auf die Frage, wer biſt du? immer: Herr Rab. Von einem poſſierlichen Auftritte war einſt Goͤze Zeuge. Ein Rabe, der „ wacker Rabe, wer biſt du?“ ſagen konnte, ſpazirte einſt im hohen Graſe im Garten des Hauſes. Ein Hüͤhnerhund ſchlich hinzu, und ſtand, als ob er ein Volk Feldhuͤhner vor ſich haͤtte. Ploͤtzlich ſagt der Rabe zum Hunde: Wer biſt du? Eiligſt ergriff der Hund die Flucht.
a In einigen Laͤndern nehmen die Geſetze den Ra⸗ ben in Schutz, weil er das Aas fortſchaft; in andern erklaͤren ſie ihn, um ſeiner Raubſucht willen, fuͤr vo⸗ gelfrey. Man haͤlt ihn, beſonders dann, wenn er ſo ſchluchzt, als ob ihm die Kehle zugeſchnuͤrt wuͤrde, fuͤr einen Ungluͤck verkuͤndenden Vogel, der auch, wie die Sage geht, dem Cicero und Alexander, den nahen Tod verkaͤndigt haben ſoll. Sein melancholi⸗ ſches Cras, Cras⸗Schreyen zeigt entweder die Nähe
u 2 eines
'156 Die Nabenkraͤhe. eines Aaſes, oder die Aenderung des Wetters an. Die, die ihn für einen Zukunftspropheten hielten, haben ſich die unſelige Mütze gegeben, feine Stim⸗ me fo genau zu beobachten, daß fie 64 verſchiedne Arten des Kraͤchzens deren jede ihre eigne Deu⸗ tung hatte, zu entdecken glaubten. Ja es gab Meuſchen, die, um Propheten zu werden, das Herz und die Eingeweide der Raben aßen.
Die Groͤnlaͤnder fangen die Raben mtt den Haͤn⸗ den. In eine Schneehoͤhle verſteckt, deren Oeffnung nur ſo leicht mit Schnee bedeckt iſt, daß ſie hineinſin⸗
ken, lauern fie auf den nach der Locktpeſſe gehenden | Vogel. Nabenfteiſch effen ſelbſt die Wilden nicht.
Nur der aͤußerſte Mangel kann ſie dazu bringen. In
dieſem Falle wird die lederartige Haut abgezogen.
Die ſtaͤrkern Federn benuͤtzt man zum Schreiben,
Zeichnen und zum Bekielen muſicaliſcher Jnſtrumente.
Kleiner und von etwas andern Sitten, iſt die
Nabenkraͤhe (C. Corone, la Corbine, Corneille,
ſchwarze, gemeine Kraͤhe 67), uͤbrigens aber, die mehr
braunen als ſchwarzen Fluͤgel und den ganz zugerun⸗ deten Schwanz ausgenommen, dem Kolkraben ſehr aͤhnlich. Das Weibchen, das uͤberhaupt bey dieſer
Gattung ſchwer zu kennen iſt, unterſcheidet ſich von
ihrem
Die Rabenkraͤhe. 157
ihrem Manne bloß durch den mindern Glanz des Ge⸗ fiederz. In großen Wäldern find die Rabenkraͤ⸗ hen Standodgel, in kleinern Strichvdgel; als ſolche
ziehen ſie mit den Dohlen und Saatkraͤhen ihrer Nah⸗ rung nach. Sie ſind ſo geſellig, daß man auf Einem Baume oft mehr als 20 Neſter antrifft. Alles konnen
fie freſſen: Fiſche, Vogel, Inſecten, Würmer, Eyer,
Unrath, ee Samen, Früchte. Sie verſcharren die
Ueberbleibſel ihres Raubes, ſehen dabey ſorgfaͤltig um, ob Niemand zuſieht, und legen, wenn ſie im Weg⸗ fliegen bemerkt haben, daß noch etwas aus der Erde
hervorrage, noch mehr Blätter, Moos u. d. darauf.
Unzaͤhlige Krebſe tragen ſie in ihre Neſter, und oft
ſucht der Jaͤger die angeſchoßnen Enten umſonſt, weil
ihm die liſtigen Kraͤhen zuvorgekommen ſind. Ihre
Einigkeit im Theilen des Raubes mag das Sprich⸗
wort: Keine Kraͤhe h ackt der Andern die Angen aus, veranlaßt haben. Sie folgen dem wflüͤger auf dem
Fuße nach, leſen Würmer und Erbinaten auf, zer⸗ |
ſtoͤren eine Menge Feldmaͤuſe, denen fie aufpaſſen, freſſen Grillen und Heuſchrecken, und erſetzen dadurch
den Schaden, den fie durch den Raub fo vieler Reb⸗
huͤhner⸗Eyer, die fie aͤußerſt geſchickt zu ſchießen und 1 verſtehen, anrichten. Sie find faſt u 3 uͤber⸗
158 Die Rabenkraͤhe. überall, im Norden etwas ſeltner, in Suͤden allges mein verbreitet. Ihre Ehebuͤndniſſe ſollen fie auf
Zeitlebens ſchließen und im Falle der Trennung im
Wittibſtande bleiben. Ihr Neſt iſt aus Dornen und Zweigen ſorgfaͤltig geflochten, mit Erde und Pferdmiſt verkuͤttet, und mit Wurzelfaſern ausge⸗ fuͤttert. Sie legen 5 — 6 gefleckte Eyer. Reich⸗ lich naͤhrt das gute Ehepaar die Jungen und verthei⸗ digt ſie muthig. Oft bezahlt die Weihe ihren An⸗ griff auf ſie mit dem Leben; aber noch oͤfter be⸗ maͤchtigt ſich der kleinere doch kuͤhnere Wuͤrger der⸗ ſelben. Auch die Kraͤhe lernt ſprechen. So wie die vornehmen Tuͤrken mit Falken und Sperbern Voͤgel fangen, ſo bedienen ſich die geringern hiezu abgerichteter Kraͤhen. Ihre Schlauigkeit und ihr ſcharfer Geruch macht es ſchwer, ſie zu fangen. Al⸗ lein welches Thier kann ſich vor dem Scharfſinne der Menſchen retten? Man lockt ſie durch einen Uhu, mit dem ſie gern ihren Spaß haben, auf mit Vogelleim beſtrichne Zweige, oder in den Schuß; man wirft ihnen Sumpfbohnen hin, in denen ein Stuͤck einer verroſteten Nadel verſteckt iſt, oder man beftreicht den Rand von Papier duten, in denen etwas Fleiſch zu liegen pflegt, mit Vogelleim. Indem ſie
| nach
—
Die Saatkraͤhe. 159
nach demßleiſche ſchnappen, bleibt die Kappe an ihrem Kopfe kleben. Sie ſteigen damit in die Höhe, wo fie bald ſchwindlig werden und herabſtuͤrzen. Am ſelt⸗ ſamſten iſt folgende Art, eine Kraͤhe lebendig durch eine ihrer Schweſtern zu fangen. Man befeſtigt eine lebendige Rabenkraͤhe mit zwey halbeirkelfoͤrmigen Hacken fo an die Erde, daß fie auf dem Rüden liegt. Ihr erbaͤrmliches Geſchrey lockt nun eine Menge her⸗ bey, die ihr helfen wollen. Die Gefangne ergreift mit dem Schnabel und den Fuͤßen die, die ihr am naͤch⸗ ſten kommt, haͤlt im Drange ſich loszumachen ſie fett, und liefert fie fo dem Vogelfaͤnger in die Haͤnde. Solche Kunſtgriffe, Thiere zu fangen, muͤßen nothwendig den geſelligen Tugenden derſel⸗ ben Abbruch thun, und ſie beym Huͤlferufen der Geſchöpfe ihrer Art mißtrauiſch machen.
Ihr ſehr aͤhnlich an Geſtalt, Farbe und Größe iſt die Saatkraͤhe (C. Frugilegus, le Freuæ, la Frayonne, Ruck⸗Nacktſchnabel 8), nur hat fie eis nen laͤngern und duͤnnern Schnabel. Dieſen umgibt an der Wurzel eine ſchuppige, weißliche Haut, die bis an die Kehle herabgeht. In ihr entdeckt man kleine, unvollkommne Kiele, die faſt auf die Vermuthung fuͤhren, auch dieſe Rabenart habe, wie die uͤbrigen
Mit⸗
180 Die Saatkrähe.
Mitglieder dieſer Sattung, einen am Ende beſie⸗ derten Schnabel gehabt, dieſe Federn aber durch Futterſuchen ſo ab geſtumpft⸗ daß W nun ein Erbfehler aller geworden. F en In ungeheuren Geſellſchaften, wahrſcheinlich um dem Raubvogel Reſpect einzuflößen, halten ſich die Saatkraͤhen zuſammen. Wenn ein Flug ſolcher unbeſtellten Schnitter auf einen Acker faͤllt, ſo kann f man ſich vorſtellen, daß es ohne betraͤchtlichen Scha⸗ den nicht abgehe. Inzwiſchen nehmen einige ſie ge⸗ gen den Vorwurf der Schaͤdlichkeit in Schutz, und behaupten, ſie ſeyen durch Vertllgung vieler Millio⸗ nen Inſecten, Larven, Wuͤrmer, und der ſo verderb⸗ lichen Kornmaden höoͤchſt nuͤtzlich. Wirklich gehen auch ſie fleißig hinter dem Pfluge her, und leſen dieſe auf. Sie ſetzen ſich auf den Ruͤcken der Schweine, und freſſen die Feld maͤuſe, die ſie aufwuͤhlen. Außer dem ſchon genannten, dienen ihnen alle Getreidear⸗ ten, auch Erbſen und Kohlpflanzen, im Winter aber Aas und das, was ſie im Miſte finden, zur Nahrung. Hoͤchſt merkwuͤrdig iſt es, daß wenn irgendwo ſich ſchaͤbliche Naupen in ſo ungeheurer Menge ſehen laſſen, daß fie ganze Wieſen kahl zu freſſen drohen, und der Aberglaube ſchon von Zornruthen des Ewigen ſpricht,
Die Saalkraͤhe. 161
ſpricht, alſobald zahlloſe Schwaͤrme von Saatkraͤhen erſcheinen, als haͤtte ihnen Jemand Nachricht davon ertheilt. Ob das wohl auch der Zorn Gottes thut?
Gern in der Naͤhe bewohnter Gegenden wohnen die Saatkrahen und laͤrmen abſcheulich. Auf Ei⸗ nem Baume, der wenig Unterholz hat, zuweilen auch an den Giebeln alter gothiſcher Haͤuſer, niſten oft 16 — 20 Paare gemeinſchaftlich. Unter vielen Zaͤnkereyen flechten dieſe die e Crundlage aus Zwei⸗ gen, Dornen, Genifte, fo daß die Neſter zuſammen⸗ haͤngen und oft ſich auf den benachbarten Baum hinuͤber erſtrecken. Auf dieſer allgemeinen Grund⸗ lage behauptet jedes Paar ſeinen eignen Platz. Eins davon haͤlt immer Wache, indeß das Andere die Ma⸗ terialien zum eigentlichen Neſte hohlt. Ohne dieſe Vorſicht wuͤrde ein Nachbar dem andern das bereits Eingelieferte fehlen, Hier iſt nicht die friedliche Geſchaͤftigkeit, die in der Republik der Biber herrſcht. Hier iſt nur das Zuſammenwohnen einer Raͤuber⸗ horde, die die Furcht vor ihren Feinden verband. Wenn nun jedes Paar ſein Neſt aus Dornen und Reiſern vollendet, und mit Wolle, Moos und Haa⸗ ren ausgefuͤttert hat, dann wird Ruhe. Zweymal im Jahre vermehren fie ſich, und legen 4 — 5 dunkel⸗
Voͤgel II. Theil. x ges
162 Die Nebelkraͤhe.
gefleckte, gruͤnliche Eyer. Die Jungen, deren Fleiſch nicht übel ſchmeckt, werden aus dem Kropfe der Alten geſpeißt, und gern ziehen ſie dazu die auf⸗ gekeimten Zuckererbſen aus dem Erdreich. Weder der Habicht und die Eule, noch das Schießen unter fie halt fie ab, an dem gewohnten Orte wieder zu bauen; ſobald aber ein Rabenpaar ſich in ihrer Naͤhe haͤuslich niederlaͤßt, ſo wandert die ganze Colonie aus. Oft ſtellt die Tule der Saatkraͤhe auf den Kornboͤden nach; dafür aber läßt dieſe ihre ganze Rache die Eule am Tage fuͤhlen, wenn das blendende Sonnenlicht den Nachtvogel wehrlos macht, und geht darin den kleinern Voͤgeln mit ihrem Beyſpiele vor. Etwas groͤßer als die Vorige iſt die Nebelkraͤ⸗
he (C. Cornix, la Corneille mantelbe, graue Kraͤ⸗ he 69). Kopf, Kehle, Fluͤgel und Schwanz ſind ſchwarz mit blaulichem Wiederſchein; das Uebrige iſt grau. Um dieſes grauen Mantels willen hat ſie auch den Nahmen Nonne. Nicht ſelten finden ſich unter den Jungen weiße und weißbunte, die aber ſich nicht fortpflanzen, und, wenn ſie im Hauſe erzogen werden, dieſen Aufenthalt, auch wenn ſie volle Frey⸗ heit dazu haben, nie wieder verlaſſen. Sie iſt im noͤrdlichen Europa haͤufiger, und ſteht da in großer, nicht
Die Nebelkraͤhe. 163
nicht ganz unverdienter Verachtung. Den Winter uͤber bleibt ſie oft bey uns, und ſucht dann auf Gaſ⸗ fen und Miſtſtaͤtten ihre Nahrung. Auch frißt fie Aas ſehr gern und befucht die Hochgerichte. Sonſt lebt fie von Fröſchen, Maͤuſen, Heuſchrecken, Du: ſcheln, Schnecken, und ſtiehlt auch Fiſche, Enter, Haus⸗ und Feld hühner, muͤdgehetzte Hafen u. d. Ihre Vertraulichkeit geht bis zur Unverſchaͤmtheit. Sie kommt in die Bauernhöfe, theilt mit den Schwei⸗ nen und dem Hausgefluͤgel das Futter, ſchleppt wohl auch davon mit ſich fort, ſetzt ſich den Haus⸗ thieren auf den Rücken, bohrt in die Strohdaͤcher, um aus voohlgefül ten Scheunen Getreide heraus zu⸗ hohlen, ſtiehlt in Gaͤrten Birnen und Wallnuͤſſe, und laßt oft in die Blumenbeete die Knechen fallen, die ſie fand. Der Saat iſt ſie nicht ſo gefaͤhrlich, als die Saatkraͤhe, und auch ſie vertilgt Inſecten und Wuͤrmer. Ihr Geſchrey iſt bald hell, bald dunkel, immer aber unangenehm, und mit Verbeugungen und Grimacen verbunden. Den Sommer uͤber laͤßt ſich keine bey uns ſehen. Ihre Ankunft verkuͤndigt den Herbſt und Winter, ihr Wegziehen aber, daß nun kein Froſt mehr zu beſorgen ſey. Immer nur Ein Paar niſtet auf einem Eichen⸗Apfel⸗ oder andern | X 2 Baume
164 Die Dohle.
Baume in Gaͤrten und Feldhölzern. So treu liebt fie die aus ihren 4—6 hellgruͤnen und braun geſtrichel⸗ ten Eyern hervorkommenden Jungen, daß man den Baum umhauen kann, ohne daß fie ihr Neſt verließe. Der Bandwurm ſoll die Nebelkraͤhen [hr quaͤlen. Nur ſo groß wie eine Taube iſt die Dohle 0 Monedula, /e Choucas 70), deren Heimath das nordweſtliche Europa iſt. Ihr Hinterkopf iſt etwas lichtgrau, ſonſt iſt ſie ganz ſchwarz, nur am Unter⸗ leibe heller. In Sumatra findet man eine gelbliche Dohle, die die Menſchenſtimme, vollkommner als irgend ein Vogel, nachahmen ſoll. Auch die Dohle vertilgt Regenwuͤrmer und Erdmaden in Menze, erweist den Schafen den Gefallen, ihnen die Laͤuſe vom Ruͤ⸗ cken zu hohlen, frißt aber auch Getreide, Huͤlſen⸗ fruͤchte und gruͤne Saat. Alles Glaͤnzende ſtiehlt ſie und traͤgt es in ihr Neſt. Dieß koſtete einſt einem Unſchuldigen in Merſeburg das geben. Ihm wurde der Diebſtahl eines Ringes zugeſchrieben, den doch eine Dohle begangen hatte, Umſonſt betheuerte der arme Kammerdiener ſeine Unſchuld. Die Schmer⸗ zen der Folter erpreßten ihm endlich das Geſtaͤndniß, er ſey der Thaͤter, und brachten ihn aufs Blutgeruͤſte. Bald nachher fand man den Ring in einem Doh⸗ len⸗
Die Bartdohle. 165
lenneſte. So wurden auch erſt vor Kurzem in elnem ſolchen Neſte auf dem Erfurter Domdache viele roͤmiſche Münzen gefunden.
Am Ende des Octobers ſieht man eine zahlloſe Menge Raben, Saatkraͤhen unter Jack⸗Jack⸗Ru⸗ fen, von einem Orte zum andern ziehen. Die ver⸗ ſchiedenen Schwaͤrme machen oft Kreiſe in der Luft, als wollten ſie ſich etwas aufhalten, damit die Nach⸗ kommenden, vielleicht Schwaͤchern, nicht gar zu weit zuruͤckbleiben. Außer Jack rufen die Dohlen auch Tian. Sie niſten Colonienweiſe. In Schichten bauen ſie auf Baͤume, alte Thuͤrme und in das Ge⸗ baͤlke verlaßner Schloͤſſer ihre Leſter übereinander, fuͤhren eine treue und keuſche Ehe, ſchnaͤbeln ſich wie die Tauben, plaudern beſtaͤndig, ſtehlen einander die Baumaterialien, ſinnen dann auf Rache, und zei⸗ gen ſich in der That als muntere, liſtige Vögel, Sie legen 5 — 6 meergruͤne, dunkelgefleckte Eper. Sie lernen leicht reden, aber ihre Dieberey empfiehlt ſie eben nicht zu Hausthieren. Seltſam ſieht die Bartdohle (C. Hottentottus, le Choucas du Cap de bonne efperance 21) aus. Zwar find auch ihre Federn ſchwarz und ſchillernd; aber der lange Bart, um den noch viele kurze Borſten herumſiehen, und
+3 / die
166 Der Holzheher. die ſtruppigen Federn am Halſe, die wle eine Maͤhne ausſehen, zeichnen dieſe Dohle ſehr aus. Sie wohnt auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung und iſt ſo groß wie eine Amſel. A Ein nieblicher Vogel iſt der Zolzheher (C. Glandarius, le Seals, Marcolph, Hezle, Herrenvo⸗ gel u. a. 72), der in den europaͤiſchen Waldungen wohnt. Er iſt ſo groß wie eine Dohle. Die Haupt⸗ farbe feines aͤußerſt feinen Gefieders iſt blaßroͤthlich afcheran. Ein artiger gefleckter Federbuſch, ein ſchwarzer Fleck an beyden Seiten des Schnabels, und prächtig blaue große Fluͤgel-Deckfedern mit weis ßen und ſchwarzen Stellen machen ihn kenntlich. Unaufhdͤrlich iſt er in Bewegung, verſucht alle Stel⸗ lungen, klemmt ſich auch wohl zuweilen den Kopf zwiſchen zwey Zweige, und ahmt das Geſchrey der Eulen, Falken und anderer Vogel, die zum Singen nicht mehr Talent als er ſelbſt beſitzen, ja wohl die Sprache der Menſchen nach, und ganz beſonders gelingt ihm das Wort Richard. Beym Anblick eines Rauboogels, ſchlaͤgt er durch den ganzen Wald Laͤrm, und bald iſt Verſtaͤrkung da. Oft verraͤth ſein Ge⸗ ſchrey dem Jaͤger die verlorne Spur des Wildes; aber eben ſo oft warnt es auch dieſes vor der Annaͤ⸗ herung
Der Nußheher. 167
herung des Jaͤgers. Dem Krammetsvogel in der Schlinge hackt er das Gebirn aus, bleibt aber zu⸗ weilen ſelbſt Hängen; Lebensmittel verſteckt er, ver: gißt aber oft, wo er ſie hingethan hat, und manche gewaltige Eiche, mancher ſchoͤne Nußbaum verdankt dieſem diebſſchen Vergraben des Solzhehers ſein Daſeyn. Eicheln, Kaſtanien, Erbſen, Beeren, Kir⸗ ſchen, kleine Vögel, die er im Fluge und aus den Schlingen raubt, find feine Nahrung. Nelkenſa⸗ men iſt ihm beſonders lieb. Gibt man ihm mehrere Nelken hintereinander, ſo legt er ſie neben ſich. Jetzt nimmt er eine nach der andern, tritt mit dem Fuße darauf, entblaͤttert ſie Blatt fuͤr Blatt, und hohlt den Samen aus dem Kelche. Im May bauen die Holzheher ihre Neſter auf Eichen und Tannen, umgeben ſie außen mit groͤbern Zweigen als einer Bruſtwehre, und legen 4 — 7 graugruͤne, dunkelpun⸗ ctirte Eper. Die Jungen bleiben das Jahr uͤber bey ihren Eltern. Erſt im naͤchſten Fruͤhjahre er⸗ ſcheint der blaue Prachtſchild, und mit ihm die Luſt ſelbſt Familien zu ſtiften. Als Hausvogel freſſen fie alles, find aber ſehr unruhig und geſchwaͤtzig. Auch weiße und fünfzehige Holsheher finder man. Zwar eben ſo groß, aber lange nicht ſo ſchoͤn iſt “ Nußheher (C. Caryocatactes, le Caffenoix, 23). Sein
168 Die Aelſter.
Sein ſchwarzbrauner Leib hat weiße Flecken die theils rund, theils eckig ſind. Die Schwung⸗ und Schwanzfedern find ſchwarz, letztere mit weißen En⸗ ten. Der Schnabel iſt bis über die Naſeunldcher mit zuruͤckgeſchlagnen, weiß und braun geſtreiften Federchen bedeckt. Uebrigens iſt er lang, glatt, an den Seiten zuſammengedruͤckt, mit breiten, ſchnel⸗ denden Spitzen. Die obere Kinnlade geht uͤber die untere etwas vor. Er iſt ein einfaͤltiger, geſchwaͤ⸗ tziger und dreiſter Vogel, und wohnt in dicken, ge⸗ birgigen Waͤldern. Die Alten kann man mit dem Stocke todtſchlagen, die Jungen mit den Haͤnden fangen. Nuͤße, die er bald ganz verſchluckt, bald aufs bohrt, ſind ſeine vorzuͤglichſte Nahrung. Doch frißt er auch Inſecten, z. B. Bienen, Welpen, Käfer, ſo wie auch Tannenſamen, Eicheln und Beeren. In großen Scharen ſtreichen fie von ihren Gebirgen in die Ebnen herab. Sie niſten in Baumhoͤhlen, hacken wie dle Spechte, und verrathen ſich dadurch dem Jaͤger. — ͤ ——— ä — en ann an 1 Tab. XXI. DAT Die Aelſter. (74) Die Mandelkraͤhe. fe Der Plauderer. (26) Der Maisdieb. (77) Noch einen Vogel vom Rabengeſchlechte, voll In⸗ ſtinet und Munterkeit, muͤßen wir beſchreiben. Dies if
Die Aelſter. 169
iſt die Aelſter (C. Pica, Ia Pie, Azel, Heiſter 74), die zwar der Rabenkraͤhe etwas ähnlich iſt, ſich aber doch durch ihre kleinere Geſtalt, ihr ſchwarz und weiß⸗ buntes und, je nachdem man fie haͤlt, ſchoͤn ſpielen⸗ des Kleid, einen langen, keilfdrmigen Schwanz, den ſie aufgerichtet tragen kann, und etwas lockere, zottige Federn am Unterleibe, hinlaͤnglich auszeich⸗ net. Europa iſt ihr Aufenthalt, und ſie wohnt gern in der Nähe bewohnter Oerter. Inſecten haſcht fie im Fluge, Larven graͤbt fie aus, Vögel ſind weder in der Ruhe noch im Fluge vor ihr ſicher; ſie beſucht die Schlingen des Vogelſtellers, und iſt dreiſt genug, ſelbſt in ſein Haus zu kommen. Auch uͤber einem Krebſe hat man ſie ertappt, der ihr ar zuvorkam, und ſie mit ſeinen Scheren erwuͤrgte. Sie fliegt auf den Ruͤcken der Schweine und Schafe, um fie von Inſecten zu befreyen, was nur die erſten zu ſchaͤtzen wiſſen, die andern aber aus Furcht ſich ſchuͤttelnd verbitten. Auch ſie ſtiehlt Dinge zuſammen, die ihr unnuͤtz ſind. Im Winter frißt ſie Aas. Sobald fie Futter für ſich, oder einen drohenden Raubvogel über ſich gewahr wird, fo ruft fie mit lautem Scha⸗ haha alle Aelſtern der Nachbarſchaft zufammen, Sehr leicht wird ſie zahm und lebt mit Menſchen, ja
Voͤgel II. Theil. 7 wohl
170 Die Aelſter.
wohl mit Katzen zuſammen. Sie iſt eine ewige Schwaͤzerinn, und ahmt alle Arten von Tonen nach. Sie blockt wie ein Kalb, meckert wie eine Ziege, bellt wie ein Hund, kraͤht wie ein Hahn, gluckt wie eine Henne. Ja ſelbſt die Flöte des Schaͤſers und die Stimme des Menſchen macht ſie nach, und ſagt am Liebſten Margot (Margaretha). Auf der Erde ſitzt ſie nie ruhig, bald geht, bald huͤpft, immer aber wippt fie mit dem Schwanze. Sie iſt ſpoͤttiſch und ſchalkhaft, und lacht oft hoͤhniſch. Im Bane ihres Neſtes zeigt fie viel Klugheit. Ihr Gewiſſen, das mancher Neſtdiebſtahl druͤcken mag, ſcheint ihr zu ſagen, daß auch ſie kein beſſeres S hickſal verdiene, und eben daher geht fie fo ſicher als moͤglich zu Werke. Sie waͤhlt dazu den Platz im Dickig eines hohen Baumes. So klein das eigent⸗ liche Neſt iſt, fo macht es doch mit dem, was dazu gehort, ein Ganzes von 2 Fuß aus. Es iſt mit eis nem ſtachlichen Verhau umgeben, der den Eingang in das Neſt erſchwert, deſſen Spur das ewige Plaus dern der Aelſter allen Waldbewohnern verkaͤth. Mit vereinter Thaͤtigkeit flicht das Aelſtern⸗Paar das Gerippe desſelben aus beugſamen, kleinen Zwei⸗ gen, verkuͤttet alles mit einem aus naßgemachter Erde
Die Aelſter. 171
Erde verfertigten Mörtel, und macht daruͤber ſehr geſchickt einen Deckel aus Dornenreiſern. Die einzige Oeffnung, die in das Neſt fuͤhrt, iſt immer an der unzugaͤnglichſten Seite angebracht. Im Grunde des ſelben iſt ein weicher Polſter für die Jungen. Immer hält eins Wache und blickt nach allen Ge⸗ genden. Die Kraͤhe wird, fo wie fie erſcheint, vers folgt, um ſie von dem theuren Neſte zu entfernen. Kommt gar ein Adler oder Falke, ſo wirft ſich auch ihm die Velſter muthig entgegen, und oft weichen jene, wenn auch nicht der Uebermacht, doch aus Mitleid vielleicht; zuweilen aber kommt ſie uͤbel da⸗ von. Sieht die Lelſter einen Menſchen in die Hütte gehen, die etwa an den Stamm des Baumes, auf dem ſie ihr Neſt hat, angebaut iſt, ſo geht ſie ſicher nicht in dasſelbe, bis er wieder heraus iſt. Gehen, um ſie zu betruͤgen, zwey hinein und nur einer her⸗ aus, ſo wartet ſie geduldig auch den andern ab. Eben fo macht ſie es, wenn 2. 4. und 5. hineinge⸗ hen. Durchaus muͤßen alle heraus ſeyn, bls fie in ihr Neſt ſich begibt. Aber mit dem ſechsten iſt ihre Weisheit zu Ende. Der kann in der Huͤtte bleiben, ohne daß ſie es merkt, ſo daß ſie alſo im eigentlichen Verſtande nur fünfe zählen kann. Sie legt 7 — 8
Y 2 ſehr
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122 Die Mandelkraͤhe.
ſehr kleine, gruͤnliche, dunkelgefleckte Eyer, und, wenn man ſie wegnimmt, immer weniger. 5 Die blin⸗ den Jungen werden von ihren Eltern erſt mit Nau⸗ pen, Schnecken u. d. dann aber mit Vögeln und Eyern gefüttert. Ihr Alter bringt die Zelſter auf 20 Jahre. Das Fleiſch der Jungen ſoll nicht ganz uͤbel ſchmecken. Geſchwaͤtzigkeit hat dem Bacchus dieſen Vogel heilig gemacht. Denn wen, fraͤgt Ho⸗
raz, macht der Becher nicht beredt? | Den Rabenarten in Manchem ähnlich, jedoch ausgezeichnet genug, um eine eigne Gattung aus⸗ zumachen, find die 18 Nacker⸗ oder VBirkheher⸗ arten (Coracias). Ihr meſſerfoͤrmiger Schnabel hat eine unterwärts gekruͤmmte Spitze und iſt an der Wurzel nackt. Die knorpelige Zunge iſt geſpalten, und die kurzen Züße find Gangfuͤße. Unter ihnen verdient unſer Landsmaun, die Mandelkraͤhe (Co- racias Garrula, le Rollier, Racke, Blauracke, ges meiner Birkheher 75), als einer der ſchoͤnſten Voͤgel, wirklich den Nahmen deutſcher Papagey. Ein ins Hellblaue ſpielendes Gruͤn bedeckt faſt den ganzen Leib; nur iſt der Rüden roſtbraͤunlich und an den Deckfedern des Schwanzes und den kleinern der Fluͤgel entdeckt man ein praͤchtiges Blau. Die vor⸗ dern
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Die Mandelfrähe, 173
dern Schwungfedern find ſchwarz, unten blau, die Schwonzfedern, deren aͤußerſte etwas länger als die mitteln ſind, theils gruͤnlich, theils blau. Die Augen umgibt eine nackte gelbliche Haut, der Schna⸗ bel iſt braun, die Fuͤße gelblich. Sie iſt ſo groß als eine Dohle, und zieht im Herbſt aus den noͤrdlichen in ſuͤdliche Laͤnder, von wo ſie das Fruͤhjahr aber ziemlich fpät wieder zuruͤckbringt. Schnecken, Wuͤr⸗ mer, Fröſche, Beeren, Getreide, nicht aber, wie man aus ihrem Nahmen ſchließen möchte, Mans deln, ſind ihre Nahrung. Nur darum heißt ſie Mandelkraͤhe, weil ſie gern auf den uͤbereinander gelegten Garben, die man Mandeln nennt, zu oberſt ſitzt. Zaͤymen laͤßt fie ſich nicht. Ihre Gefangen⸗ ſchaft uͤberlebt ſie nur wenige Tage. Ihre Stimme iſt dem unangenehmen Quacken des Laubfroſches aͤhnlich. Hoch und dauerhaft, ſo wie es die weite Wanderung erfordert, iſt ihr Flug, der dicke, einfas me Wald ihr liebſter Aufenthalt. Hier macht dieſe Schwaͤzerinn in hohle Baͤume, beſonders faule Eichen, ihr Neſt, trägt eine Menge Heu, Gras, Moos und Wurzeln zu, um das Loch, ſoviel es noͤthig iſt, auszufuͤllen, bereitet dann ein Lager von Thierhaa⸗ ren, Sauborſten und Federn, und legt 4 ſchneeweiße, Y 3 glaͤn⸗
174 Der Plauderer. glänzende Eyer, die das unſaubere Thier ost be⸗ ſchmutzt. Den Jungen tragen ihre Eltern die Ae⸗ zung, Wuͤrmer und Koͤrner, nicht im Schnabel, ſon⸗ dern im Rachen zu. Dieſe kann man leicht fangen. Deſto ſchwerer aber die vorſichtigen Alten, deren Fleiſch angenehm ſchmeckt.
Einen meſſerfoͤrmigen, hinten nackten Schnabel, eine ganze fleiſchige zunge und Gangfuͤße haben alle die 132 Arten, die die Azeln⸗ Gattung (Gracula) aus⸗ machen. Zwey davon, der Plauderer und der Mais⸗ dieb, verdienen von uns naͤher gekannt zu werden. Sonderbar genug ſieht der Plauderer (G. Religio- fa, le Mainate, Mino 76) aus. Sein Gefieder iſt ſchwaͤrzlich, ins Violette fpielend, der Schnabel, fo wie die Beine, gelb. Eine hellgelbe Binde mit Lap⸗ pen umgibt den Hinterkopf, und auf den Fluͤgeln zeigt ſich ein weißer Fleck. Dieſer Vogel, der die Größe einer Dohle hat, beſitzt elne ganz vorzuͤgliche Aulage zum Reden, und ſoll es darin weiter als der Papagey bringen. Den ganzen Tag plaudert er und wird mit ſeiner Geſchicklichkeit, die er immer zeigen will, wirklich laͤſtig. Er lebt in Indien, be⸗ ſonders auf der Inſel Borneo. Seine Sitten ſind ſanft; feine Nahrung Fruͤchte. Noch fehlt es an
ge⸗
Der Maisdieb. 175 genauen Nachrichten von feiner Bar und ip pflanzung. |
Etwas kleiner iſt der Maisdieh (G. Quiscula, la Pie de la amaique 77). Das ſchwarze Gefieder des Maͤnnchens ſpielt ins Purpurfarbige, der Schna⸗ bel und die Fuͤße ſind ſchwarz. Das Weibchen iſt braun. In ganz Amerika iſt die Menge der Mais⸗ diebe ſo groß, daß durch ihren Flug zuweilen die Luft verdunkelt wird. Sie fallen auf die Mais felder, bez ſuchen im Winter die Scheunen, und thun freylich anſehnlichen Schaden. Dieſen aber verguͤten ſie da⸗ durch reichlich, daß ſie eine ungeheure Menge In⸗ ſecten, zumal die Erbſenkaͤfer, vertilgen. Well man in Penſylvanien immer nur ihre ſchlimme, nie ihre gute Seite kannte, ſo ſetzte man auf die einge⸗ lieferten Köpfe dieſer Vögel einen kleinen Preis. Ihrer wurden nun wohl zwar weniger, aber dafür vermehrten ſich die